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P.1-Mutation dominiert in Südamerika

Die in Manaus entdeckte Mutation ist besonders infektiös. Sie verursacht in Brasilien und den Nachbarländern die meisten Neuinfektionen

  • Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 4 Min.

Brasilien steht erneut im Fokus der Weltöffentlichkeit. Diesmal geht es nicht um die Regenwaldabholzung, sondern um eine in der Amazonasmetropole Manaus entstandene Coronavirus-Mutation. P.1 gilt als mitverantwortlich dafür, dass sich Brasilien in diesem Jahr zum globalen Epizentrum der Pandemie mit insgesamt über 392 000 Todesopfern entwickelte. Der größte lateinamerikanische Staat stellt etwa drei Prozent der Weltbevölkerung, verzeichnet aber zwölf Prozent aller Covid-19-Todesfälle. Am 8. April wurde der erschreckende Rekord von 4249 Opfern innerhalb eines Tages registriert.

Ob die Manaus-Mutation tödlicher ist als andere Varianten, können die Virologen bislang aber noch nicht bestätigen. Die hohe Sterberate in Brasilien lasse sich auch durch andere Faktoren wie den Zusammenbruch des Gesundheitssystems in Manaus und anderen brasilianischen Städten sowie den mangelhaften Corona-Eindämmungsmaßnahmen erklären. Sicher sind sich die Forscher indes, dass sich P.1 schneller ausbreitet und leichter übertragbar ist. Laut einer jüngst im Fachmagazin »Science« veröffentlichten Studie ist die Mutation 1,7 bis 2,4 Mal ansteckender als das ursprüngliche Coronavirus. Und vermutlich könnte sie Menschen, die bereits eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben, erneut infizieren.

Die Sache mit den Mutationen

Sars-CoV-2 ist schon lange nicht mehr Sars-CoV-2. Das ursprüngliche zweite Sars-Coronavirus aus dem chinesischen Wuhan wurde von zahlreichen Mutationen verdrängt. In Europa grassierte lange Zeit die oberitalienische Variante, bevor in diesem Jahr die britische Mutante B117 das Zepter übernahm. In Deutschland bei neuen Fällen zu 92 Prozent.

In Lateinamerika breitet sich die brasilianische Variante P.1 aus, im südlichen Afrika B1351. In Indien wird die Variante B1617 für die zuletzt starke Zunahme der Corona-Fälle verantwortlich gemacht. Da dort aber kaum sequenziert wird, ist das eher eine Vermutung. Es wurden viele weitere Varianten entdeckt, etwa in Kalifornien oder der Schweiz, die sich kaum ausbreiteten. 

Dass ein Virus mutiert, ist normal. »Erfolgreich« werden die Varianten dann, wenn sie infektiöser sind, aber oft auch, wenn sie weniger tödlich sind. Und erst recht, wenn es zum sogenannten Immunescape kommt: Sie entkommen der Immunantwort nach einer Impfung oder früheren Infektion, indem sich im Falle des Coronavirus das Spike-Protein verändert, das an den Körperzellen andockt. Allerdings könnten T-Zellen dem entgegenwirken. Nach bisherigen Erkenntnissen führt die britische Mutante nicht zum »Immunescape«. Bei anderen Varianten gibt es Vermutungen, aber bislang keine Belege. 

Forscher gehen indes davon aus, dass es auf längere Sicht ein Wettrennen zwischen Mutationen und veränderten Impfstoffen geben wird. Dank der Grundimmunisierung könnte das Virus zudem weniger tödlich sein und zu weniger schweren Verläufen führen. Möglicherweise wird Covid-19 irgendwann der saisonalen Grippe ähneln. KSte

Ausgehend von Manaus, wo sie höchstwahrscheinlich zwischen Anfang Oktober und Ende November 2020 erstmals auftrat, hat sich P.1 über ganz Brasilien verbreitet und gilt inzwischen als dominierende Mutation im Land. In Rio de Janeiro ist sie seit Anfang April für über 80 Prozent der Corona-Fälle verantwortlich. Eine aktuelle Stichprobenuntersuchung der Bundesuniversität São Paulo ergab, dass in der 20 Millionen Einwohner zählenden Metropole die Quote der P.1-Infektionen innerhalb von zwölf Wochen von Null auf heute 91 Prozent hochschnellte.

Aufgrund zu spät verhängter Reisebeschränkungen konnten Virologen die brasilianische Mutante schon in wenigstens 37 Ländern rund um den Globus nachweisen. Schon im Januar hatten Reiserückkehrer aus Amazonien die Manaus-Variante nach Europa eingeschleppt. Laut Robert-Koch-Institut wurden bis heute wenige Hundert P.1-Erkrankungen oder Verdachtsfälle in Deutschland identifiziert, schätzungsweise 0,1 Prozent aller Infektionen. Im Nachbarland Frankreich sind es laut offiziellen Daten 0,5 Prozent. In den Niederlanden stieg der Anteil der brasilianischen Variante von 0,5 Prozent Anfang März auf 1,5 Prozent Ende März an. Auch in den bei Deutschen beliebten Urlaubsländern Portugal und Spanien hat P.1 bereits einen Fuß in der Tür.

Eines der am stärksten von der Mutante aus Brasilien heimgesuchten Länder außerhalb Südamerikas ist Kanada. Die Gesundbehörden registrierten bis zum 20. April insgesamt 2289 Fälle. Die meisten davon in der Provinz Britisch Columbia, wo die P.1-Epidemie im März im Skitourismuszentrum Whistler ausbrach.

Hauptbetroffene der rasanten Ausbreitung der Covid-Variante aus Amazonien sind aber Brasiliens Nachbarländer und wiederum deren Nachbarn. Mehrere Tausend Kilometer schwer zu kontrollierende Grenzen plus fehlende Lockdowns und mangelnde Reisebeschränkungen verbreiteten P.1 wie ein Lauffeuer. In Argentinien kursiert die Manaus-Variante seit Anfang Februar. Kürzlich warnte Gesundheitsminister Daniel Gollan, dass 74 Prozent der Coronavirus-Positiven in der Hauptstadtregion La Plata mit der brasilianischen Mutation infiziert sind. Auch Paraguay, Bolivien, Kolumbien, Venezuela und nicht zuletzt Peru, das über den Amazonas-Fluss direkt mit Manaus verbunden ist, beklagen zunehmende Infektionen. Laut Ärzte ohne Grenzen werde Peru derzeit von einer tödlichen Covid-19-Welle überwältigt, die durch die P1-Variante mit ausgelöst worden sei. Bereits Ende März war die brasilianische Mutation für 40 Prozent der Fälle in der Hauptstadt Lima verantwortlich gewesen, so die Daten des peruanischen Gesundheitsministeriums. In Chile breitet sich P.1 trotz eines rapiden Impftempos - ein Drittel der Bevölkerung ist schon vollständig geimpft - aus. Forscher mutmaßen, dies könnte unter anderem daran liegen, dass das hauptsächlich verwendete chinesische Vakzin Coronavac hier besonders mäßig wirkt.

In Uruguay wurde die Variante bereits in 16 Provinzen eingeschleppt. In drei Provinzen sei P.1 heute mit 80 bis 90 Prozent der dominierende Virustyp, so Uruguays oberster Gesundheitschef Miguel Asqueta. »Früher war das Paradigma, dass sich Kinder nicht infizieren. Doch jetzt haben wir Zahlen, die uns etwas anderes sagen. Früher sind junge Menschen nicht gestorben, und jetzt tun sie es«, beklagt er.

Asquetas Aussage deckt sich mit den Erfahrungen anderer Länder, in denen die P.1-Variante zunehmend auch junge Menschen ernsthaft erkranken lässt. In Brasilien waren im März die Intensivstationen zu mehr als der Hälfte mit Corona-Patienten unter 40 Jahren belegt, so die Daten der Vereinigung für Intensivmedizin. Wissenschaftlich belegt ist dieser Zusammenhang allerdings noch nicht.

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