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Wirtschaft sucht Fachkräfte

Coronakrise verschärft ohnehin bestehenden Qualifizierten-Mangel dramatisch

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

Dieter Mießen sagt nur wenige Sätze, aber die bleiben hängen: »Wenn jemand seine Hausaufgaben auf dem Smartphone der Mutter machen muss, dann fällt die Berufsorientierung weg«, erklärt der Kaufmännische Leiter bei der Frisch & Faust Tiefbau GmbH am Mittwochmorgen. Mießen versucht, den Teilnehmer*innen der Online-Präsentation des diesjährigen Fachkräftemonitors begreiflich zu machen, wie schwer es ist, Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien zu erreichen, wenn es um eine mögliche Berufsausbildung geht. Dieser Umstand verschärfte sich mit Beginn der Pandemie umso mehr, weil mögliche Beratungstermine »nicht 1:1 in ein Onlineangebot übertragen wurden«, kritisiert der Kaufmann. Man habe die Mitarbeiter*innen aus den Jugendberufsberatungen abgezogen, um die Lücken im Leistungsbezug wegen coronabedingter Kurzarbeit und Jobverlust zu schließen - zu Recht, erläutert Mießen. »Aber man kann nicht das eine tun und das andere lassen.«

Fast 380.000 Fachkräfte fehlen

Die Jugendlichen, von denen Dieter Mießen spricht, könnten zu den künftig fehlenden Fachkräften in der Hauptstadt zählen. Die Prognose des sich verschärfenden Mangels von beruflich Qualifizierten fällt seitens der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin dramatisch aus. »Wir gehen davon aus, dass dieser im Jahr 2035 siebenmal höher liegt als in diesem Jahr«, so Jörg Nolte von der IHK. In 13 Jahren bliebe demnach jede vierte Stelle, für die eine berufliche Qualifikation notwendig ist, unbesetzt. Noch deutlicher gestaltet es sich bei den Akademiker*innen. Hier bliebe sogar jede dritte Stelle unbesetzt.

Besonders drastisch zeige sich der Mangel in technischen Berufen, etwa in der Industrie oder der Fertigungstechnik, heißt es. Hier könnte das Angebot an Fachkräften im Jahr 2035 lediglich knapp 40 Prozent der Nachfrage decken, erwartet die IHK. »Beruflich Qualifizierte mit technischer Ausrichtung spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, akute Herausforderungen wie den Strukturwandel, Digitalisierung oder Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz anzugehen«, so die Einschätzung der IHK. Aber auch in Erziehungs- und Pflegeberufen fehlten viele Fachkräfte. 45 Prozent der Stellen blieben in dieser Branche demnach bis 2035 unbesetzt.

Problem soll politisch gelöst werden

Um dem Problem zu begegnen, bräuchte es in Berlin unter anderem bezahlbaren Wohnraum sowie ein ausreichendes Angebot an Betreuungsplätzen, sagte Nolte. »Uns ist es wichtig, die Rahmenbedingungen zur Schaffung neuer Jobs anzukurbeln.« Der IHK-Vertreter sieht die Landesregierung aber auch beim Abbau von Bürokratie und anderen Hindernissen in der Pflicht, die einer gezielten Erwerbsmigration entgegenstehen.

Wenn Jörg Nolte von einer »Stärkung der Willkommenskultur« spricht, geht es ihm jedoch vor allem um die Hochqualifizierten, denen man für ihre Kinder ein »optimales Bildungsangebot« machen müsse - noch spielten die Berliner Schulen nicht »in der internationalen Top-Liga«.

Generell müssten in den Schulen wiederum mehr und bessere berufsorientierende Angebote für die Schüler*innen gemacht werden. »Vielen Jugendlichen ist gar nicht bewusst, welche Talente sie eigentlich haben. Viele entscheiden sich dann für einfachere Wege als etwa eine Ausbildung«, so Nolte.

»Corona-Effekt« wirkt bereits

Klar ist, die Coronakrise verringert den Fachkräfte-Engpass nur vorübergehend. Ohne die Pandemie und ihre Auswirkungen würde die prognostizierte »Lücke« zwischen Fachkräfteangebot und -nachfrage bei 138 000 liegen; durch die Krise liegt sie aktuell hingegen »nur« bei 55 000, so die IHK. Gemeint sind hier die von den Eindämmungsmaßnahmen besonders betroffenen Branchen Gastgewerbe, Handel, Industrie sowie die personenbezogenen Dienstleistungen.

Die Lücke klafft aber schon in diesem Jahr wieder weiter auf. Im Gesundheitswesen zeigt der Vergleich mit der Vor-Corona-Prognose, dass 2021 sogar zusätzlich 2000 Fachkräfte fehlen werden. Spätestens mit dem Renteneintritt der sogenannten Babyboomer-Jahrgänge ab Mitte der 2020er Jahre wird sich die Lage in allen Branchen allerdings dramatisch verschärfen.

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