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Zwielichtige Sprache

Die Sprache der Pandemie ist eigenartig. Sie verdeckt mehr, als dass sie aufklärt.

»Wir müssen jetzt schauen«, »verhindern, dass die Mutation zu uns kommt«, »erst wenige Fälle« - in der Pandemie hat sich eine journalistische Sprache entwickelt, die die Ideologie der fehlenden Seuchenstrategie widerspiegelt. Täglich werden wir in Nachrichten mit Sätzen konfrontiert, die wissenschaftlich unhaltbar, widerlegt, Wochen und Monate zu spät oder schlicht falsch sind. Das ist nur konsequent: Öffentlichkeit und Wissenschaftskommunikation dürfen den politischen Willen nicht überrunden.

In der vergangenen Woche haben wir die brisante Corona-Lage in Indien entdeckt. Zu einer Einstellung der Flugverbindungen reichte es zwar nicht, dennoch war hier und da die Hoffnung zu vernehmen, die indische Mutante daran zu hindern, zu uns ins Gehege zu kommen. Man mochte sich darüber wundern, hat sich dieser hehre Wunsch doch bisher weder beim Wildtyp, noch bei irgendeiner Mutante erfüllt. Am Donnerstag meldete der Online-Auftritt der »Tagesschau« zunächst entwarnend: »Bislang wenige Fälle der indischen Variante.« Die Nachricht wäre gewesen, dass die indische Mutante, die in der größten Demokratie der Welt gerade auf die Marke von 4000 Toten pro Tag zusteuert. Punkt.

Nun ist es wie bei der brasilianischen Mutante: Die bloße Anwesenheit bei uns bedeutet nicht, dass sich die am Herkunftsort beobachtete Durchseuchungsdynamik wiederholt. Im brasilianischen Manaus traf die dortige Variante auf eine Bevölkerung, die sich durch die offene Durchseuchungspolitik in einem Zustand nahe der Herdenimmunität gegenüber dem Wildtyp des Virus befand. Doch erst dieser Zustand führte dazu, dass sich die zufällige Mutation von P.1 zu einem evolutionären Vorteil entwickelte. Im Anschluss fraß sich das Virus durch eine Bevölkerung, die bereits einen erheblichen Blutzoll an Corona geleistet hatte. Dass P.1 bei uns nicht dasselbe Kunststück gelang, liegt an einem anderen Immunitätszustand der hiesigen Bevölkerung. Dennoch ist die Mutante hier und kann, wie nun auch die indische Variante, bei entsprechend veränderten Bedingungen einen neuen Zyklus der Durchseuchung lostreten. Ob dies passiert und unter welchen Bedingungen - das herauszufinden ist die Aufgabe der Naturwissenschaften.

Ihre Hausaufgaben machen die Akademiker zuverlässig, nur hört ihnen niemand zu. Insbesondere in den Wochen rund um Ostern ist ein Ausspruch aus der Politik wieder und wieder gefallen, der eigentlich frappierender nicht hätte sein können. Man müsse »jetzt schauen«, hieß es da, was diese und jene Entwicklung, diese und jene Unsicherheit in den Zahlen bedeute. Stellen Sie sich vor, Sie fahren 165 km/h auf der Autobahn und eine Nebelbank tritt auf. Sie möchten bremsen - aber Armin Laschet erzählt vom Beifahrer*innensitz mit ruhiger Stimme, dass man in den nächsten Kilometern jetzt genau schauen müsse, was innerhalb der Nebelbank passiert ist.

Etwas zunächst »schauen« zu müssen ergibt nur Sinn, wenn man es noch nicht kennt. Das ist aber nicht der Fall. Wir haben eine erdrückende wissenschaftliche Evidenz, das Virus betreffend. Die Rede vom »Schauen« aus der Politik suggeriert das Gegenteil, nämlich, dass man eigentlich immer noch zu wenig wisse, um überhaupt in die eine oder andere Richtung reagieren zu können. Das kreuzt im Gewässer der politischen Lüge - eine Lüge, die verdecken soll, dass es nicht am Wissen mangelt, sondern am Willen. Man rechtfertigt mit dem »Noch-Schauen-Müssen« die kontrollierte Durchseuchung der Bevölkerung, die politisch längst beschlossen ist. Die Redewendung erfüllt also eine zutiefst ideologische Funktion.

Wenn die Politik eine Lüge vorgibt, folgen mit der Sicherheit eines Naturgesetzes Öffentlichkeit und staatstragender Journalismus. Man kann die systematische Verbreitung der Unwahrheit an unserer Sprache zeigen, sie exakt nachweisen. Oder: sie fühlen. Etwa, indem das Aufschlagen einer Zeitung in diesen Tagen denselben Charme hat wie ein Kopfstoß gegen den Küchenschrank.

Wir lernen: Bis hierhin waren Naturwissenschaften eher handzahm. Inzwischen besitzen sie ein revolutionäres Potenzial.

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