Zocken mit Übermut

Der Kollaps des US-Hedgefonds Archegos zieht immer weitere Kreise

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Lehren aus der Finanzkrise scheinen viele Bankvorstände vergessen zu haben. Nach dem Wirecard-Krimi und der Greensill-Pleite erschüttert nun eine weitere milliardenschwere Zockerei das Vertrauen in die Finanzwirtschaft. Die Credit Suisse (CS), eine der größten Banken Europas, bestätigte auf ihrer Hauptversammlung am Freitag einen 4,4 Milliarden Franken (rund vier Milliarden Euro) schweren Verlust aus dem Kollaps des Hedgefonds Archegos. Zusätzliche 600 Millionen Franken wurden für weitere Verluste im zweiten Quartal zurückgestellt. Credit Suisse dürfte damit der größte Verlierer sein. Doch auch andere Banken setzten Milliarden auf Archegos.

An den Börsen kann man seit der Finanzkrise leicht Geld »verdienen«. Darauf setzte auch Bill Hwang. Sung Kook »Bill« Hwang ist ein 1964 in Südkorea geborener New Yorker Finanzinvestor. Ende März dieses Jahres berichteten amerikanische Zeitungen erstmals, dass Hwangs »Archegos Capital Management« in wenigen Tagen einen zweistelligen Milliardenbetrag verloren hätte. Archegos nennt sich selber Family-Office. Der Begriff bezeichnet ein Unternehmen, das private Vermögen von Familien verwaltet. Auch großen Banken unterhalten solche Spezialeinheiten für ihre reiche und superreiche Kundschaft. Doch nicht immer werden die Millionen und Milliarden seriös und risikoarm angelegt.

So bestand die Geschäftsidee von Archegos in hochspekulativen Börsenwetten - statt vergleichsweise risikoarm auf ein breites Portfolio aus vielen Aktien aus unterschiedlichen Branchen und Ländern zu setzen. Archegos setzte offenbar sogar fast alles auf eine Karte, also auf Aktien weniger überwiegend amerikanischer Konzerne.

Das Geld für seine Börsenwetten pumpte sich Archegos dann bei Banken. Allein die Investmentbanker der Credit Suisse in Amerika hatten Kredite in zweistelliger Milliardenhöhe gewährt. Doch Hwangs Zockerei ging schief. Und die bei CS als Sicherheit hinterlegten Aktien verloren stark an Wert. Der Verkauf dieser Aktienpakete bescherte der Schweizer Großbank den Verlust von fünf Milliarden Franken.

Zunächst ist rätselhaft - es verstößt zumindest gegen die ungeschriebenen Regeln guter Unternehmensführung -, wie ein Institut ein solches Risiko mit einem einzigen Kunden aufbauen kann. Nun hat die Suche nach Schuldigen begonnen. Grundsätzlich gibt es in Banken immer ein Spannungsverhältnis zwischen Händlern, die an möglichst hohen Umsätzen im Investmentgeschäft interessiert sind. Schließlich hängt die Höhe ihrer Vergütung vom Erfolg ab. Auf die Bremse tritt dagegen das Risikomanagement. Es soll verhindern, dass die Banker übermütig werden.

Bei CS war für das Risikomanagement der Archegos-Geschäfte bis vor kurzem ausgerechnet ein Mann zuständig, der zuvor heikle Wertpapiere an Archegos verkauft hatte, berichtet die »Neue Zürcher Zeitung«. Wurde also der Bock zum Gärtner gemacht? Genau dies sollte nicht mehr passieren, lautet eine Lehre aus der Finanzkrise.

Dass nicht einzelne Sündenböcke schuld sind, sondern die Probleme grundsätzlicher sind, zeigt gerade der Fall Archegos. Nicht allein CS, sondern auch der japanische Gigant Nomura, Morgan Stanley und andere amerikanische Banken sowie die zweite schweizerische Großbank UBS vergaben großzügig Kredite an den US-Hedgefonds. Das machte die Archegos-Pleite dann besonders teuer. »Es zeigte sich, dass vergleichbare Positionen in denselben Aktien mit anderen Banken aufgebaut wurden«, sagte UBS-Chef Ralph Hamers am Wochenende in einem Zeitungsinterview. Dadurch sei ein »Konzentrationsrisiko« entstanden: Wenn etwas schiefläuft, reagieren alle gleich und zur selben Zeit. Die Folge ist ein extremer Fall der Aktienpreise. Weitergehende Informationen zu dem Debakel um Archegos gab es auf der Hauptversammlung nicht.

Glück hatte die Deutsche Bank. Deutschlands größtes Geldhaus hatte ebenfalls Geschäfte mit Archegos gemacht, die Risiken aber nach eigener Angabe rechtzeitig »heruntergefahren«. Laut des Infodienstes Bloomberg wurden Ende März Wertpapiere für 3,4 Milliarden Euro verkauft, die Archegos als Sicherheit hinterlegt hatte. Warum aber, so fragen Beobachter, war die Deutsche Bank überhaupt noch so große Risiken mit dem Hedgefonds eingegangen? Schließlich wollte Bankchef Christian Sewing das frühere Zockerimage der Bank endlich loswerden. Als Pointe mag gelten, dass die Investmentabteilungen der beteiligten Banken, die mit dem Handel von Wertpapieren und die Vermögensverwaltung reicher Kunden betraut sind, trotz des Archegos-Debakels im ersten Quartal unterm Strich kräftige Milliardengewinne eingefahren haben.

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