Mehr fair gehandelter Kaffee in den Tassen

Fairtrade-Branche leidet unter Corona-Maßnahmen der Politik

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach dem besten Jahr in ihrer Geschichte beklagt die Handelsorganisation Fairtrade nun eine »kleine Delle«. Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten ging im Jahr 2020 um rund fünf Prozent zurück, sagte Vorstandsvorsitzender Dieter Overath am Mittwoch in einer Online-Pressekonferenz in Köln. Im Coronajahr gaben die Verbraucher in Deutschland immerhin noch 1,9 Milliarden Euro für Fairtrade-Produkte aus. Gerade bei jungen Konsumenten habe aber in der Pandemie das Vertrauen in Fairtrade-Produkte zugenommen. Für das laufende Jahr 2021 hofft Overath wieder auf Wachstum.

Damit zahlt die Fairtrade-Organisation einen Preis für ihre Expansion in den vergangenen zwei Jahrzehnten. So litt besonders das vergleichsweise junge Außerhausgeschäft unter den Pandemiemaßnahmen von Bund und Ländern. Der Umsatz mit Fairtrade-Getränken in den Zügen der Deutschen Bahn oder in den Mensen von Universitäten brach förmlich zusammen. Und die zeitweise Schließung des Einzelhandels traf auch den Verkauf von Textilien aus Fairtrade-Baumwolle überaus hart. Hier sanken die Verkaufszahlen um 30 Prozent.

Eine erstaunliche Wirkung hatte die Einführung von Fairtrade-Bananen im vergangenen Jahr bei Lidl. Der nach Filialen größte Discounter-Konzern der Welt hatte die »faire« Aktion mit einer millionenschweren medialen Kampagne beworben. Das führte im Lebensmitteleinzelhandel in der Folge zu heftigen »Preiseinstiegskämpfen«, beklagte Overath. Dem hätte sich der Lebensmittelriese nicht entziehen können und ebenfalls eine »Unter-1-Euro-Banane« eingeführt. Der Preis versteht sich pro Kilo. Der Verkauf von Fairtrade-Bananen sei daraufhin im vergangenen Jahr um 14 Prozent eingebrochen.

Andere recht neue Produktlinien zahlten sich dagegen aus. Mittlerweile gibt es sogar »faire« Berufsbekleidung. Die Beschäftigten in den Baumärkten von Obi, in den Filialen des Lebensmittelhändlers Norma und in den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) arbeiten laut Overath nun in Fairtrade-Hosen und -jacken.

Unterm Strich zahlte sich der umstrittene Gang vor einem Jahrzehnt in die Discounter- und Supermarktketten für den nachhaltigen Handel auch im Coronajahr 2020 aus. Da Lidl, Aldi und Co. angesichts des in Deutschland gesättigten Marktes immer stärker im Ausland investieren, erzielte Fairtrade in Frankreich, Polen und Rumänien erhebliche Zuwächse.

Mit einem Volumen von 492 Millionen Euro ist Kaffee, neben Kakao, der größte Umsatzbringer im Fairtrade-Handel. Der Umsatz mit den wach machenden Bohnen legte im vergangenen Jahr um sechs Prozent auf 24 000 Tonnen zu. Fairtrade-Kaffee hat damit einen Marktanteil von rund fünf Prozent.

Am Kaffee lässt sich aber auch der Nutzen von Fairtrade für die Produzenten ablesen: Für die anlaufende Ernte erwarten die meisten Beobachter laut Experten der Commerzbank kräftige Einbußen von rund 25 Prozent und entsprechend steigende Preise. Dagegen drückt bei Kakao ein hohes Angebot sowohl aus der beendeten Haupt- als auch aus der angelaufenen Zwischenernte auf den Preis. Dies wiederum führt dazu, dass die Bauern im konventionellen Handel für ihre Ernte weniger Geld bekommen.

Der 1992 gegründete Fairtrade-Verein sichert seinen Partnern jedoch stabile Abnahmemengen und Preise zu, zahlt unter bestimmten Bedingungen Prämien und berät Projekte im Globalen Süden. Fairtrade-Organisationen gibt es in 19 Ländern. Sie vergeben ein Siegel für Waren, die aus »fairem Handel« stammen, bei deren Herstellung also bestimmte soziale, ökologische und ökonomische Kriterien eingehalten wurden. Fairtrade zahlte Prämien im Umfang von 38 Millionen Euro an die Produzenten, zudem flossen 15 Millionen Euro als Corona-Nothilfe.

Dabei ist fairer Handel nicht gleich fairer Handel. Teils kooperiert die alternative Handelsbranche, teils ist man sich nicht grün. Einige Anbieter wie El Puente oder Banafair »verzichten« auf das Fairtrade-Siegel. Die im 2006 gegründeten Dachverband Forum Fairer Handel (FFH) zusammengeschlossenen Organisationen setzen stärker auf Bio, haben strengere soziale Regeln oder halten Fairtrade für zu kommerziell. Das Fairtrade-Siegel klebe schließlich auch auf Dickmachern wie Schokobananen oder auf Rosen, die in Kenia oder Äthiopien wuchsen. Andere wie der Importeur Gepa nutzen zwar das Fairtrade-Siegel wegen seines hohen Bekanntheitsgrades, legen aber Wert darauf, dass ihre eigenen Produkte aus südlichen Ländern zu 100 Prozent fair gehandelt seien.

Anlässlich des »Internationalen Tages des Fairen Handels« an diesem Sonnabend rufen FFH und der Weltladen-Dachverband die nächste Bundesregierung und Legislative zum Aufbruch in eine sozial und ökologisch zukunftsfähige Wirtschaft auf. Unter dem Motto »Die Welt braucht einen Tapetenwechsel« planen Hunderte Weltläden in Deutschland Aktionen.

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