Hunde und Dämonen

Vor 55 Jahren waren die Beach Boys ein Album lang die besseren Beatles

Die legendäre Gretchenfrage: »Beatles oder Rolling Stones?« Von wegen! Der wahre musikalische Wettstreit der 60er Jahre fand zwischen den Beach Boys und den Beatles statt. Um genau zu sein: zwischen Brian Wilson und Paul McCartney. Und ein Album lang sah es so aus, als würde der Beach Boy gewinnen.

Wir schreiben das Jahr 1966. Brian Wilson hat die Surfsongs satt. Statt die Freuden des Strandlebens zu besingen, will er in die Untiefen der Psyche eintauchen. Dort sieht es bei ihm ziemlich düster aus. Die Kindheit unter einem sadistischen Vater, dem er unter anderem ein taub geprügeltes Ohr verdankt, hat in Wilsons sensiblem Gemüt verheerende Schäden angerichtet.

Der Erfolg mit den Beach Boys hat diese seelischen Verätzungen nicht zu heilen vermocht. Die inneren Dämonen sind lebhafter denn je. Wilson fühlt sich als Außenseiter. Als Mensch, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint (»I just wasn’t made for these times«), der gern beweisen würde, wie groß und unabhängig er geworden ist, doch - ach! - »so bin ich nicht« (»That’s not me«).

Und so geht es in einem fort. Der Gegenwart kann Wilson nicht allzu viel Positives abgewinnen. Er sehnt den Tag herbei, an dem seine Freundin (?) wieder liebesfähig ist (»I’m waiting for the day when you can love again«). Beklagt, dass ein geliebtes Mädchen sich verändert und seine glückliche Aura verloren hat (»Where is the girl I used to know? How could you lose that happy glow? Oh, Caroline, no«). Sehnt bessere Zeiten herbei: »Wäre es nicht schön, wenn …« (»Wouldn’t it be nice if …«). Braucht Trost: »Sag nichts, leg einfach deinen Kopf auf meine Schulter« (»Don’t talk, put your head on my shoulder«). Und jammert auf diese Weise ein komplettes Album voll. »Pet Sounds« ist ein Zeugnis des Selbstmitleids.

Aber was für eines! Lange bevor Hip-Hop die Vorzüge des Samplings entdeckt, entwickelt Wilson seine ganz eigenen Klangcollagen, in denen Hundebellen, Alltagsgeräusche (wie scheppernde Dosen, Fahrradklingeln, ein vorbeifahrender Zug) und Kirchenorgeln wie selbstverständlich in die Musik mit einfließen. Darüber hinaus - das hat er von seinem Mentor Phil Spector gelernt - vervielfältigt er die Stimmen und Instrumente, unterlegt sie zusätzlich mit Hall und erzeugt dadurch ein orchestrales, geradezu barockes Klangbild, die legendäre »Wall of Sound«.

Doch all dies wäre nur Effekthascherei, besäße Brian Wilson nicht die Gabe für überirdische Melodien. Schon kurz nach dem Erscheinen wird »Pet Sounds« von Kritikern als Geniestreich gefeiert. Ein Album, das weniger eine Aneinanderreihung von Liedern ist als eine Rhapsodie: Wilson und wie er die Welt empfindet. Es ist Pop, der seine Fühler zur Klassik ausstreckt. Aber Wilson will mehr. Er legt die Latte noch ein Stück höher, plant mit dem nächsten Album »Smile« sein Großwerk: eine »Teenage Symphony to God«. Dabei war »Pet Sounds« schon gewaltig. Paul McCartney gesteht Jahre später: »Pet Sounds hat mich aus den Schuhen gehauen. Es war die Platte der Zeit.« Und für die Beatles der Ansporn, noch einen draufzusetzen.

So beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Als die Vorabsingle »Good vibrations« zum ersten Nummer-1-Hit der Beach Boys in Großbritannien wird, heizt dies die öffentlichen Erwartungen an. Es heißt, »Smile« soll im Dezember 1966 erscheinen, dann ist von März 1967 die Rede. Doch Wilson gerät zunehmend an seine Grenzen. Er reibt sich auf zwischen manischer Detailarbeit im Tonstudio, Paranoia förderndem Amphetamin-Konsum und Auseinandersetzungen mit Plattenfirma und Bandkollegen, die die Vision von »Smile« nicht begreifen können oder wollen. Ein Zerwürfnis mit Songtexter und Arrangeur Van Dyke Parks, der bis dato die einzelnen Fragmente zusammengefügt hat, bringt das Projekt zu einem Halt. Der vorgesehene Veröffentlichungstermin zerschlägt sich.

Einen Kontinent weiter tüftelt alldieweil ein entschlossener Paul McCartney an »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band«; das Album erscheint im Mai 1967. Damit ist das Schicksal von »Smile« besiegelt. Die Beatles sind den Beach Boys zuvorgekommen. Das ist zu viel für Wilson, der nach der Veröffentlichung von »Sgt. Pepper« einen Nervenzusammenbruch erleidet. Nachdem er das bahnbrechende »A day in the life« gehört hat, ist er »zutiefst betroffen« und bricht die Arbeit an »Smile« ab.

Ganz im Gegensatz zu den Rolling Stones, die ein halbes Jahr danach mit »Their Satanic Majesties Request« ein Album veröffentlichen, bei dem nicht nur die Covergestaltung verdächtig an »Sgt. Pepper« erinnert. Das stößt bei vielen Kritikern und Fans auf Ablehnung. Sie sehen in den psychedelisch gefärbten Songs eine Anbiederung an die Beatles. Weshalb die Stones in der Folge zu ihrer grundsoliden bluesgetränkten Mucke zurückkehren - »it’s only rock ’n’ roll, but I like it«.

Brian Wilson aber tritt den Weg in die Dunkelheit an. Nach dem Scheitern von »Smile« umfängt ihn die seelische Umnachtung. Einzelne Lieder (wie »Heroes and villains«) erscheinen auf späteren Beach-Boys-Alben oder Bootlegs und vermitteln eine Ahnung, was »Smile« hätte sein können. Wilson aber benötigt 37 Jahre, um die Arbeit an dem Fragment wiederaufzunehmen. 2004 fügt er die fertigen und halbfertigen Songs zu einem Ganzen zusammen, lässt sie neu einspielen und führt das so entstandene Album, »Brian Wilson Presents Smile«, sogar live auf. 2011 erscheinen dann auch die restaurierten Originalaufnahmen: »The Smile Sessions«. Brian Wilson, so heißt es, habe damit seinen Frieden gefunden. Es war ein langer Weg dorthin.

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