Privilegiert durch die Coronakrise

Ob die Verteilung von Impfterminen oder die Kinderbetreuung im Lockdown – der Staat wälzt die Verantwortung in der Coronakrise zu oft auf den Einzelnen ab, kritisiert Robert D. Meyer.

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.
Impftermine sind aktuell auch eine Frage der Privilegien.
Impftermine sind aktuell auch eine Frage der Privilegien.

Haben Sie schon einen Impftermin? Sie sind noch nicht dran? Sie wollen sich wirklich an die Empfehlung der Ständigen Impfkommission halten, die regelt, wann wer in welcher Reihenfolge den schützenden Piks gegen Covid-19 erhält? Tausende tun dies nicht, berichtet das ARD-Politmagazin »Report Mainz« über sogenannte Impfvordrängler*innen. Allein in Hamburg sollen es in nur einer Woche 2000 Personen gewesen sein. Anleitungen, wie der Einzelne eine Priorität vortäuscht, die er nicht hat, finden sich leicht im Internet. Deshalb wird nun diskutiert, ob Vordrängeln als Straftat geahndet werden sollte, denn aktuell ist dieses Vorgehen allenfalls moralisch verwerflich.

Natürlich ist es fragwürdig, sich Lücken in einem Regelwerk zu suchen, das uns dabei helfen soll, schnellstmöglich diese Pandemie zu überwinden. Gleichzeitig verwundert dieses Verhalten nicht, weil es sich um eine erwartbare Reaktion darauf handelt, dass der Staat in einer zentralen Frage der Pandemiebekämpfung die Verantwortung auf das Individuum abwälzt.

Das Angebot an Impfstoff bleibt momentan noch deutlich hinter der Nachfrage zurück. Gleichzeitig ziehen sich viele Bundesländer aus ihrer Verantwortung heraus, die Verteilung fair zu regeln. Inzwischen ist vielerorts ein Sieg der Ellenbogengesellschaft zu beobachten. Den Impfstoff erhalten längst nicht mehr nur jene, die ihn am dringendsten brauchen, sondern jene, die über Zeit und Ressourcen verfügen, einen der begehrten, aber eben begrenzten Termine zu ergattern.

Mit der Freigabe der Impfkampagne für die dritte Priorisierungsgruppe in immer mehr Bundesländern wurde die Gesamtzahl der theoretisch Berechtigten so groß, dass die Behörden keine persönlichen Einladungen mehr verschicken. Stattdessen werden nur noch Kontingente an Impfterminen freigegeben. Wer einen will, muss sich kümmern. Das führt dazu, dass alle berechtigten Impfwilligen in eine direkte Konkurrenz treten. Die alleinerziehende Supermarktkassiererin in der Hochhaussiedlung zählt ebenso zur Prio 3 wie Journalist*innen, Verwaltungsmitarbeiter*innen oder Arbeiter*innen in einem Schlachthaus. Gleiche Vorrausetzungen für alle? Keinesfalls.

Der Alltag vieler Menschen lässt es nicht zu, genau dann einen Impftermin zu buchen, wenn die Warteschleife der Hotline mal nicht 30 Minuten beträgt oder die Server der Buchungsportale gerade einmal nicht unter dem Anfragenansturm kollabieren. Vorausgesetzt, die Impfberechtigten wissen überhaupt, dass sie bereits an der Reihe sind, verstehen das Prozedere und es liegen keine Sprachbarrieren vor.

Noch chaotischer und damit zwangsläufig ungerechter läuft es mit dem Impfstoff von Astra-Zeneca. Das Vakzin ist zwar in der Theorie für alle freigegeben, in der Realität aber existieren keine staatlichen Strukturen, die die Verimpfung genauer regeln. Es gleicht aktuell einem Glücksspiel, wer bei seiner Hausärzt*in einen Termin ergattert. Klar im Vorteil sind wieder jene, die Praxen abtelefonieren können, auch wenn diese unter der Last der Anfragen zusammenbrechen. Mir doch egal, es geht schließlich um mich!

Dem Einzelnen lässt sich kein Vorwurf machen, nur weil er versucht, sich vor einer gefährlichen Krankheit zu schützen. Dass dabei Rücksicht auf die Belange anderer und die Gesellschaft insgesamt auf der Strecke bleiben, ist auch ein Ergebnis einer Pandemiepolitik, die zwar seit Ausbruch der Krise den Zusammenhalt oft symbolisch betonte, diesen aber durch ihr Handeln untergrub.

Die Diskussionen um Schulschließungen und Homeschooling etwa waren auch deshalb so vehement, weil der Staat Familien am entscheidenden Punkt allein ließ: Wer anordnet, dass Bildungseinrichtungen zur Bekämpfung der Pandemie geschlossen gehören, hätte Konzepte liefern müssen, wer sich in dieser Zeit um den Nachwuchs kümmert. Nein, die Antwort der Politik lautete leider nicht, dass zumindest ein Elternteil bei vollem Lohnausgleich daheim bleiben konnte. Es hieß: Kümmert euch selbst.

Genau das tun nun viele Menschen auch beim Thema Impfung. Sie kümmern sich, aber eben um sich selbst. Schon vor der Coronakrise Privilegierte sind es auch jetzt. Wer vorher arm dran war, der bleibt es. Niemand soll behaupten, die Gesellschaft sei in der Pandemie solidarischer geworden.

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