Von Hühnern und Menschen

Frank Willmann blickt auf den Fußball zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana.

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Fußball: Von Hühnern und Menschen

Am 13. Mai 1981 fuhr mein FC Carl Zeiss Jena nach Düsseldorf, um dort im Finale des Europapokals der Pokalsieger gegen Dinamo Tbilisi zu spielen. Meine Weimarer Freunde und ich, die alle Heimspiele in dieser großen Saison mit Moped oder Zug besucht hatten, durften trotz Bitten, Bettelei und Tränenbächen nicht dabei sein.

Solche Reisen durften 1981 nur ganz besonders sichere Kantonisten unternehmen, derlei war oft als Auszeichnung gedacht: Die Leute wurden von SED-Parteiorganisationen und Brigaden des Kombinats Carl Zeiss vorgeschlagen. Die Entscheidung fällten MfS und SED: Man sollte verheiratet sein, »überzeugter DDR-Bürger« und über einen stabilen Klassenstandpunkt verfügen. Die größte Angst der Funktionäre: es bliebe einer im Westen.

So sah der stabile jugendliche Fan am elterlichen RFT-Röhrenfernsehgerät, wie der große FCC in Düsseldorf im Finale (fast ohne Zuschauer) gegen Tbilisi verlor. Uns Kids wurde der Spaß genommen, in meiner Fanseele hinterließ die Entscheidung der Funktionäre tiefe Risse, die bis heute nicht ganz verheilt sind. Meine Freunde und ich begannen, dieses Land aus ganzem Herzen zu hassen, weil es uns nicht gestattete, den geliebten FCC im wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte im Stadion anfeuern zu dürfen.

Ich wuchs in Weimar neben dem Webicht auf. Das Webicht ist ein Wald Richtung Jena. Wenn ich die sonntäglichen Heimspiele der BSG Motor Weimar besuchte, spazierte ich durchs Webicht und erfreute mich an einer Schar freilaufender Hühner. Sie gehörtem dem Förster, der sein Forsthaus kurz hinter der Eisenbahnbrücke am Ende der Jenaer Straße mit seiner Familie bewohnte.

Als zehnjährige Bengel machten wir dem Förstergeflügel das Leben zur Hölle. Eine unserer kindlichen Freizeitbeschäftigungen war die Hühnerjagd. Wir zogen mit Zwillen und selbstgebastelten Pfeil und Bogen los, um das Abenteuer in der Wildnis zu finden. Einmal passte Dennis, der Förster, mich und meinen besten Freund ab und schlug uns als Erziehungsmaßnahme mit einem dünnen Stock, bis wir um Erbarmen bettelten.

Seitdem unterließen wir die Hühnerjagd und suchten uns stattdessen den etwas senilen Opa von Dennis als neues Ziel aus. Immer wenn er morgens seine Kaninchen fütterte, warfen wir ihm aus sicherem Versteck ein Steinchen auf den Rücken. Danach rannten wir zum Garagentor und bolzten unseren Gummiball hin und her. Wenn der Opa uns fragte, ob wir ihn beworfen hätten, schrien wir, Tor für Jena, 10:0 gegen Erfurt! Quatsch mit Soße, wir üben Fußball, wir wollen später beim galaktischen FC Carl Zeiss Jena spielen.

Dennis Opa grinste zufrieden, das wollte er hören. Der grenzenlos große FCC wird von allen anständigen Männern Weimars geliebt, rief er uns zu und schnäuzte sich in ein brüchiges Taschentuch, das schon Kaiser Wilhelm gesehen hatte.

Zur Kompensation der verweigerten Finalteilnahme blieb mir am Wochenende vor dem Pokalfinale im Mai 1981 nur die Hühnerjagd als Symbolhandlung. Ich zog mit Pfeil und Bogen in den Wald, um den Försterhühnern Gewalt anzutun. Schnell gelang es mir, ein rötlich weißes Huhn aus der Masse zu trennen. Es versteckte sich kopfüber in einem Busch und streckte mir das Hinterteil entgegen. So, du Bonzenhuhn, schrie ich voll Wut und legte den Bogen an.

Auf einmal drehte sich das Huhn um und schaute mich an. Es legte seinen Kopf schief und gackerte zaghaft. Irgendwie freundlich, lebenslustig.

Hühnerliebe durchflutete mich. Und ich zog einen Schluss: Das Huhn ist wie ich. Es möchte Spaß haben und geliebt werden.

Hör zu, es ist kein Tier so klein, das nicht von dir ein Bruder könnte sein.

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