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Deutschland im Zerrbild

John Kampfner lobt die deutsche Vergangenheitsbewältigung und übersieht die Probleme der Gegenwart

  • Von Michael Bittner
  • Lesedauer: 4 Min.
Wenn es nach dem englischen Autor John Kampfner geht, sollte sein Land sich ein Beispiel an Deutschland nehmen.
Wenn es nach dem englischen Autor John Kampfner geht, sollte sein Land sich ein Beispiel an Deutschland nehmen.

Es ist eine reizvolle Sache, unbemerkt anderen Leuten zu lauschen, die über einen selbst sprechen. Wir sind stets begierig zu erfahren, was andere über uns denken, uns aber nie ins Gesicht sagen würden. Ungefähr so geht’s uns auch mit dem, was Leute aus anderen Ländern über die Deutschen sagen. Auch diejenigen, die mit nationaler Identität wenig anfangen können, wollen gerne wissen, wie sie als Deutsche in der Fremde wahrgenommen werden. Auf diese Neugier setzt wohl der Rowohlt-Verlag, der das Buch »Warum Deutschland es besser macht« des britischen Journalisten John Kampfner ins Deutsche übersetzen ließ.

John Kampfner ist der Sohn eines slowakischen Juden, der mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten nach England flüchten musste. Deutschland lernte Kampfner als Korrespondent in den 80er und 90er Jahren kennen. Inzwischen zählt er zu den einflussreichsten linksliberalen Journalisten in Großbritannien. Sein Buch ist im Vereinigten Königreich ein Bestseller. Auch in den Medien erntete es viel Lob: Kampfner kritisiere zurecht die fest verwurzelte englische Feindseligkeit und Arroganz gegenüber Deutschland und forderte mit guten Gründen dazu auf, von den Deutschen zu lernen.

Alle deutschen Leserinnen und Leser, die nicht auf Bauchpinselei versessen sind, muss ein Buch mit dem Untertitel »Ein bewundernder Blick von außen« allerdings misstrauisch stimmen. Liegt hier ein neues Werk aus der Tradition vor, die vom Römer Tacitus mit seiner »Germania« begründet wurde, der die Germanen vor allem deswegen überschwänglich lobte, um seine eigenen Landsleute zu geißeln? In mancher Hinsicht muss man sagen: Ja, so ist es. Kampfner selbst räumt ein, seinen deutschen Gesprächspartnern sei es unbehaglich gewesen, als leuchtendes Vorbild präsentiert zu werden. Die Deutschen schätzten ihr eigenes Land also schlechter ein als der britische Gast. Aber sogar daraus flicht der Autor ihnen noch einen Kranz: »Was mir Hoffnung macht, ist die Fähigkeit der Deutschen, sich selbst in Frage zu stellen, ihre fast schon morbide Art, immer wieder aufs Neue die Erinnerung aufleben zu lassen. Sie bringen es nicht über sich, ein Loblied auf ihr Land zu singen.«

Die erste Tugend, für die Kampfner die Deutschen lobt, ist ihre selbstkritische Aufarbeitung der Vergangenheit. Nun lässt sich kaum bezweifeln, dass in Deutschland die Verbrechen des Nationalsozialismus offener besprochen werden als etwa die Verbrechen des Faschismus und Kolonialismus anderswo. Doch Kampfner idealisiert die Wirkung auf die gesamte Bevölkerung: »In Zeiten wie diesen, in denen autoritäres Denken, Nationalismus und unzivilisiertes Getöse in Europa und anderswo immer mehr an Boden gewinnen, spricht man in Deutschland über die Verbrechen des Dritten Reiches häufiger denn je. Niemand tritt heute mehr dafür ein, einen Schlussstrich zu ziehen.« Wer sich in Deutschland einmal umhört, der wird ziemlich viele Niemande dieser Art finden. Einige davon sitzen sogar im Bundestag. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kampfner für sein Buch vor allem mit weltoffenen und charmanten Deutschen gesprochen, die hässlichen Seiten des Landes hingegen allenfalls mit Seitenblicken wahrgenommen hat.

Obwohl Kampfner nebenbei auf manche Schwächen und Fehler hinweist, gleicht doch auch der Rest des Buches einer Lobrede: Die Wiedervereinigung sei im Großen und Ganzen gelungen, die Aufnahme von Geflüchteten bewundernswert, die soziale Marktwirtschaft vorbildlich. Vor allem der gesellschaftliche »Konsens« sei es, der den deutschen Erfolg garantiere. Radikale hätten im deutschen Staat keine Chance: »Die Verfassung, aber auch die politische Kultur besitzen eine verblüffende Fähigkeit, Rebellen zu neutralisieren.« Aber auch in der Wirtschaft sei der Ausgleich der Schlüssel zum Erfolg: »In Deutschland sind Streiks stets das allerletzte Mittel - und sie führen in aller Regel zu einem Kompromiss.« Auf wessen Kosten der ökonomische Erfolg des deutschen Kapitals erzielt wird, im In- und Ausland, darüber erfährt man wenig. Der Brite Kampfner ist ein Utilitarist, der sich gar nicht vorstellen kann, jemand könnte von Politik mehr verlangen als wachsenden Wohlstand für die Mehrheit der eigenen Nation - etwa die Verwirklichung von Gerechtigkeit.

Der Autor zielt mit seinem Buch nicht nur auf die Briten, sondern auch auf die Deutschen, für die er drei Ratschläge parat hat. Er mahnt uns, lieber weiterhin langweiligen, aber verlässlichen Politikern vom Typ Merkel zu vertrauen: »Wenn ihr einen Clown sehen wollt, geht lieber in den Zirkus.« Außerdem sollten wir unsere »gewissenhafte, wohlüberlegte Herangehensweise« beibehalten, doch zugleich auch »mutiger werden« - ein etwas fades, nichtssagendes Sowohl-als-auch. Wirklich mulmig wird einem schließlich bei der Forderung, Deutschland müsse auch international eine »Führungsrolle« übernehmen, notfalls auch in der »Grauzone«, wo man sich »schmutzig« macht: »Deutschland im Krieg - das ist eine Vorstellung, die kein Wähler heute ins Auge fassen würde. Haben die Deutschen die Lektionen aus der Vergangenheit vielleicht zu gut verinnerlicht?« Die Deutschen nicht selbstbewusst genug, zu nett, zu friedfertig - das haben wir schon oft gehört, aber noch nie von einem Engländer.

John Kampfner: Warum Deutschland es besser macht. Ein bewundernder Blick von außen. A. d. Engl. v. Barbara Steckhan und Thomas Wollermann. Rowohlt, 208 S., geb., 12 €.

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