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Getrennt im Unterricht, vereint im Hort

Berliner Bildungsverwaltung kündigt Ausweitung der Betreuungsmöglichkeiten für Grundschüler an

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.

Kurz hatte es so ausgesehen, als würde Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) an ihrem strikten Nein zu Lockerungen im Schulbetrieb bis zu den Sommerferien festhalten. Nun kam sie der nicht eben leise auftretenden Gruppe der Schulöffnungsbefürworter dann doch ein Stück entgegen. Wie Scheeres am Samstag ankündigte, steht die Notbetreuung in den Grund- und Gemeinschaftsschulen ab kommendem Montag faktisch allen Erst- bis Sechstklässlern offen.

Bisher hatten nur Eltern mit »systemrelevanten« Berufen oder Alleinerziehende Anspruch auf eine Hortbetreuung für ihre Kinder. Ab kommender Woche genügt es, »keine andere Möglichkeit der Betreuung« zu finden. Bildungssenatorin Scheeres begründete den Wegfall jeglicher Vorbedingungen mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen außerhalb des Schulbetriebs. Damit seien »mehr Eltern ganz konkret vor die Herausforderung gestellt, Beruf und Familie zu vereinbaren«, so Scheeres. Es gehe ihr mit den erweiterten Betreuungsmöglichkeiten auch darum, die Eltern zu entlasten.

Ein durchaus nachvollziehbarer Beweggrund, findet Regina Kittler, Bildungsexpertin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. »Aber offenbar wurde dieser Schritt im Vorfeld überhaupt nicht mit Beschäftigtenvertretern abgesprochen«, so Kittler zu »nd«. Das Problem sei, dass es nun am Nachmittag eine unbeschränkte »Mischung« aller Schülerinnen und Schüler geben könnte, die man durch das Festhalten am Wechselunterricht in halbierten Klassen in den Vormittagsstunden eben zu vermeiden sucht.

»Konsequenterweise müssten dann die Gruppenteilungen auch in der sogenannten Notbetreuung beibehalten werden. Aber dazu habe ich bisher nichts gehört von Frau Scheeres«, so die Linke-Politikerin. Tatsächlich fallen die diesbezüglichen Informationen der Bildungsverwaltung dürftig aus. Näheres werde »in Kürze« bekannt gegeben, heißt es in einem Schreiben an die Schulleiter vom vergangenen Freitag.

Klar scheint, dass die Senatorin mit ihrer Ankündigung versucht, etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen. So berichtet Norman Heise, der Vorsitzende des Landeselternausschusses, davon, dass zurzeit nicht zuletzt jene Gruppe Eltern besonders »laut unterwegs« sei, »die sich für ihre Kinder die Rückkehr zur ›Normalität‹ wünschen, vor allem mit mehr Unterricht und mehr sozialen Kontakten«. So will die in dieser Hinsicht besonders aktive und besonders gut vernetzte »Initiative Familien« in der laufenden Woche an nicht weniger als drei Tagen vor dem Roten Rathaus für ein Ende des Wechselunterrichts noch vor den in gut einem Monat beginnenden Ferien demonstrieren.

Unterstützung für entsprechende Forderungen kommt aktuell zuvorderst von Seiten der Grünen. So erklärte Bettina Jarasch, die Spitzenkandidatin der Partei für die Abgeordnetenhauswahl im September, am Wochenende auf Twitter, es sei ihr »völlig unverständlich, warum Kinder, Jugendliche und Familien beim vorsichtigen und inzidenzbasierten Öffnen schlechter gestellt werden als andere«.

Bei der seit Langem zur Vorsicht mahnenden Linke-Politikerin Regina Kittler rufen die Äußerungen Jaraschs und ähnlich lautende Beiträge anderer Öffnungsbefürworter Unverständnis hervor: »Ich rate denen mal, sich mit Lehrerinnen und Lehrern zu unterhalten. Dann würden sie merken, dass sie sich das alles etwas einfach vorstellen.«

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