Die Kirsche am deutschen Ohr

Die Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse in der Kurzkritik

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Das Titelbild von »Eurotrash«, Christian Krachts Ego- und Familienroman, lügt nicht: Portrait eines harten Mannes, zwischen Neuer Sachlichkeit und Großer Deutscher Kunstausstellung (1937-1944) - unverblümt nimmt sich Kracht des Nazihintergrunds seiner Familie an, des elitären Großvaters, sadomasochistischer Reichspropagandist, seines Vaters, Kunsthändler, Parvenue und rechte Hand Axel Springers, immer dran an den Promis der Nachkriegszeit. Und seiner Mutter, man lebt mittlerweile in der Schweiz, die mit viel Alkohol und Barbituraten Glanz und Gloria vergangener Zeiten simuliert und von ihrem Sohn zu ihrem 80. Geburtstag auf eine große Reise mitgenommen wird. Die gerät zum Road Movie durch die Schweizer Abgründe, völkische Esoterik und das Seelenleben der deformierten Mutter, um die sich der schnöselige, genauso deformierte Sohn distanziert wie liebevoll kümmert. Daraus entwickelt sich eine Spannung, die bis zur letzten Seite hält und auf eine sehr menschliche Weise das Gute im Bösen herausschält. Ohne dem Bösen einen Schlussstrich zu gönnen.

Iris Hanika beschränkt den Handlungsradius ihrer Figuren auf wenige Quadratkilometer in New York und Berlin in ihrem zweigeteilten Diskursroman »Echos Kammern«. Enge herrscht, räumliche und geistige: die Verwertungslogik der Immobilienhaie, die den Städten das Leben austreibt und die Verwertungslogik des Kulturbetriebs, die dem Geist das Denken austreibt. Dabei geht es ungemein spritzig zu, Engel und Musen treiben durchs Gelände, verbrauchte Heroen rebellischer Jugend, Cedolf, eine Sprache wird erfunden - lengevitch - , ukrainische bloodlands erforscht und die Sitten der Osteuropäer in Amerika, jüdische Sichten auf das ferne Deutschland - Brahms, Brecht, Umwelttechnologie - und das Ärmliche am Globetrotter-Leben. In Berlin werden Karstadt am Hermannplatz gestürmt, der Protest gelebt und AirBnB und Stadtneurotiker durch den Kakao gezogen. Echo und Narcissus, das alte Spiel, hier gekonnt in Szene gesetzt und deshalb unbedingt empfohlen. Denn politische Existenz in der Stadt ist etwas komplexer als von Arbeit-macht-Freude-Apologeten gedacht und beschimpft. Abitur schützt nicht vor Armut und Geld nicht vor Leere.

Helga Schubert gönnt zum 81. Geburtstag sich und ihren Lesern eine Revue ihres Lebens: »Vom Aufstehen«, kurze Erzählungen, die den Bogen von der Kriegszeit, Leben in der DDR bis zum beschaulichen Mecklenburger Garten spannen. Im Beschaulichen wird es schnell ernst: das schwierige Verhältnis zur Mutter, die mit dem Kind fremdelt - der Vater war im Krieg gefallen -, die zähe Entnazifizierung, ihre Arbeit als Psychologin, das Schreiben, der staatlich verhinderte Bachmann-Preis (aus unsinnigen Gründen), die Ausreisewelle, das Wirken in der evangelischen Kirche, der Druck, die Wende und das Gefühl, dass Deutschland aus vielerlei Gründen nie das Land der Dichter und Denker war und vielleicht nie sein wird - trotz eleganter und reflektierender Schreiberinnen wie Helga Schubert. Weil zu wenig über Getanes und Ungetanes gesprochen, das Vergangene lieber ruhen gelassen wird. Augen zu und durch. Lesen Sie Schubert! Es tut weh und ist heilsam.

Judith Hermann ist mit »Daheim« ganz in ihrer Paraderolle - schauen, sinnieren, vor sich hin träumen. Die namenlose Ich-Erzählerin schmeißt die kärgliche Kneipe ihres lottrigen Bruders an der Nordseeküste. Sie ist mittelalt, geschieden und planlos, sie freundet sich mit der robusten Nachbarin (Künstlerin) an, beginnt ein Verhältnis mit deren Bruder (Schweinezüchter) und chattet mit ihrer Tochter (Rucksackreisende) und ihrem amerikanischen Ex-Mann (Prepper-Messie). Stadt trifft auf Land, Grübelei auf zwanghaften Tatendrang; und obschon durchaus griffig erzählt und voller hübscher Ansätze, bleibt der Roman im Unfertigen, im Planlosen, an der Oberfläche. Vielleicht ist das aber auch die Kunst Judith Hermanns - siehe oben.

»da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete« von Friederike Mayröcker gehört zu den Büchern, für die die Kategorie »Bestseller« einer Beleidigung gleichkäme. Notate, kaum länger als ein Postkartentext - Grüße aus der »Wiener Schule«, konkrete Poesie, Gedankenströme, Silbenzauber, Assoziationstango, die Erotik eines vergangenen Zeitalters, in dem Dichtung eine Entdeckungsfahrt war. Wer Mayröcker nicht liebt, hat die Welt nicht verdient. Mario Pschera

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