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Sympathie auf den ersten Blick

Ein realistisches Märchen: Andrew Ahn erzählt in »Driveways« von einer von vereinsamten Monaden bevölkerten Welt

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war einmal ein alter weißer Mann namens Del, Korea-Veteran, vereinsamt, der traf einen asiatischstämmigen, achtjährigen Jungen und dessen Mutter, und dabei entstand eine außergewöhnliche Freundschaft - angesichts der Vorgänge des vergangenen Jahres in den USA, einer militanten rechtsradikalen Kapitol-Stürmung und der zunehmenden Feindseligkeit innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft wirkt die Geschichte, die »Driveways« erzählt, wie ein etwas verschrobenes modernes Märchen aus besseren Zeiten.

Die drei Hauptdarsteller: der 2020 verstorbene Brian Dennehy (als Del), Hong Chau (bekannt aus zumeist Nebenrollen in Serien wie Big Little Lies oder Watchmen) und der bisher unbekannte Lucas Jaye tragen den Film weitgehend allein. Insbesondere ist der wortkarge Auftritt des kleinen Nachwuchsschauspielers bemerkenswert.

Jaye spielt den introvertierten, cleveren Achtjährigen Cody, seine Mutter Kathy nennt ihn »Professor«. Gemeinsam entrümpeln sie ein Haus in einem Dorf im Upstate New York, in dem bis zu ihrem Tod die etwas geheimnisvolle Messie-Tante gewohnt hatte. Nachbar Del sitzt als Rentner auf der Nachbarterrasse und sucht bald Kontakt zu Cody. Die beiden verstehen sich prächtig, es ist Sympathie auf den ersten Blick, und obwohl Kathy anfangs skeptisch und abweisend auf die Avancen des Alten reagiert, nimmt sie bald die Vorteile der seltsamen Freundschaft in Anspruch, immerhin kann so ein Ersatzopa ja ganz hilfreich sein, wenn man viel um die Ohren hat.

Dabei erzählt Regisseur Andrew Ahn von einer von vereinsamten Monaden bevölkerten Welt, die sich mit der allumfassenden Entfremdung darin arrangieren müssen. Durch diese Hauptdarsteller behält er die drei Generationen im Blick. Wo das Kind noch dabei ist, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, sich mit Zwängen und Anfeindungen abzufinden, ist Del alteingesessen, aber kaum minder einsam, desillusioniert und er freut sich über jede soziale Interaktion. Codys Mutter repräsentiert indes die Masse aktiver Mehrwertlieferanten, ist damit beschäftigt, den Sohn und sich über Wasser zu halten und kämpft dabei mit den üblichen Diskriminierungen alleinerziehender Frauen mit Migrationshintergrund.

Hauptinteresse des Films ist die Fragilität menschlicher Beziehungen. »Driveways« konzentriert sich auf einen sozialen Mikrokosmos, in dem äußere materielle Zwänge das soziale Leben der Menschen stark bestimmen. Wo, mit wem und wie lange man sich wohlfühlt, spielt eine nachgeordnete Rolle in der hier skizzierten Welt totaler sozialer Mobilität. Das hinterlässt Spuren. Da Menschen niemals zu reinen Funktionswesen zu domestizieren sind, sucht sich der Wunsch nach Nähe, Freundschaft und Geselligkeit seine Wege, auch bei einem Altersunterschied von geschätzt 70 Jahren.

Del ist kein Eastwoodsches Rauhbein wie Walt Kowalski in »Gran Torino«, sondern ein freundlicher älterer Herr, auch wenn man Codys Mutter Kathy bei seinem Anblick kaum verübeln kann, zunächst einen der unangenehmen Alt-Right-Opas in ihm zu vermuten. Doch das ist er nicht, und weil ein leicht dementer Freund vergessen hat, ihn abzuholen, fahren Kathy und Cody ihn kurzerhand selbst zum Bingoabend. Kurz drauf wird Codys neunter Geburtstag zum Desaster, keiner der eingeladenen Gäste kommt, bis schließlich Del doch noch auftaucht, nun seinerseits den Jungen samt Mutter zum Altherrenbingo mitnimmt und so den beiden einen wilden Seniorenabend beschert. Wie gesagt, »Driveways« ist so etwas wie ein realistisches Märchen.

Leider ist der Film in mancher Hinsicht arg plakativ, zu sehr in seine trotz allem optimistische Botschaft und sein melancholisches Piano-Score verliebt und verliert dadurch ein wenig von seiner Eindringlichkeit. Wenn etwa die Nachbarskinder Streiche spielen und sich hinterher entschuldigen müssen oder wenn deren Großmutter rassistische Vorurteile reproduziert, hat »Driveways« seine schwächeren Momente, weil er sein Publikum überzeugen will, wo längst alles klar ist. Besonders die Figur der penetranten Nachbarin misslingt, die Frau ist zu sehr Klischee, und Ahn lässt sie auch bald wieder aus dem Film verschwinden.

Gleichwohl ist »Driveways« ein schöner, leiser und nachdenklicher Film, und die zentrale Beziehung der beiden »Männer« so herzerwärmend und auch in sehr vielen Situationen komisch, dass es nicht übertrieben ist, Dennehey einen seiner besten Auftritte seiner langen Karriere zu attestieren. Ganz am Anfang des Films sieht man ihm einige Sekunden beim Essen und Fernsehen zu, nachdem er Augenblicke zuvor die Ankunft der neuen Nachbarn hinter der Gardine stehend beobachtet hatte. Die Kamera und Dennehy sind hier unter sich, und während wir Del diese wenigen Momente zuschauen, erfahren wir alles über ihn, was wir wissen müssen. Man kann Dennehys Del hier gleichsam beim Nachdenken lauschen.

David Fear schrieb im »Rolling Stone« über Dennehys Auftritt in »Driveways«, der Schauspieler zeige in einem »last great turn«, welch »beeindruckende Präsenz« er hatte und »welch sanfter Leinwandgigant« er sein konnte.

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Und so funkt »Driveways« fast ein wenig in die Wirklichkeit. Wo mit Dennehy ein Großer des Hollywoodkinos gegangen ist, hat mit Jaye ein (noch) Kleiner die Bühne gerade betreten. Man wird noch von ihm hören.

»Driveways«: USA 2019. Regie: Andrew Ahn. Mit: Hong Chau, Lucas Jaye, Brian Dennehy. 83 Min.

Online zu sehen. Mehr Infos unter: www.tobis.de

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