Schwester Herz

Die Berlinerin Marie Sohn ist »Pflegerin des Jahres 2021«

  • Von Josefine Körmeling
  • Lesedauer: 5 Min.
Marie Sohn auf ihrer Station im Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus
Marie Sohn auf ihrer Station im Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus

»Ich glaube nicht an die Work-Life-Balance. Denn dann wäre die Arbeit ja nicht mehr mein Leben«, sagt Marie Sohn und lacht. Die 33-Jährige ist Leiterin der geriatrischen Station des Alexianer St. Hedwig-Krankenhauses an der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte. Einen Großteil ihrer Woche verbringt sie hier, pflegt auch etliche Freundschaften innerhalb des Kollegiums. Ihr Ehemann arbeitet ebenfalls in der Klinik.

Sie sitzt in ihrem Büro in einem Hinterhaus des Krankenhauses und erzählt von ihrem Alltag. Ab und zu klingelt das Telefon, Kolleg*innen fragen nach einem Diensttausch oder nach Patient*innen. »Ich kenne hier alle Schnittstellen«, erklärt Sohn. Den Überblick über die Station und für alle ein offenes Ohr zu haben, das sei wohl das Wichtigste an ihrem Job.

»Ich wollte schon immer einer Arbeit nachgehen, die einen Beitrag für unsere Gesellschaft leistet und gleichzeitig abwechslungsreich ist«, sagt sie. Von der Pflege hätten ihr Familie und Freund*innen abgeraten. Sie hätten gemeint, sie sei dafür »zu emotional und schwach«. Marie Sohn entschied sich, den Zweifler*innen zum Trotz, für ihren Beruf. »Und ich bin dadurch aufgeblüht und glücklicher geworden«, erzählt die junge Frau.

Nach der dreijährigen Pflegeausbildung im St. Hedwig-Krankenhaus arbeitete sie in verschiedenen Bereichen der Klinik, bevor sie schließlich 2016 die Stationsleitung in der Geriatrie übernahm. Zwischendurch verließ sie ihre Geburtsstadt Berlin und verbrachte ein Jahr mit ihrem Ehemann in Großbritannien, um dort ein soziales Projekt zu unterstützen.

Jetzt wohnt sie mit ihrer vierköpfigen Familie in der Nähe der Hauptstadt in Brandenburg. Neben der Arbeit absolviert sie im Fernstudium ein Masterstudium im Bereich Management von Organisation und Personal im Gesundheitswesen. Auch für soziales Engagement bleibt noch Zeit. Was nach einem vollen Pensum klingt, tut Sohn mit einer Handbewegung ab: »Ich habe nicht das Gefühl, dass ich von einer Arbeit zur nächsten laufe. Ein bisschen Zeit hat man doch immer irgendwie, oder?«

Die zierliche blonde Frau geht schnellen Schrittes durch die Gänge der geriatrischen Station. Die Flure sind in hellem Orange gestrichen und lichtgeflutet vom Innenhof her, um den herum sie liegen. An einem Tisch am Fenster sitzt eine Pflegerin und spielt Schach mit einem Patienten. »Vor Corona hatten wir einen großen Aufenthaltstraum und alle Patient*innen konnten sich dort aufhalten. Jetzt geht das wegen der Kontaktbeschränkungen nicht mehr«, erzählt Sohn. Auch Besuche sind nach wie vor nicht möglich. Im vergangenen Jahr gab es auch auf ihrer Station Covid-19-Fälle, unter dem Personal wie unter den Patient*innen. »Die zweite Welle war sehr schlimm. Aber wir haben das einfach als Herausforderung gesehen und unseren Job gemacht«, sagt Sohn.

Momentan befinden sich 16 Patient*innen auf der Spezialstation. Es sind vor allem ältere Menschen mit verschiedenen Krankheitsbildern, oftmals auch Demenz und Delir, die hier versorgt werden. Vor einem Zimmer hält Sohn an und spricht mit einem Patienten. Als er sie auf seinen länger werdenden Bart anspricht, bietet sie an, diesen später zu rasieren. »Bartstutzen hat eigentlich keine Pflegerelevanz. Aber gerade in der Geriatrie ist es wichtig, Zeit zu investieren, damit es den Patient*innen gut geht«, erklärt sie. Denn diese lägen oft schon für eine lange Zeit im Krankenhaus. Kleine »Extras« seien enorm wichtig für die Behandlung in der Klinik, sie würden bei den Patient*innen für Wohlbefinden sorgen und sie zusätzlich motivieren, aktiv zu sein.

Als Stationsleiterin liegen Sohns Aufgabenbereiche grundsätzlich eher in der Koordinierung, aber der direkte Patient*innenkontakt bleibe für sie zentral, erklärt sie. »Ich kann nicht verstehen, was mein Team macht, wenn ich nicht auch bei den Patienten bin.«
Für ihre Arbeit wurde Marie Sohn am 12. Mai – dem Internationalen Tag der Pflege – gemeinsam mit dem Co-Leiter der Station, Philipp Wiemann, mit dem Preis »Pflegerin und Pfleger des Jahres« ausgezeichnet. Dieser wird seit fünf Jahren von dem Baden-Badener Pflegepersonaldienstleister Jobtour medical verliehen. Zum ersten Mal bekamen in diesem Jahr zwei Pflegekräfte gemeinsam den 1. Platz, weil sie »als ungemein starkes Team mit Fachwissen und empathischer Pflege zeigen, wie Pflegequalität gesteigert werden kann«, so die Laudatio der Agentur.

Sohn und ihr Kollege Wiemann hatten sich gegenseitig für den Wettbewerb nominiert und wollten damit die Arbeit des Teams stärken und – in positiver Weise – auf den Pflegeberuf aufmerksam machen. Dass ihr Beruf immer nur auf Probleme wie auf den Pflegenotstand reduziert wird, scheint die Berlinerin zu stören.

»Ich finde, das Gesundheitsministerium macht tolle Sachen«, sagt Marie Sohn. Die Pflegereformen der vergangenen Jahre hätten ihr sehr geholfen, ihre Arbeit zu definieren, erklärt sie. Ihrer Ansicht nach gebe es viele Nachwuchskräfte in der Pflege. Das Problem, die freien Stellen zu besetzen, entstehe dadurch, dass Leute nur dort angeworben werden könnten, wo schon gute Arbeitsbedingungen herrschten. Da viele Kliniken zurzeit unterbesetzt seien, komme es zu einem »Teufelskreis«, bei dem trotz voller Pflegeschulklassen Stellen nicht besetzt würden. Diesen Kreislauf gelte es zu durchbrechen, sagt Marie Sohn. Auch auf ihrer Station herrschte Personalmangel, als sie als Leiterin anfing. Doch ihr gelang es seither, über 20 neue Mitarbeiter*innen zu gewinnen. Inzwischen ist ihre Abteilung gut besetzt.

»Ein gutes Pflegeteam ist wie ein Start-up«, sagt die Berlinerin zur Erklärung für den Personalzuwachs auf ihrer Station. Für ein gutes Klima im Team seien vor allem eine gemeinsame Vision und eine emotionale Bindung zur Arbeit zentral, glaubt Sohn. Und sie betont den wertschätzenden, nicht-hierarchischen Umgang im Team untereinander. Dies sei enorm wichtig, denn: »Wir haben durch die Arbeit mit schwer kranken Menschen immer auch mit emotionalen Problemen zu kämpfen. Und dafür brauchen wir emotionale Lösungen.«

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