Das Weihwasser der CDU

Eine war’s 274

Sie ist höflich und hübsch. Eigenschaften, die ältere Herren an jungen Damen oft schätzen. Nicht so die Mächtigen in unserem Land. Sie dürften die Begegnung mit dieser Frau scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Spätestens seit dem 9. Mai.

Wie es dazu kam? Hundertsieben Jahre und einen Tag nach Adolf Hitler wird irgendwo in Hamburg ein Kind geboren. Es ist das jüngste von vier Geschwistern, die Mutter Krankenschwester, die Oma das große Vorbild. In der Schulzeit engagiert sie sich in der Kirche, gewinnt einen Debattierwettbewerb, reist nach Namibia. Sie studiert Geografie und spricht als Jugendbotschafterin mit Politikerinnen und Politikern. Es ist nicht ihr Job, denen ihren Job zu erklären. Trotzdem tut sie das andauernd. »Sehr eloquent«, sagen die einen, »ziemlich affektiert« die anderen.

Dazwischen schläft sie wenig, trinkt viel Kaffee und tippt auf ihrem Smartphone. Sie prangert »Ausbeutung« an, wünscht sich globale »Solidarität« und ist Mitglied einer bürgerlichen Partei. Zu ihrer Revolution will sie die Konzerne einladen, für alle anderen kostet der Eintritt voraussichtlich 29,95 Euro. Das zumindest war der Ticketpreis für ein Event im Berliner Olympiastadion, bei dem sie 2020 auftreten wollte.

Was die »größte Krise der Menschheit« ist, steht für sie fest. Über 252 000 Menschen sehen das genauso. Oder die folgen ihr nur auf Instagram, um ihre Fotos anzuschauen. So schreibt ein Nutzer unter ihr politisches Statement: »Du süße Maus, wann gehen wir einen trinken?« Darüber hinaus erhält sie, wie die meisten erfolgreichen Frauen, massig Hassbotschaften. Zum Glück gibt es noch ein paar letzte Gentlemen, die ihr keine Vergewaltigungen wünschen, sondern in Talkshowsesseln neben ihr sitzen und ihr von oben herab die Welt erklären. Es wirkt, als nähmen die sie nicht ernst. Dabei stellt der Paternalismus im Ton wohl eher einen Gradmesser für die Verzweiflung der Männer dar, denen die Argumente ausgegangen sind.

Der Bundespräsident hat ihr und ihren Leuten geraten, verbal abzurüsten. Er konnte sie nicht überzeugen. Sie findet, »dass die demokratische Lösung doch nicht darin bestehen könne, weniger ehrlich über die Gefahren zu sprechen - in der Hoffnung, dass es den Menschen damit besser geht«. Ein anderer Vorwurf, der verlangt, als Kritikerin müsse sie alles besser machen, bemängelt ihr »inkonsequentes Verhalten«. Inkonsequent ist aus ihrer Sicht vor allem die Bundesregierung. Und dass Parteivorsitzende wie Armin Laschet (CDU) Antisemitismus verurteilen, aber Hans-Georg Maaßen als Kandidaten ihrer Partei dulden.

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