Ein Fußballturnier als Politikum

Die Copa America wurde kurzfristig ins stark coronabelastete Brasilien verlegt, auch weil die umstrittene Regierung profitieren will

  • Von Heiner Gerhardts, Brasília
  • Lesedauer: 3 Min.
Will den Copa America trotz Corona ausrichten: Jair Bolsonaro
Will den Copa America trotz Corona ausrichten: Jair Bolsonaro

Der Volksmund reagierte schnell und titelte die Südamerikameisterschaft flugs zur »Cova America« um. Das Wort »Grab« anstelle der Copa symbolisiert den Zynismus, dem Brasilien vom Kontinentalverband Conmebol mit der übereilten Verlegung des ältesten Nationenturniers im Fußball an den Zuckerhut vom 13. Juni bis 11. Juli ausgesetzt wird.

Wegen der prekären Coronalage hatte Argentinien am Sonntag einen Rückzieher als Ausrichter der Copa America gemacht. Zuvor war Co-Gastgeber Kolumbien aufgrund der sozialen Unruhen im Land abgesprungen. Und jetzt Brasilien? Das Land mit der zweithöchsten Sterberate am Coronavirus als Retter des beliebten Sportevents, dass diesmal erstmals parallel zur Fußball-EM stattfinden sollte?

Offensichtlich ist die nächste turnusgemäße Austragung 2024 den an Fernseh- und Sponsorgeldhähnen hängenden Funktionären schlicht zu weit weg. »Kartell von Negationisten: Regierung, Conmebol und CBF«, schimpfte Senator Renan Calheiros auch über Brasiliens Politik und Fußballverband. Der 65-Jährige ist Vorsitzender der Parlamentarischen Kommission, die das (Miss-)Verhalten von Staatspräsident Jair Bolsonaro in der Coronakrise untersucht. Und er ist derzeit so etwas wie der Oppositionsführer: »Die Angebote für Impfstoffe verschimmeln in den Schubladen, aber das Okay für das Turnier kam flott.«

Und überraschend. Kaum zwölf Stunden nach der Absage von Argentinien präsentierte die Conmebol den Copa-Gastgeber von 2019 als neuen Ausrichter. Und bekam so schnell Gegenwind, dass sogar Brasiliens Regierung leicht zurückruderte. »Es ist noch nichts abgesegnet«, stellte am Abend Luiz Eduardo Ramos klar. Der »Chefe da Casa Civil«, vergleichbar mit dem Kanzleramtschef, hat an die endgültige Zusage zwei Auflagen geknüpft: Keine Zuschauer in den Stadien und alle Teams sollen geimpft sein. Mehr gab es am Montag offiziell von Regierung oder dem nationalen Verband CBF nicht zu hören.

Kritik kam dafür umso mehr. »Es ist nicht der richtige Moment, wenn ein Land dem Risiko einer dritten Welle ausgesetzt ist«, äußerte die Epidemiologin Lucia Pellanda. Der beliebte Fernsehmoderator Galvao Bueno sprach von »einem Sportevent, der zu einem politischen Wettkampf« wurde. In Brasilien sind insgesamt schon knapp 463 000 Menschen am Coronavirus verstorben.

Die Toten der vergangenen drei Monate machen davon fast 45 Prozent aus, in den letzten zwei Wochen hat sich die Zahl auf rund 1800 täglich eingependelt. Ein Sinken ist nicht in Sicht. Auch weil der rechtspopulistische Bolsonaro sich gegen Quarantäne und Maskenpflicht stellt, Impfungen eher boykottiert als vorantreibt. Jetzt sieht er die Copa - wie vor zwei Jahren beim brasilianischen Heimsieg - als willkommenes Marketinginstrument.

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Amateurfußballs

Doch nicht alle ziehen mit, schon bei der Wahl der Spielorte gibt es Widerstand. Das Bundesland Pernambuco mit seiner WM-Arena in Recife hat abgewinkt, Rio Grande do Sul sperrt sich ebenfalls gegen Spiele in den beiden großen Stadien von Porto Alegre. »Es gibt kein Publikum, oder? Kein Publikum, kein Problem«, bemerkte Brasiliens Vizepräsident Hamilton Mourao allen Ernstes.SID/nd

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