Verdächtige Antibiotika

Kreidezähne können schon beim ersten Putzen schmerzhaft sein und geben noch einige Rätsel auf

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.
Kreidezähne: Verdächtige Antibiotika

Kreidezähne sind ein relativ neues Störungsbild in der Kinderzahnmedizin, das seit etwa 20 Jahren bekannt ist, vermutlich aber schon vorher existierte. Dabei sind bestimmte Zähne schon bereits beim Hervorbrechen gelblich oder bräunlich verfärbt und auch porös. Schon beim ersten Zähneputzen können sie weh tun. Die Krankenkasse Barmer setzte in ihrem aktuellen Zahnreport, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, den Schwerpunkt darauf.

Kreidezähne, die behandelt werden müssen, haben etwa 450 000 Kinder in Deutschland, das sind etwa acht Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen, so die Zahlen der Barmer. Die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie, 2016 veröffentlicht vom Institut der Deutschen Zahnärzte, fand sogar bei 29 Prozent der Zwölfjährigen mindestens einen Zahn mit entsprechenden Befunden. Schwerwiegende Erkrankungsfälle, die einer umfangreichen Behandlung bedürfen, seien bei einer Häufigkeit von fünf Prozent aber vergleichsweise selten.

Das Phänomen wird von Wissenschaftlern als Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) bezeichnet. Es geht um eine Störung der Schmelzbildung an den ersten großen Backenzähnen und den bleibenden Schneidezähnen von Kindern. Diese Störung entsteht vor dem Durchbruch der Zähne, sie ist durch Zahnpflege wie regelmäßiges Putzen oder zuckerarme Ernährung nicht zu vermeiden. Somit sei Prävention nahezu unmöglich, erklärte Barmer-Vorstand Christoph Straub. »Für die Eltern betroffener Kinder ist das eine wichtige Botschaft. Denn sie haben nichts falsch gemacht.«

Eine der vielen offenen Fragen in Sachen Kreidezähne ist die nach den Ursachen der unzureichenden Mineralisation. Die Krankenkasse hat sich jetzt für diese Problemstellung die eigenen Routinedaten zur Behandlung von Kindern genauer angesehen. Gesucht wurden nach typischen Medikamentenverschreibungen oder Diagnosen, die sich bei Kindern häufen, die vermutlich Kreidezähne haben. Letzteres lässt sich wiederum aus zahnärztlichen Behandlungsmustern ableiten: Bei diesen Kindern werden Zähne mit zusätzlichem Fluor versorgt oder versiegelt, in schweren Fällen erhalten sie Füllungen oder auch schon Kronen. Manchmal muss sogar ein Zahn gezogen werden.

Die Daten geben einen deutlichen Hinweis: Kinder mit Kreidezähnen hatten in ihren ersten vier Lebensjahren häufig angewendete Antibiotika bis zu etwa zehn Prozent mehr verschrieben bekommen als Gleichaltrige ohne Kreidezähne. »Allerdings ist noch unklar, wie dieses Zusammenwirken genau funktioniert«, sagte Straub. »Dazu bedarf es weiterer Forschung«, ergänzt Michael Walter, Autor des Zahnreports und Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden.

Allerdings sei man zumindest bei Antibiotikaverschreibungen bereits auf einem guten Weg, so der Barmer-Vorstand. Zwischen 2005 und 2019 habe sich deren Gabe bei Kindern bis fünf Jahre mehr als halbiert. 2020 ist die Menge noch einmal deutlich gesunken, wohl auch, weil Hygieneregeln während der Corona-Pandemie seltener zu anderen Infektionen geführt hätten.

Solange eine sorgsame und zurückhaltende Antibiotikaverschreibung aber die einzige Handlungsoption ist, sieht etwa die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung eine besondere Notwendigkeit darin, das Krankheitsbild frühzeitig zu erkennen. Dies sei unter anderem durch regelmäßige Untersuchungen möglich.

Die Bestandsaufnahme zum Thema MIH im Zahnreport zeigt auch, dass unter den Betroffenen mehr Mädchen als Jungen sind. Zwischen 2012 und 2019 hatten 9,1 Prozent der Mädchen und 7,6 Prozent der Jungen eine behandlungsbedürftige Form der Kreidezähne. Ein weiterer Zusammenhang erscheint rätselhaft: Kinder haben die verfärbten und porösen Zähne seltener, wenn die Mutter zum Zeitpunkt der Geburt entweder noch sehr jung oder älter als 40 Jahre war.

Bis jetzt ebenfalls nicht wirklich erklärbar sind die starken regionalen Unterschiede bei der MIH-Verbreitung: Auf Stadt- und Kreisebene schwanken die Betroffenenraten zwischen 3 und 15 Prozent, und zwar unabhängig von der zahnärztlichen Versorgung oder Unterschieden zwischen Stadt und Land. Beträchtliche Unterschiede zeigen auch die Bundesländer: In Hamburg sind 5,5 Prozent der Kinder betroffen, in Nordrhein-Westfalen bis zu 10,2 Prozent.

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