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Milliardenwerte in der Anonymität

Experte: Bei bis zu jedem zehnten Berliner Wohnhaus ist der Eigentümer unbekannt

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 4 Min.
»Hier ist die Geschichte gut ausgegangen – zumindest vorläufig«, sagt Christoph Trautvetter. Der Finanzexperte, der für die linksparteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung das Projekt »Wem gehört die Stadt?« betreut, steht am Mittwochabend auf dem Arnimplatz in Prenzlauer Berg. Im Halbkreis, mit coronabedingt gebührendem Abstand, eine rund 20-köpfige Schar an Menschen. Auf Einladung des Bildungsvereins Helle Panke der Luxemburg-Stiftung lassen sie sich durch den Stadtteil führen. Es geht um die Häuser und deren Eigentümer – ein brisantes Thema angesichts von Mietenwahnsinn und irren Bodenpreissteigerungen.

Gewerbemieter als erste bedroht

Vorläufig, nun ja, gut ausgegangen ist es für das Geburtshaus Maja in der Paul-Robeson-Straße 38. Nach dem Kauf des Hauses durch die Münchner Aramid Immobilien GmbH & Co KG stand Maja im vergangenen Jahr vor dem Aus (»nd« berichtete). »Mit Unterstützung durch die Politik und in langen Verhandlungen konnte ein neuer, finanziell gerade noch tragbarer Mietvertrag ausgehandelt werden«, berichtet Trautvetter. Die Miete hat sich allerdings verdoppelt. Die Aramid Immobilien gehört zum Reich des Münchner Textilunternehmers Alon Junger. Das Modeunternehmen Oui, aus dem er vor einigen Monaten ausgeschieden ist, schreibt zu seinem Selbstverständnis auf dessen Internetseite: »Es sind die Frauen die uns beflügeln – für sie entwerfen wir Kollektionen, die bis ins Detail auf ihre faszinierende Persönlichkeit zugeschnitten sind.« Dass Frauen auch bei der Geburt von Kindern eine persönliche Wahl des Ortes haben wollen, schien zunächst nicht so die Rolle zu spielen. Nun hat das Geburtshaus einen fünf Jahre laufenden Mietvertrag. Wie es danach weitergeht, ist offen.

Über zehn Stufen zum Endeigentümer

Die Tour führt weiter zur Bornholmer Straße. Die Hausnummer 19 gehört über ein kompliziertes Firmengeflecht dem US-amerikanischen Fonds Blackstone. »In der neunten Firmenstufe landet man auf den Cayman Islands, in der zehnten Stufe schließlich bei Blackstone«, sagt Trautvetter. Die Entwirrung solcher Firmengeflechte ist seine Spezialität. Mit rund 300 Milliarden Dollar Anlagevermögen ist der Fonds einer der größten Immobilieneigentümer weltweit. Die Anleger sind hauptsächlich Pensionsfonds. Blackstone gehören nach Recherchen von Trautvetter rund 3700 Wohnungen in der Hauptstadt – die Bestände würden also sozialisiert werden, falls das Volksbegehren Deutsche Wohnen & Co enteignen bis 25. Juni genug Unterschriften zusammenbekommt und der Volksentscheid im Herbst dann eine Mehrheit findet.

Ein paar Schritte weiter bleibt Trautvetter vor der Andersenstraße 2 stehen. Hier ist die luxemburgische Albert Immo Eigentümerin. Ein paar Kilometer weiter, auf der Kreuzberger Oranienstraße, wird zeitgleich gegen das Schwesterunternehmen Victoria Immo demonstriert. Die Buchhandlung Kisch & Co hatte die Räumungsklage der Eigentümerin bereits im April verloren (»nd« berichtete). Endgültige Sicherheit habe er nicht, so Trautvetter, aber sehr wahrscheinlich gehörten Victoria und Albert Immo den Rausing-Geschwistern, Erben des Tetrapak-Gründers. In öffentlichen Verzeichnissen finden sich nur die Treuhänder der Endeigentümerin, einer liechtensteinischen Stiftung.

»Eigentum verpflichtet, heißt es im Grundgesetz. Aber diese moralische Verpflichtung wird durch die Anonymität des Eigentums aufgelöst«, sagt der Finanzexperte. »Bei jedem zehnten bis zwanzigsten Haus in Berlin kann man letztlich nicht sagen, wem es gehört«, schätzt er. Dabei geht es nicht um kleine Summen. Auf rund 500 Milliarden Euro schätzt Trautvetter den Wert von Wohnimmobilien allein in Berlin, 150 Milliarden Euro kommen noch für Gewerbeliegenschaften hinzu.

Auch Kriminelle schätzen die Anonymität der Eigentumsverhältnisse. In den 90er Jahren forderte ein italienischer Mafiaboss dazu auf, Immobilien in Ostdeutschland zu kaufen, wie Abhörprotokolle belegen. »Bisher ist es uns nur gelungen, zwei Häuser in Berlin zu identifizieren«, berichtet Trautvetter. Sie laufen über einen Mailänder Anwalt, der kürzlich in einem Prozess in Italien eingeräumt hatte, für eine Mafia-Familie gearbeitet zu haben. Allerdings für eine andere als jene, die in den Abhörprotokollen auftaucht. Da die Abklärung noch läuft, will Trautvetter noch nicht mehr verraten.

Trautvetters Recherchen sind mühsam, weil der Zugriff auf das Grundbuch sehr restriktiv gehandhabt wird. »Warum stellt die Berliner Stadtentwicklungsverwaltung die Daten nicht zumindest für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung?«, will er wissen. »Brandenburg hat das gerade gemacht für eine Studie zu Eigentümern landwirtschaftlicher Grundstücke.«

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