Nicht einmal das Nötigste wird verteilt

Katastrophale soziale Lage nach dem Ausbruch des Vulkans Nyragongo in Ostkongo

  • Von Judith Raupp
  • Lesedauer: 4 Min.

»Wir sterben hier eher an Hunger oder Cholera als an einem neuen Vulkanausbruch«, schimpft Valentin Nyarubwa. Der Elektroingenieur ist einer von Tausenden, die in die Großtadt Goma im Osten der Demokratischen Republik Kongo zurückgekehrt sind, obwohl die Regierung des Landes noch zögert, die Menschen wieder nach Hause zu lassen.

Am 22. Mai war 20 Kilometer nördlich von Goma der Vulkan Nyragongo ohne Vorwarnung ausgebrochen. Der Lavastrom begrub 17 Dörfer unter sich, bevor er gut einen Kilometer vor Gomas Flughafen Halt machte. 32 Menschen kamen ums Leben - die meisten, weil sie nach dem Vulkanausbruch nachsehen wollten, was von ihren Hütten übrig geblieben ist und dabei an giftigen Dämpfen erstickten, oder weil sie während der panikartigen Flucht bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen.

Die Regierung hatte nach dem Vulkanausbruch für 400 000 Menschen die Evakuation angeordnet, ohne Transportmittel, Essen, Wasser, Unterkünfte oder Latrinen zur Verfügung zu stellen. »Rund um die Lager liegen Fäkalien«, schimpft Valentin Nyarubwa. Die Regierung habe tagelang gebraucht, bis sie eine lächerliche Menge Reis und Bohnen verteilt habe. So lange wollte der Elek-troingenieur nicht warten. Er ist nach zwei Tagen mit seiner Frau nach Hause gegangen, obwohl er in einem Viertel wohnt, durch das die Lava bei einem erneuten Ausbruch fließen könnte. »Ich habe keine Angst«, beteuert er.

Der Lehrer Zola Kitandala Lulonga traut sich hingegen noch nicht zurück nach Goma, zumal er auf seine Mutter Rücksicht nehmen muss. »Sie ist 80 Jahre alt und 25 Kilometer weit zu Fuß geflüchtet. Nun ist sie sehr müde«, berichtet Lulonga. Die Evakuierung sei völlig chaotisch verlaufen. »Menschen, Lastwagen, Autos und Motorräder sind ohne Rücksicht auf Verluste aus Goma geströmt«, erinnert er sich.

Manche, darunter hoch schwangere Frauen, mussten Richtung Norden mitten in der Nacht durch ein Gebiet flüchten, das von Rebellen kontrolliert wird. Mehr als hundert Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und suchen nun ihre Angehörigen. Lulongas Familie hat im Ort Sake, westlich von Goma, Zuflucht bei Verwandten gefunden. Wasser und Essen sind hier knapp, wie auch anderswo. Die Preise für Lebensmittel haben sich verdreifacht. »Dabei hatten wir zuvor schon Mühe, uns zu ernähren«, klagt Lulonga.

Hilfsorganisationen warnen vor einer Katastrophe in den Lagern und auch vor einer prekären Situation der in Goma Verbliebenen, wenn nicht bald das Nötigste verteilt werde. Allerdings sind unmittelbar nach dem Vulkanausbruch viele Entwicklungshelfer und Angestellte der Vereinten Nationen selbst Hals über Kopf in andere kongolesische Städte oder ins Nachbarland Ruanda geflohen. In Goma bebte die Erde, Häuser stürzten ein. Manche Wissenschaftler schlugen Alarm, dass der Vulkan erneut ausbrechen könnte. Dann könnte womöglich das Gasgemisch aus Methan und CO2 austreten, das in der Tiefe des Kivusees liegt, warnen sie. Falls es zu dieser Naturkatastrophe komme, könnten im Extremfall Millionen Menschen ersticken.

Hilfsorganisationen und die UN-Friedensmission sind seit Jahrzehnten im Ostkongo vertreten, weil die Menschen dort von Armut, Milizen-Überfällen und Kriegen geplagt sind. Die Beziehungen zwischen den Ausländern und Teilen der Bevölkerung sind nicht die besten. Denn die Lage für die Menschen hat sich kaum gebessert, seit die westlichen Helfer angerückt sind.

»Sollen sie doch abhauen und bleiben, wo sie sind«, kommentieren einige Kongolesen in den sozialen Medien die Flucht der Entwicklungshelfer vor dem Vulkan. »Arbeiten die eigentlich nur, wenn es ruhig ist?«, fragen manche. Während einheimische Aktivisten Geld sammeln und ihren Landsleuten in den Lagern zu Hilfe eilen, tauschen sich manche Ausländer in Messenger-Gruppen darüber aus, wo man an ihren Fluchtorten gut essen gehen und wo man sich mit Badekleidung für den Pool im Hotel eindecken könne. »Ich brauche dringend Urlaub«, schreibt eine Entwicklungshelferin.

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Die Menschenrechtsaktivistin Passy Mubalama hingegen ärgert sich vor allem über die kongolesischen Behörden, die die eigene Bevölkerung im Stich ließen. Sie ist in Goma geblieben, weil sie das ständige Flüchten vor Kriegen oder Katastrophen satthat. »Wir leben hier ganz normal weiter. Märkte und Läden sind offen. Wir sind es gewohnt, uns durchzuschlagen«, erzählt sie.

Der Respekt vor dem Vulkan Nyragongo begleitet die Bevölkerung allerdings, auch weil in den sozialen Medien immer wieder von neuen Katastrophen geschrieben wird. »Diese Gerüchte sind gefährlicher als der Vulkan«, sagt Dario Tedesco. Der italienische Vulkanologe untersucht den Nyragongo seit vielen Jahren. Die aktuelle Lage dort sieht er eher entspannt. Dass tatsächlich das Gas aus dem See austreten könnte, hält er für »höchst unwahrscheinlich«. Auch eine erneute Eruption in nächster Zeit sei nicht zu erwarten.

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