Wie Kaugummi unterm Schuh

Die deutschen Fußballer lassen kurz vor der EM zu viele Chancen aus und zu leichte Gegentore zu

  • Von Frank Hellmann, Seefeld
  • Lesedauer: 4 Min.
Auch Rückkehrer Mats Hummels (l.) machte die deutschen Abwehr nicht sicherer. Ein guter Pass hebelte die Dreierkette aus, bevor Dänemarks Yussuf Poulsen (r.) das 1:1 erzielte.
Auch Rückkehrer Mats Hummels (l.) machte die deutschen Abwehr nicht sicherer. Ein guter Pass hebelte die Dreierkette aus, bevor Dänemarks Yussuf Poulsen (r.) das 1:1 erzielte.

Vieles in der Region Seefeld mit reichlich Wohlfühloasen des gehobenen Segments ist darauf angelegt, dass Körper und Geist gestresster Menschen Ruhe und Entspannung finden. Die wunderschöne Natur, das idyllische Bergpanorama und das gastfreundliche Ambiente laden förmlich zur Entschleunigung ein, die sich an Fronleichnam, gesetzlicher Feiertag in Österreich, auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf Anweisung gönnte. Joachim Löw hatte unmittelbar nach dem 1:1 gegen Dänemark dem gesamten Kader einen Erholungstag verordnet. Trainieren und Regenerieren, findet der Bundestrainer, sollen auch im letzten Trainingslager seiner Ära im Gleichgewicht bleiben.

Bevor der Mannschaftsbus kurz nach Mitternacht die steilen Rampen aus dem Inntal auf das Seefelder Plateau zum Teamhotel im friedlich dahindämmernden Bergdörfchen Mösern steuerte, hatten die Ersatzspieler im Innsbrucker Tivoli noch eine Menge Sprints und Torschüsse hingelegt. Erst um 23.26 Uhr signalisierten Löws Helfer der Spätschicht den Feierabend. Fast auf dieselbe Minute endete die digitale Pressekonferenz des Bundestrainers, der in den ersten Satz gleich das Gesamtfazit packte: »Es gab Licht und Schatten.« Positiv empfand der 61-Jährige: »Die Kommunikation auf dem Platz, die Kommandos und Anweisungen, es war nicht so ruhig wie sonst«. Negativ fielen ihm die Abstimmung und unklare Laufwege auf.

Davon betroffen waren auch die Rückkehrer Mats Hummels und Thomas Müller. Beide hatten beim Comeback ordentliche Leistungen geboten, doch wirkten die Weltmeister von 2014 verbal dominanter als fußballerisch. Hilfen ja, Heilsbringer nein. »Trotzdem haben beide ein gutes Spiel gemacht«, insistierte Löw, der den reaktivierten Routiniers sofort wieder zentrale Führungsrollen gab. Doch es stellt sich die Frage nach der optimalen Positionierung: Ist der 32-jährige Hummels wirklich als linkes Glied einer Dreierkette am wertvollsten? Ist der ein Jahr jüngere Müller als Freigeist in einem System ohne echten Mittelstürmer effektiv?

Noch einen Nachteil gibt es in der Formation mit drei zentralen Abwehrspielern, weil dann neben Joshua Kimmich im Mittelfeld nur noch ein Platz frei ist. Gerade aber in diesem Mannschaftsteil hat der deutsche Kader Qualität im Überfluss. Toni Kroos kommt nach überstandener Corona-Erkrankung zurück, Ilkay Gündogan spielte bei Manchester City die vielleicht beste Saison seiner Karriere, Leon Goretzka wird nach auskuriertem Muskelfaserriss bald voll belastbar sein - und nun betrieb Florian Neuhaus auch noch als bester Mann gegen Dänemark nicht nur wegen seines Tores zum 1:0 (48.) nachdrücklich Werbung in eigener Sache.

Aufschlussreich wird, wie Löw das Gefüge beim finalen EM-Test gegen Lettland in Düsseldorf am Montag anordnet. Mit dem Eintreffen der Champions-League-Finalisten Antonio Rüdiger, Kai Havertz, Timo Werner und Gündogan freut sich Löw jetzt »auf über eine Woche Zeit, an den richtigen Schrauben zu drehen«. Zwei Kardinalprobleme scheinen indes selbst durch intensiveres Üben nicht abstellbar, weil sie seit dem Re-Start im September 2020 an der DFB-Auswahl kleben wie Kaugummi unter Schuhsohlen.

Da ist zum einen das Manko der mangelhaften Effizienz im Abschluss. Hält diese Verschwendungssucht an, bleibt ein EM-Finale für die deutsche Elf so fern wie die Bergspitzen des Karwendelgebirges, auf die Löw am Mittwochabend von der Trainerbank blickte. Zum anderen ist sein Team weiterhin latent anfällig für späte Gegentore. Ein Pass von Christian Eriksen genügte, um Niklas Süle und Hummels vor dem 1:1 von Yussuf Poulsen (71.) gleichzeitig ins Leere laufen zu lassen. »Wir haben die Kontrolle ein wenig verloren, hatten leichte Ballverluste«, bemängelte der bald scheidende Bundestrainer - und klang dabei wie eine abgenutzte Schallplatte. Vor dem Ausgleich lief Hummels wegen Problemen an der Patellasehne bereits deutlich unrund - und hätte besser ausgewechselt gehört. Löw gab zu: »Das behindert ihn manchmal beim Sprint ein wenig, ist aber nicht weiter tragisch.« Dadurch wurde aber womöglich der Sieg verschenkt.

So war der Auftritt gegen Dänemark nicht geeignet, um eine Aufbruchsstimmung zu wecken. Trainer wie Spieler sind nun gefordert, vor dem Einzug ins EM-Quartier in Herzogenaurach am 8. Juni wenigstens bei der Generalprobe gegen Lettland vorbehaltlos zu überzeugen. Denn die ersten EM-Gruppenspiele verzeihen keine Fehler mehr. Weltmeister Frankreich (15. Juni) und Europameister Portugal (19. Juni) warten in München nur darauf, dass sich Deutschland eine Blöße gibt. Fast schon flehentlich forderte Löw daher: »Maß aller Dinge wird sein, zu null zu spielen und einen Vorsprung mal über die Runden zu bekommen.« Es hängt noch eine imaginäre dunkle Wolke über seiner letzten Turniermission - darüber kann auch der blaue Himmel über Seefeld nicht hinwegtäuschen.

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