«I do it for you»

Organisationen in vielen Ländern des Globalen Südens wehren sich in der Corona-Pandemie gegen die Abhängigkeiten von den Industrienationen und vernetzen ihre Kämpfe. Mit dabei sind auch Berliner Filmemacher. Ihr Projekt: «I do it for».

  • Von Mischa Pfisterer
  • Lesedauer: 8 Min.
Viele Bilder gibt es nicht von Menschen in Afrika, die gegen Corona geimpft werden. Hier ist eines der weniger: aus Südafrika.
Viele Bilder gibt es nicht von Menschen in Afrika, die gegen Corona geimpft werden. Hier ist eines der weniger: aus Südafrika.

Keine Abriegelung mehr für Khayelitsha
«Ntombi» aus einer Township von Kapstadt klärt Menschen auf, damit sie sich impfen lassen

Ntombenkosi Mafumana nennen im Township von Kapstadt Khayelitsha alle nur «Ntombi». Die 50-Jährige arbeitet als Community-Helferin und Pflegemutter. «Ich finde es nicht fair, dass der Impfstoff bisher weltweit nicht gerecht verteilt wird», sagt sie. «Ich laufe überall herum, kläre die Menschen auf, sich impfen zu lassen.»

Die Menschen in der Township beschreiben Ntombi als «entschlossen, vertrauenswürdig und einfallsreich», sagt die Filmemacherin Whitney Green Gibson. Nach 15 Jahren Arbeit als Hausangestellte entschied sich Ntombi für einen mutigen Schritt: «Ich wollte, dass schutzbedürftige und verwaiste Kinder in meiner Gemeinde besser betreut werden», erzählt sie. Mittlerweile ist sie eingetragene Pflegemutter. «Themba Labantwana» - Hoffnung für Kinder - heißt ihr Projekt. «Ich bin in armen Verhältnissen aufgewachsen, aber in einem Haus, das voller Liebe war.» Mit fünf Geschwistern lebte sie auf dem Land in der Nähe von Johannesburg. Ihr Vater arbeitete in einer Mine. «Es war nie einfach, weil ich als Erstgeborene die Schule verlassen musste, um auf meine Geschwister aufzupassen.»

«Ich habe nur einen einfachen Schulabschluss, über die Jahre habe ich mir alles nötige Wissen selbst angeeignet - seien es Computerkenntnisse, Finanzen, Steuerwesen oder Haushaltsplanung», sagt sie. Über 120 Kinder werden derzeit in ihrem Projekt in Khayelitsha betreut.

Khayelitsha ist die größte Township Südafrikas, gelegen am westlichen Stadtrand von Kapstadt. Geschätzt 1,5 Millionen Menschen leben hier. Die Arbeitslosenquote liegt bei 40 Prozent. «Hier sieht es so aus, als bräuchte es gute Menschen, um diesen Ort besser zu machen», betont Ntombi. «Dennoch lebe ich derzeit glücklich mit der Hoffnung, die ich als Kind hatte.»

Die Pandemie hat ihrer Arbeit schwer zugesetzt. Zwischenzeitlich riegelte das Militär Khayelitsha komplett ab, Soldaten überwachten auf den Straßen die Ausgangssperre. Ihre Hoffnung setzt Ntombi auf eine Impfung. «Ich kenne hier persönlich bisher niemanden, der geimpft ist», berichtet sie. Vom medizinischen Personal habe sie von zwei Menschen gehört. «Das Leben bleibt eine tägliche Herausforderung.»

«Für meine Freunde!», sagt sie in dem Video der drei Berliner Filmemacher in die Kamera.

Weil die Antwort klar ist
Birgit Bast betreibt eine Wäscherei in Berlin-Kreuzberg. Gejammer von Impfgegnern findet sie unerträglich

Birgit Bast hat eigentlich gar nicht viel Zeit zum Quatschen. Endlich geht das Geschäft wieder los. Doch dann sprudelt es gleich aus ihr heraus. «Ich sag mal so, das ist doch ganz einfach», setzt die 64-Jährige an. «Ich muss ja auch nicht darüber nachdenken, ob ich bei Rot über die Ampel gehe oder den Sicherheitsgurt im Auto nicht anlege, weil ich noch nie einen Unfall hatte.» Wenn man eine Chance habe, sich dem Risiko zu erkranken nicht auszusetzen, sei die Antwort doch klar.

Seit 18 Jahren betreibt sie mit ihrem Mann Peter eine Wäscherei in Berlin-Kreuzberg. Ganz schön hart hat sie der Lockdown zwischendurch getroffen. Restaurants zählen zu ihren Kunden, genauso wie die Betreiber von Ferienwohnungen. Festliche Kleidung wurde genauso wenig gebraucht wie Bürokleidung. Trotzdem war die ganze Zeit geöffnet. «Wir sind hier die Kommunikationszentrale vom Kiez», erzählt sie. Da bekomme man viel mit. Verständnis dafür, dass vor allem einige ihrer älteren Kunden sich nicht impfen lassen wollen, hat sie wenig, «aber letztendlich ist es die Entscheidung von jedem einzelnen». Doch mit Blick auf andere Länder fügt sie hinzu: «Wir haben wenigstens die Chance.» Für die Menschen in anderen Ländern sei das doch ganz furchtbar alles. «Da finde ich das Gejammer von diesen Impfgegnern unerträglich, sollen sie doch einfach ruhig sein, wenn sie sich nicht impfen lassen wollen.»

«Mein Mann ist chronisch krank», erzählt sie. «Das war schon immer eine Gefahr, auch hier im Laden und mit den Kunden.» Sie sei sehr froh, dass sie nun beide geimpft sind. «Und für meinen Mann», sagt die gebürtige Berlinerin dann auch charmant lächelnd in dem Spot der Kampagne «I do it for».

Bast lebt mit ihrem Mann in Marzahn-Hellersdorf. Den Unterschied zu Kreuzberg findet sie «schon sehr krass». Manchmal auch nicht. «In Marzahn fahren immer die Autokorsos von den Leugnern, und die Alt-Kreuzberger erzählen mir hier, dass ihnen das Virus nix anhaben kann.» Ein Leben in zwei Welten. Nächstes Jahr ist für Birgit Baust Schluss mit der Wäscherei. Nach 18 Jahren steht die Rente an. «Für uns war es eine tolle Zeit hier», fügt sie hinzu. Ob sie jemanden findet, der ihr Geschäft übernehmen will? «Ich kann es mir nicht vorstellen, wer will denn heute noch so eine Arbeit machen.» Sie freut sich schon darauf, noch mehr Zeit auf ihrem Gartengrundstück in Brandenburg zu verbringen.

So schnell wie möglich und bedingungslos
Schauspielerin Marleen Lohse ist besorgt über die wachsende Polarisierung in der Gesellschaft

Ich setzte mich dafür ein, dass jedem Menschen so schnell wie möglich und bedingungslos eine Impfung möglich gemacht wird«, sagt Schauspielerin Marleen Lohse zu »nd«. Die 37-Jährige ist eines der Gesichter der Kampagne »I do it for«. »Der Produzent David Kettner ist ein langjähriger Bekannter, und als er mir von seinem Vorhaben erzählt hat, musste ich nicht lange überlegen.«

Marleen Lohse studierte von 2006 bis 2011 an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam. Sie ist seit 2013 Mitglied im Ensemble des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, arbeitet regelmäßig für Film und Fernsehen und tritt als Sängerin und Gitarristin der Band »Unsereins« auf. Mit ausgearbeiteten Hygienekonzepten, umfangreicher Testung und gewissenhaften Hygienebeauftragten am Set hätten viele Projekte im vergangenen Sommer bereits wieder mit der Produktion begonnen. »Ich war erstaunt darüber, wie schnell Dreharbeiten wieder aufgenommen werden konnten«, berichtet sie. »Dass dies möglich war, empfinde ich als enormes Privileg.« Die Pandemie habe auch zu Einschränkungen in der künstlerischen Zusammenarbeit geführt. Beim Schauspiel gehe es darum, eine Beziehung herzustellen und Nähe zu suchen. »Ich habe das Gefühl, dass ich jedoch instinktiv lieber etwas mehr Abstand halte«, sagt sie. »Selbst mit dem Wissen, dass alle im Team getestet sind, bleibt eine Vorsicht und eine leichte Anspannung.«

Marleen Lohse Iebt mit ihrem Freund in Berlin - nicht nur hier auf den Straßen erlebte sie auch die zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft. »Das Maß der Ausschreitungen und Vermischungen von abstrusesten Weltanschauungen, zu denen es im letzten Jahr vermehrt gekommen ist, beunruhigt mich sehr.« Im erweiterten Bekanntenkreis hat sie es selbst erlebt: Personen, die Kritik an der öffentlichen Berichterstattung äußern und sich lieber »alternativer« Informationsquellen bedienen. »Mir fällt immer wieder auf, wie kräftezehrend solche Diskussionen sein können«, erzählt sie. Sie hat festgestellt, wenn man sich auf wissenschaftlich fundierten Fakten nicht mehr einigen kann, ist auch kein Diskurs mehr möglich. »Ich habe vermehrt erlebt, dass es dann auch sprachlich sehr schnell eskaliert, Diskussionen werden auf persönliche Ebenen gehoben und alles angezweifelt.«

Umso mehr freut sie sich, ihre 94-jährige Oma wiederzusehen und sich in ihrem kleinen Garten an der Havel mit »Fruchtfolgen, Mischkulturen und Gründüngung auseinanderzusetzen«. In der Hoffnung, durch die Impfung zum gewohnten Leben zurückzukehren. »Für all diejenigen, für die diese Krankheit ein hohes gesundheitliches Risiko darstellt oder die sich aufgrund der Situation in existenzieller Not befinden.«

Chips für alle
Kfz-Mechaniker Marek Gadomski möchte, dass sich niemand mehr wegen Corona Sorgen machen muss

Ungewohnte Freiheiten eröffnen sich nach Monaten der Pandemie: »Ich freue mich, endlich wieder meine Freunde treffen zu können«, sagt Kfz-Mechaniker Marek Gadomski. »Ich habe vor Kurzem meine erste Impfung bekommen, und wir haben gelacht und Späße gemacht, dass wir jetzt alle Computerchips in uns haben«, erzählt der 26-jährige Warschauer. »Ich finde es super, dass es diesen Impfstoff gibt und unterstütze die Kampagne total.« Außerdem habe er noch nie in einem Film mitgespielt. »Als mich das Angebot über meine Schwester erreicht hat, habe ich sofort zugesagt«, so Gadomski zu »nd«. »Ich hatte ja nichts zu verlieren.«

Gadomski arbeitet in einem Autohaus und lebt noch bei seinen Eltern. »Manchmal geht es da ganz schön laut zu, aber zu Hause ist zu Hause«, sagt er. Im Lockdown sei ihm die Decke auf den Kopf gefallen. »Ich war es nicht gewohnt, so viel Freizeit zu haben.« Filme schauen, Computerspiele spielen: Die komplette Zeit nur daheim zu sitzen und »keine Unterhaltungen außerhalb der eigenen vier Wände zu haben - das war seltsam«. Aber das Schlimmste für ihn war, dass er drei Monate lang seine Freundin nicht treffen konnte, weil ihre Mutter Asthma hat, so Gadomski. In der Zeit sei er fast zum Psychopaten geworden. »Wenigstens konnte ich mal richtig ausschlafen«, scherzt er.

Eigentlich ist Gadomski Workaholic. Am liebsten verbringt er seine Zeit in der Werkstatt und schraubt an Autos herum. »Momentan arbeite ich mehr als vor dem Lockdown. Zwölf bis vierzehn Stunden kommen da am Tag schon mal zusammen.« Den ganz Tag herumrennen und tausende Sachen machen, das fände er großartig. Seit der Impfung müsse er sich keine Sorgen mehr machen, und das wünsche er allen Menschen.

In Polen wurden bislang 18,3 Millionen Impfdosen verabreicht. Gut 5,6 Millionen Menschen sind vollständig geimpft. Im Februar wollten sich einer Umfrage zufolge 25 Prozent der 38 Millionen Polen »eher nicht« oder »gar nicht« impfen lassen. Mit einer Lotterie will die Regierung ihre Bürger jetzt motivieren, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Insgesamt werde der Staat mehr als 31 Millionen Euro für die Aktion ausgeben, sagte der Impfbeauftragte der Regierung, Michal Dworczyk.

Gadomski freut sich am meisten darauf, endlich mal wieder ein Konzert zu besuchen. Möglichst viele Menschen sollten geimpft werden, findet er. Sein Wunsch in dem Video »I do it for«: »Für das Reisen«.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung