Ökokatastrophe im Indischen Ozean

Schiffsunglück vor Sri Lanka gefährdet Umwelt mit Chemiekaliencocktail, Plastikpellets und Öl

Zwei Wochen hatte es an Bord des Unglücksfrachters gebrannt, bevor dieser nun gesunken ist und auf dem Meeresgrund liegt - laut jüngsten Berichten in 21 Meter Tiefe. Sri Lanka ist als Land der Traumstrände ein Begriff. Derzeit beschränkt durch die Corona-Pandemie, ist das Land ein Hotspot für Touristen aus aller Welt, gerade auch Europa und Deutschland, die maritime Landschaft der Insel gilt als besonders artenreich. Jetzt ist dieses schon bisher nicht mehr ganz intakte Paradies massiv bedroht.

Gerade im Küstenabschnitt rund um Negombo, ein kleines Stück nördlich der Hauptstadt Colombo, kämpfen lokale Behörden und unzählige Helfer gegen die unmittelbarsten Auswirkungen. Indien hat drei Schiffe mit Spezialausrüstung zur Unterstützung entsandt, an den Stränden sammeln die Hilfskräfte in dicken Säcken kontaminiertes Material ein.

Die 186 Meter lange und erst wenige Monate alte »X-Press Pearl«, die am 20. Mai Feuer fing, hatte 1486 Container an Bord. Ein besonders brisanter Teil der Fracht sind 25 Tonnen Salpetersäure sowie diverse andere Chemikalien. Es ist ein giftiger, aggressiver und gefährlicher Cocktail, der da ins Meerwasser gelangt ist. Fischern in der Gegend ist es derzeit untersagt, zum Fang hinauszufahren - wie unzählige Familien langfristig ohne Einkommen überleben sollen, ist noch ebenso unklar wie vieles andere. Schon jetzt werden tote Fische an der Küste angespült.

Abseits solcher sichtbaren Folgen geht es darum, wie sich bestimmte Reststoffe im Wasser halten und dadurch in der lokalen Fauna und Flora noch weiterhin Wirkung entfalten. Und so gravierend der Schaden durch die Chemikalien ist: Kaum weniger massiv sind Auswirkungen durch das Plastikgranulat, das der Frachter ebenfalls in 28 Containern geladen hatte. Die Kügelchen, Basis zur Herstellung von Einkaufstüten, werden zuhauf an der Küste angespült, treiben im Wasser und sinken ab.

Wie viele Millionen oder Milliarden dieser kleinen Kunststoffpellets es sind, kann keiner sagen. Nicht nur der Meereswissenschaftler Prof. Charitha Pattiarachchi befürchtet, dass sie schon bald nicht nur auch die gesamte Ostküste der Insel, sondern sogar die Nachbarn Malediven und Indien erreichen. Insgesamt, so Experten, könnten die Auswirkungen bis Somalia und Indonesien reichen. Zudem wird nun noch eine mögliche Ölkatastrophe befürchtet. Fachleute versuchen, das gesunkene Wrack genau zu beobachten, um Austritte von Treibstoff möglichst frühzeitig zu erkennen und mit geeigneten Maßnahmen eindämmen zu können.

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Auf den Schiffseigner, eine Reederei in Singapur, und dessen Versicherung kommen nun massive Schadenersatzforderungen zu. Es geht nicht nur per se um das schon jetzt entstandene Ökodesaster, sondern auch um den im Raum stehenden Vorwurf gröbster Fahrlässigkeit. Der Kapitän und Teile der 25-köpfigen Crew sollen bereits mehr als eine Woche vom Leck in einem Salpetersäure-Fass gewusst haben, das als wesentliche Ursache für die Katastrophe gilt, heißt es inzwischen. Ermittelt wird auch, ob bei der Frachtaufnahme in Katar, Dubai und zuletzt einem Stopp in Indien Versäumnisse nachweisbar sind.

Vorgeprescht ist nun die Umweltorganisation Centre for Environmental Justice, die beim Obersten Gerichtshof von Sri Lanka eine Petition eingereicht hat. Präsident Gotabaya Rajapaksa sprach sich bei einer Pressekonferenz im Umweltministerium für genaue Untersuchungen aus, und Ressortchef Mahinda Amaraweera kündigte an gleicher Stelle bereits an, dass selbst eine Entschädigungssumme von 100 Milliarden Rupien (412 Millionen Euro) nicht genügen würde, die Schäden auszugleichen, die schon jetzt absehbar sind.

Sri Lankas Regierung richtet sich im Hintergrund auch schon darauf ein, dass das juristische Tauziehen längere Zeit in Anspruch nehmen mag. Vier Optionen zu Schadenersatzansprüchen lägen auf dem Tisch, verlautete es aus Colombo. Unbedingt vermeiden will man Gerichtsverfahren, die sich 10 oder 20 Jahre hinziehen könnten.

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