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Das Virus und das Schweinesystem

Elfriede Jelineks »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!« feiert am Schauspielhaus Hamburg seine Premiere

  • Von Andreas Schnell
  • Lesedauer: 5 Min.

Noch am Abend, an dem Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt worden war, soll Elfriede Jelinek damit begonnen haben, ihr Stück »Am Königsweg« zu schreiben, das im Oktober 2017 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg in der Regie von Falk Richter uraufgeführt wurde. Eine »bretternde Bilderbreitseite«, wie es ein Kritiker nannte, in der die Hauptfigur kein einziges Mal namentlich erwähnt wird. Assoziativ, ausufernd, bitterböse und verspielt zugleich, keinen Kalauer links liegen lassend.

Dass Jelinek nun inmitten der Pandemie ein Stück über die Coronakrise vollendet hat, ist also eigentlich keine Überraschung. Seit Jahren verarbeitet die Literaturnobelpreisträgerin von 2004 schließlich unablässig alles, was schlecht ist in der Welt, vom Irakkrieg über die Finanzkrise von 2008 und die Situation von Geflüchteten bis zur Ibiza-Affäre. Ihr Coronastück »Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!« feierte am vergangenen Samstag nun seine Uraufführung, wieder am Deutschen Schauspielhaus, die Regie übernahm diesmal Intendantin Karin Beier.

Theater im Zeichen von Corona, das ist natürlich ohnehin schon Theater im Ausnahmezustand. Ohne zwei Mal vorgezeigtes negatives Testergebnis kommt hier niemand hinein. Vor der Tür bekommen Besucher und Besucherinnen bei Vorlage ihres Ergebnisses ein gelbes Bändchen um den Arm, drinnen müssen sie zudem über App oder per Niederschrift ihrer Kontaktdaten einchecken, bevor sie sich auf die wenigen freigegebenen Plätze im Saal verteilen dürfen. Während der Vorstellung - immerhin knapp drei Stunden mit einer Pause - herrscht obendrein Maskenzwang (gesegnet, wer keine Brille benötigt!), und die hygienisch gelichteten Reihen erinnern immer wieder daran, dass es sich mit der Seuche, um die das Geschehen auf der Bühne kreist, längst nicht erledigt hat. Sich da auf einen Theaterabend einzulassen, das ist auch für das Publikum keine ganz kleine Herausforderung.

Zum Glück ist es dann erst einmal eine ganze Weile lang dunkel, sodass die Leere im Saal gnädig verhüllt ist. Still bleibt es allerdings nicht lang: Das Theater wird zum Resonanzraum einer Polyphonie der Durchseuchung - Merkel, Söder und Kurz sind da herauszuhören, aber auch Virologe Drosten und die berüchtigte selbst ernannte Sophie-Scholl-Wiedergängerin »Jana aus Kassel«. Versetzt mit Nachrichtentönen und Demo-Parolen sowie den Stimmen des Ensembles, schwillt allmählich ein lärmender Chor an. Bis schließlich nach einer gefühlten halben Stunde der Blick freigegeben wird auf ein rustikales Lokal (Bühnenbild: Duri Bischoff) - das sich recht bald als »Arschloch-Bar« entpuppt: das »Kitzloch«, die Superspreader-Kneipe von Ischgl, wo noch im Angesicht des Virus Orgien gefeiert wurden.

In klassischer Jelinek-Manier erscheint als Referenzebene bald die Sage vom braven Odysseus, dessen Männer von der Zauberin Kirke auf der Insel Aiaia in Schweine verwandelt werden. Was dann den Link zu den Schlachthöfen von Tönnies und Co. bildet, in denen es immer wieder zu Corona-Ausbrüchen kam. Was zugleich noch einmal offenbarte, unter welch brutalen Bedingungen die überwiegend osteuropäischen Billiglohnkräfte dort ausgebeutet werden.

Ein zentrales und durchaus irritierendes Moment in Jelineks Text, der wie üblich ohne feste Rollen und fast gänzlich ohne Regieanweisungen auskommt, sind die skeptischen bis irrlichternden Stimmen der Corona-Leugner und Querdenker, denen hier nicht wenig Raum gegeben wird, ohne dass sie mit der im öffentlichen Diskurs nicht seltenen Häme verlacht würden. Sie stehen ebenbürtig neben den Mahnungen zur Vernunft und dem Bocksgesang der feiergeilen Gesellschaft auf der Bühne, die sich ungeniert an aufblasbaren Sexpuppen vergeht, bis jenen die Luft ausgeht.

Beier verschneidet die verschiedenen Ebenen des Textes durchaus gekonnt miteinander. In Severin Renkes Videoprojektionen zucken Politikergesichter über die Leinwand, wandern Schweinehälften durchs Bild, herrscht verblendendes Schneetreiben. Die Kostüme von Wicke Naujoks changieren zwischen Après-Ski und antiker Anmutung, und die Musik von Jörg Gollasch verbindet kongenial elektronische Beats und satte Bläser zu einer erstaunlich coolen Alpin-Disco-Travestie.

Dennoch wirkt der Abend gelegentlich unterspannt, als ließe er sich von Jelineks assoziativ verästeltem Sprachstrom ablenken. Manches, wie der Verweis auf Krisengewinner wie Amazon oder auf das Leben am digitalen Tropf des Smartphones, wirkt eher wie eine Fußnote. Es mag freilich auch ein wenig an der mageren Zuschauerkulisse und den bereits angedeuteten Begleitumständen liegen, dass die ganz große Intensität am Premierenabend erst gegen Ende aufkommt. Ein pralles Bilderspektakel, wie jenes, das Falk Richter vor knapp vier Jahren für Jelineks Trump-Exegese auffuhr, mag bei einem Stück über ein unsichtbares Virus, das uns mitsamt allen Verwerfungen angesichts des politischen Umgangs damit noch so nah ist, zumindest auf den ersten Blick nicht angemessen wirken.

Immerhin: In der letzten Stunde stellt Beier dann scharf, schlägt ihre Regie vor allem im Ischgl-Odysseus-Kurzschluss szenische Funken. Hier kommt das großartig besetzte Ensemble, bestehend aus Josefine Israel, Jan-Peter Kampwirth, Eva Mattes, Angelika Richter, Lars Rudolph, Maximilian Scheidt, Ernst Stötzner und Julia Wieninger, dann richtig in Schwung, vor allem Wieningers furioser Schlussmonolog versöhnt mit manchem Leerlauf. Mag sein, dass die Inszenierung in den kommenden Monaten noch wächst, wenn dann voraussichtlich mehr Plätze besetzt werden dürfen. Der Applaus bei der Uraufführung war durchaus zugewandt, wirkte aber auch ein wenig ermattet. Vielleicht ist es ja ein wenig früh dafür, sich auch noch im Theater mit der Corona-Kakophonie bedröhnen zu lassen.

Nächste Vorstellungen: 10., 11. und 19.6.

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