Aus mangelndem Willen zum Kompromiss

In den zentralasiatischen Republiken schwelt seit dem Ende der Sowjetunion ein Konflikt um den Zugang zu Wasser

Einst sorgte ein ausgeklügeltes System dafür, dass die fünf Republiken Zentralasiens vom Wasser der großen Ströme profitierten. Heute gibt es blutige Konflikte um das Wasser.
Einst sorgte ein ausgeklügeltes System dafür, dass die fünf Republiken Zentralasiens vom Wasser der großen Ströme profitierten. Heute gibt es blutige Konflikte um das Wasser.

Es war für alle vorteilhaft und berücksichtigte die geografischen Bedingungen der Region: Zu Zeiten der Sowjetunion sorgte ein ausgeklügeltes System dafür, dass die fünf Republiken Zentralasiens vom Wasser der großen Ströme wie Amudarja und Syrdarja profitierten. Im Sommer wurde das kostbare Nass in den am Oberlauf der Flüsse gelegenen Republiken Kirgistan und Tadschikistan in riesigen Talsperren aufgestaut, gigantische Wasserkraftwerke produzierten Strom. Von diesem profitierten auch die wasserarmen Anrainer am Unterlauf der Flüsse: Die industriereichen und landwirtschaftlich geprägten Republiken Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan wurden nach zuvor festgelegten Quoten mit der gewonnenen Energie versorgt. Im Winter - wenn sich die Staureservoire leerten - revanchierten sich die Stromabnehmer mit der Lieferung von Öl und Gas. So glichen sie das durch das sommerliche Ablassen entstandene Energiedefizit in Kirgistan und Tadschikistan aus. Diese konnten nun wieder Wasser für den Sommer anstauen.

Zwar regte sich über die in Moskau festgelegten Quoten auch immer wieder Unmut, doch das System funktionierte jahrzehntelang - unter anderem auch deshalb, weil die Grenzen zwischen den Republiken vor allem administrative Linie waren, die in der Praxis fast keine Rolle spielten.

Dies änderte sich mit dem Ende der Sowjetunion grundlegend. Aus den roten Linien auf dem Papier wurden über Nacht internationale Staatsgrenzen, die oft Kanäle, Ströme und Wasserversorgungsanlagen quer durchschnitten. Nun beanspruchten fünf unabhängige Staaten die Nutzung der großen Wasserläufe.

Um das bewährte Verteilungssystem zu retten, bedurfte es enger Zusammenarbeit und Koordination. Dies erkannten auch die jungen Staaten und gründeten Anfang der 90er Jahre die Zwischenstaatliche Kommission für Wasserkoordination (ICWC). Doch die Arbeit des Gremiums blieb weitgehend erfolglos. Die zentralasiatischen Staaten fanden in den folgenden Jahrzehnten keinen Weg, um die gemeinsame Nutzung der Wasserquellen einvernehmlich zu regeln.

Schuld daran sei der fehlende politische Wille der Regierungen zur regionalen Zusammenarbeit, schrieb die deutsche Zentralasien-Expertin Beate Eschment bereits vor zehn Jahren in einer Analyse. In den Eliten der jungen Staaten gebe es einen starken Nationalismus, der sich nicht durch internationale Verträge einschränken lasse wolle. Zudem behinderten persönliche Animositäten unter den Präsidenten und eine seit Sowjetzeiten schwelende Konkurrenz zwischen den Staaten eine Lösung.

Statt einer Zusammenarbeit nahmen die Spannungen um die Ressource in der Region ständig an Intensität zu. Im Zentrum dieser Konflikte stand vor allem das wasserarme Usbekistan. Das mit rund 30 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land der Region ist stark agrarisch geprägt und benötigt für seine ausgedehnten Baumwollfelder enorme Wassermengen.

Als die Nachbarstaaten Kirgistan und Tadschikistan in den 90er Jahren den Bau riesiger, bereits zu Sowjetzeiten geplanter Wasserkraftwerke verkündeten, schellten in Taschkent daher die Alarmglocken. Der wegen seines harten Durchgreifens gefürchtete usbekische Diktator Islam Karimow glaubte nicht nur, vom Wasser abgeschnitten zu werden, sondern warnte auch vor einer Bedrohung der nationalen Sicherheit.

So befürchtete Karimow im Falle Tadschikistans eine vernichtende Flutwelle, sollte der mit einer Höhe von 335 Metern projektierte Rogun-Staudamm islamistischen Terroristen in die Hände fallen. Keine unberechtigte Sorge: In Tadschikistan tobte damals ein Bürgerkrieg. Karimow verhängte daher eine rigorose Schienenblockade gegen den Nachbarn. Auch gegen den geplanten kirgisischen Kambar-Ata-Stausee machte er Druck. Das in den 90er Jahren extrem instabile Kirgistan dürfe nicht allein über die zentralasiatischen Wasserressourcen verfügen, so Karimow, der zudem die technischen Fähigkeiten des Landes anzweifelte, einen hohen Staudamm in einem aktiven Erdbebengebiet bauen.

Als beide Staaten an ihren Vorhaben festhielten, drohte Karimow 2015 mit Gewalt: Die Wasserkonflikte in der Region könnten »so weit eskalieren, dass es nicht nur zu ernsthaften Konfrontationen, sondern sogar zu Kriegen kommt«.

Dass er es ernst meinte, zeigte Karimow im März 2016, als Kirgistan versuchte, die Kontrolle über die an der kirgisischen Grenze gelegene - aber von Usbekistan betriebene und genutzte - Orto-Tokoi-Talsperre zu gewinnen. Karimow zog an der Grenze Truppen zusammen und besetzte im August desselben Jahres den von Usbekistan beanspruchten Berg Ungar-Too an der kirgisischen Grenze mit einer Luftlandeoperation.

Die Gefahr eines Krieges um Wasser legte sich erst mit Karimows Tod 2016. Unter Nachfolger Schawkat Mirsijojew begann ein politisches Tauwetter, und er protestierte auch nicht, als in Tadschikistan 2016 offiziell die Bauarbeiten am Rogun-Stausee begannen. 2017 einigte sich Mirsijojew mit der kirgisischen Seite schließlich auf eine Kooperation beim Bau des lange umstrittenen Kambar-Ata-Kraftwerkes.

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