Globale Erwärmung und Kurzsichtigkeit

Studie warnt vor Verlust von Biovielfalt in Hotspots und negativen Folgen

  • Von Michael Lenz
  • Lesedauer: 4 Min.
Schneeleoparden leben in Hochgebirgen – hier im Pamir. Wenn es wärmer wird, können sie meist nicht noch höher ziehen.
Schneeleoparden leben in Hochgebirgen – hier im Pamir. Wenn es wärmer wird, können sie meist nicht noch höher ziehen.

Vaquita-Schweinswale im Golf von Kalifornien, Lemuren in Madagaskar, Waldelefanten in Zentralafrika oder Schneeleoparden im Himalaya haben eine Gemeinsamkeit: Sie befinden sich auf der Einbahnstraße zum Aussterben, sollte der Klimawandel die globale Temperatur um drei Grad Celsius nach oben treiben.

Mit diesem Schicksal sind diese Tiere nicht allein. Wenn die Nationen die Umsetzung ihrer im Pariser Klimaabkommen von 2015 eingegangenen Zusagen zur Reduzierung der CO2-Emissionen nicht dramatisch verbessern, werden die Orte mit der reichsten Vielfalt von Tieren und Pflanzen auf unserem Planeten durch die globale Erwärmung irreversibel zerstört. Das ist die ernüchternde Einschätzung der Situation einer Studie, die im Fachblatt »Biological Conservation« (DOI: 10.1016/j.biocon.2021.109070) erschienen ist. Mit anderen Worten: Endemische Arten wie die Vaquita-Schweinswale, die Schneeleoparden, die Lemuren und die Waldelefanten, die für ihr Überleben an ganz spezifische Umweltbedingungen an ganz bestimmten Orten gebunden sind, trifft der Klimawandel am härtesten.

Die internationale Wissenschaftlergruppe um die brasilianische Ökologin Mariana Vale von der Bundes-Universität Rio de Janeiro hat 8000 veröffentlichte Risikobewertungen zur Biovielfalt in fast 300 »Hot Spots« an Land und im Meer unter dem Blickwinkel eines globalen Temperaturanstiegs von drei Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau analysiert. Die Untersuchung ist keine bloß akademische »Was wäre wenn?«-Übung. Denn die Welt ist bereits auf dem besten Weg zur globalen Erwärmung um drei Grad. Um ein Grad ist die Welttemperatur schon über das vorindustrielle Niveau geklettert. Die drei Grad würden bis spätestens zum Ende dieses Jahrhunderts selbst dann erreicht, wenn die Länder die im Pariser Klimaabkommen festgelegten Ziele zur Reduzierung der CO2-Emissionen einhalten würden, warnen die Autoren der Studie. »Der Klimawandel bedroht Gebiete, in denen es so viele Arten gibt, wie sie sonst nirgendwo auf der Welt zu finden sind«, betont Mariana Vale in einer E-Mail.

Mehr als 90 Prozent aller endemischen - das heißt nur in einem bestimmten Gebiet heimischen - Landspezies und 95 Prozent aller endemischen marinen Arten sind vom Aussterben betroffen, wenn die Erde sich um weitere zwei Grad erwärmt, heißt es in der Studie. Noch bedrohlicher sieht es in sehr speziellen Habitaten aus. In Bergregionen droht 84 Prozent der endemischen Tiere und Pflanzen das Aus, während es auf Inseln glatte 100 Prozent sind. »Viele dieser Arten können sich aus vielerlei Gründen nicht an Klimaveränderungen anpassen«, sagt Vale. Diese Spezies hätten für ihr Leben, ihre Fortpflanzung, ihr Futter sehr spezifische Umweltbedürfnisse und könnten daher nicht einfach in neue Umgebungen abwandern.

Zum Klimawandel komme noch als weiteres Problem der zunehmende Verlust von Lebensraum für nichtendemische Tiere und Pflanzen durch den Verbrauch von immer mehr Flächen für Landwirtschaft, Städte und Straßen hinzu. »Das hindert viele Arten daran, in klimatisch passendere Gegenden zu ziehen, was in der Erdgeschichte eine normale und effektive Reaktion auf Klimaereignisse war«, sagt Vale.

Mark Costello, einer der Autoren der Studie, sorgt sich um das Überleben der Meerestiere bei steigenden Temperaturen. Seine Forschungen zeigten, dass »viele Meerestiere durchschnittliche Jahrestemperaturen von mehr als 20 Grad nicht überleben können«, sagt der Meeresbiologe von der Universität Auckland (Neuseeland), dem »nd«.

Nun könnte man fragen: Ist es wirklich so schlimm, wenn einige Arten auf Nimmerwiedersehen weg wären? Artenschwund gab es in der Erdgeschichte häufig und die Evolution hat immer wieder neue, wunderbare Arten hervorgebracht. Wolfgang Kießling vom Geo-Zentrum Nordbayern der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg macht die Dimensionen des aktuellen evolutionären Prozesses deutlich. »Artenschwund ist besorgniserregend, weil es so lange dauert, bis er durch evolutionäre Prozesse wieder ausgeglichen wir«, sagt Kießling, ebenfalls Co-Autor der Studie. »Beim größten klimainduzierten Massenaussterben der Erdgeschichte, an der Perm-Trias-Grenze, dauerte es fünf Millionen Jahre, bis die globale Biodiversität wieder auf Niveau von vor dem Artensterben war. Für die Erde ist das kein Problem, für die Menschheit schon. Immerhin ist Biodiversität auch unsere Nahrungsgrundlage.«

Dass es nicht nur um den Erhalt hübscher Pflänzchen, putziger Tierchen und bunter Fischchen als schön anzusehendem Zierrat unserer Welt geht, macht Vale in einem eindringlichen Plädoyer deutlich. Die Menschheit sei für ihr eigenes Überleben auf Biovielfalt angewiesen, betont die Expertin gegenüber dem »nd«. Dabei gehe es nicht nur um Ernährungssicherheit, Wasser und Energie, sondern auch um »unser spirituelles und emotionales Wohlbefinden«. Spezies in die Ausrottung zu treiben sei daher »nicht nur ethisch falsch«, sondern auch »dumm von uns« findet Vale und fügt mit Blick auf die Coronakrise hinzu: »Wissenschaftler warnen davor seit Langem, wie sie auch vor der wachsenden Wahrscheinlichkeit einer Pandemie durch die weitverbreitete Umweltzerstörung gewarnt haben. Wollen wir warten, bis uns die Ressourcen ausgehen? Ich hoffe nicht.«

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