Rave on!

Nach langer Zeit des Darbens öffnen die Berliner Clubs an diesem Wochenende wieder ihre Außenbereiche. Die Existenzsorgen bleiben

  • Von Mischa Pfisterer
  • Lesedauer: 8 Min.

Er steht noch, der große Schriftzug auf den Außenmauern des linken Techno-Clubs »About Blank« direkt am Berliner Ostkreuz: »Nie wieder Deutschland«. Noch vor ein paar Wochen blühte ein großes Meer bunter Tulpen davor. »Leider hatten unsere Gäste so gar nichts davon«, sagt Eli vom Clubkollektiv zu »nd«. »Wir haben uns dann einfach entschieden, am 9. Mai, am Tag der Befreiung, einen Außerhausverkauf mit unseren Rest-Sektbeständen am Fenster zu machen.« Dazu gab es Tulpensträuße, wobei die Gäste dazu eingeladen wurden, »auf die deutsche Niederlage sowie die Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus anzustoßen«.

Wenn auch ohne Tulpen, so ist an diesem Freitagabend doch auf einmal alles anders in der »Autonomendisko«, wie Freund*innen des »About Blank« ihren Club gern nennen. Hatten die »Blankis« wochenlang am neuen Dancefloor im Garten gezimmert, können sie ihn nun tatsächlich mit 250 Gästen einweihen und die »Sektgarten-Saison« eröffnen. »Die Menschen wollen tanzen«, fasst Eli die Stimmung in der Stadt zusammen.

Doch das funktioniert auch in diesem Sommer nur mit angezogener Handbremse. Da gibt es die immer noch wichtigen Hygieneregeln, da gibt es das verpflichtende Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, da ist die Notwendigkeit, geimpft zu sein oder sich schnell noch testen zu lassen und die persönlichen Daten zu erfassen. Die Stimmung im Kollektiv des »About Blank« zu alldem ist gespalten. Wo bleibt bei solchen Rahmenbedingungen das Loslassen, das Sichtreibenlassen, wo bleiben die flüchtigen oder intensiven Begegnungen mit unbekannten Menschen? Die Möglichkeit, sich frei von gesellschaftlichen Zuschreibungen oder Normen ausleben zu können? Das Feiern als Gemeinschaftserlebnis, ohne Regulierungen: Im Moment geht das noch nicht.

»Für uns war gemeinsame Übereinkunft unter allen, die die Party ausmachen, immer, respektvoll und achtsam miteinander umzugehen und dadurch überhaupt erst einen Raum zu schaffen, in dem Abfahrt, Loslassen, Rave und Exzess entspannt und gefahrlos für alle möglich sein kann«, betont Eli. Und auch wenn es generell natürlich immer Zugangshürden zu den Clubs gebe, »so war es doch zumindest nicht relevant und hatte uns nicht zu interessieren, ob die Person einen gültigen Aufenthaltsstatus oder eine Meldeadresse hat«. Eigentlich widerspricht diese Art von bürokratischem Meldewesen der Idee von Techno und Rave in höchstem Maße.

Impfzentrum statt DJ-Pult

Dani Wang ist Musiker und DJ, das »About Blank« kennt er gut. »Das Feiern, wie wir es kennen, hatte auch immer mit einem körperlichen und musikalischem gemeinschaftlichen Erlebnis zu tun«, sagt er dem »nd«. Doch dann sei die Pandemie gekommen, die »uns dazu gezwungen hat, uns vorzustellen, wie es wäre, wenn wir viel weniger hätten, wenn viel weniger zugänglich wäre«. Dani arbeitet - wie viele Menschen aus dem Berliner Nachtleben - derzeit in einem Impfzentrum. Zum ersten Mal seit 2001 habe er einen festen Job, feste Arbeitszeiten, bezahlten Urlaub. »Genau das war das, was viele von uns mit Absicht nicht wollten«, sagt er. »Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Urlaub beantragt.« Er lacht. Stand er sonst morgens um 6 Uhr hinter dem DJ-Pult in einem bekannten Club der Stadt, »schmiere ich mir heute um die Zeit meine Pausenbrotstulle«.

Die Zeit habe ihn verändert, erzählt er. Unter seinen 400 Kolleg*innen im Impfzentrum in Tegel geht es einigen so. »Und es fühlt sich so sinnvoll an, diesen Job zu tun. Menschen kamen mit Tränen in den Augen zu uns und erzählten, sie hätten gerade ihren Ehemann verloren oder ihre Enkelkinder lange Zeit nicht gesehen.« Es seien auch die Menschen aus dem Nachtleben, »die mit ihrem Dienst an der Gesellschaft, den Weg zurück in die Normalität vorbereiten«. Wie der Sommer wird? Dani Wang ist mehr als zurückhaltend. »Aber ich sehe auch, wie viele vor allem jüngere Kolleg*innen leiden«, berichtet er. Kolleg*innen, die wieder raus wollen, zurück in die Nacht. »Im Winter war es einfach, es war nichts los, alle saßen zu Hause und es war kalt, es gab ja keine Partys.«

Ganz anders wird es wohl an diesem Wochenende in der Hauptstadt aussehen. Das schöne Verwaltungsverordnungswort dazu heißt »Tanzlustbarkeiten«. Die sind nun mit 250 Personen unter Hygieneauflagen wieder erlaubt. Zahlreiche Clubs öffnen ihre Gärten. Auch für größere Open-Air-Veranstaltungen wie die »Nation of Gondwana« im brandenburgischen Grünefeld laufen die Planungen.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) ist im Gespräch mit »nd« die Freunde darüber anzumerken. »Es ist schön, wieder diese Energie und Euphorie bei Veranstaltern zu sehen«, sagt Lederer. Auch wenn man maßvoll und vorsichtig bleibe, hoffe er nicht nur für die Clubs auf »einen großen Kultursommer in der Stadt«. Ermöglichen soll das auch das Projekt »Draußenstadt«, ausgeschrieben von der Stiftung für Kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung. »Die Veranstaltungen decken unterschiedlichste künstlerische Sparten ab wie Theater, Musik, Ausstellungen oder Filmvorführungen«, so Lederer. 13 Modellflächen in verschiedenen Stadtteilen wurden dazu ausfindig gemacht, die nun von sogenannten Host-Kollektiven bespielt werden. »Orte wie zum Beispiel Brachflächen oder Parkplätze werden dazu zu Kultur- und Kunstorten umgewandelt«, ergänzt Mandana Nazeri, Referentin für Kommunikation der Initiative. Los gehen soll es im August. »Die Resonanz bisher ist riesig«, sagt der Kultursenator. Beteiligt an dem Projekt ist auch die Clubcommission Berlin, der Verband der Berliner Club-, Party- und Kulturereignisveranstalter. Pamela Schobeß, Vorsitzende der Clubcommission und Mitinhaberin des Clubs »Gretchen«, spricht dann auch von einer »tollen Sache«.

Kein Gewinn weit und breit

Auch Pamela freut sich, ihren Laden wieder aufschließen zu können. »Wir werden unseren kleinen Außenbereich wieder für Liegestuhl-Kleinst-Konzerte öffnen«, sagt sie zu »nd«. In ihren Club passen normalerweise einige hundert Menschen, in den Außenbereich etwa 40. »Finanziell lohnt sich das natürlich nicht, wir machen das für unsere Gäste, die sind ausgehungert.« Drinnen bleibt das »Gretchen« erst mal zu. »Auch wenn einige so tun, als sei die Pandemie vorbei, eng tanzenden Menschen drinnen im Club kann ich mir noch nicht vorstellen.«

Die große Hoffnung bleibt der Herbst. »Planen damit können wir allerdings immer noch nicht«, sagt Pamela. Das Problem: Konzerte mit internationalen Künstlern brauchen ordentlich Vorlauf. »Wir mussten die bereits zum vierten Mal auf Herbst 2022 verschieben.« Die große Sorge ist und bleibt das Geld. Ohne Hilfen hätte auch ihr Club nicht überlebt: »Die Förderungen dürfen nicht auslaufen, sonst wären wir und viele andere Clubs sofort wieder in einer existenziellen Notlage.« Kultursenator Lederer stellt dazu klar: »Wir wollen so lange agieren, wie es nötig ist.« Er verweist aber auch auf die Abgeordnetenhauswahl am 26. September. »Da werden die Karten neu gemischt.«

Neben dem Erhalt der Orte macht sich Pamela generelle Sorgen um die Mitarbeiter*innen der Clubs. »Vor allem unter den Soloselbstständigen sind viele enttäuscht und wenden sich ab.« Zum Glück konnte sie in ihrem Club das Personal halten. Sie selbst arbeitet seit 15 Monaten um die 80 Stunden in der Woche.

Florian Winkler-Ohm vom »Schwuz«, das in diesem Jahr seinen 44. Geburtstag begeht, kennt all diese Probleme. Er sagt: »Noch nie in unserer Geschichte waren wir geschlossen.« Auch er habe »eher mehr Arbeit neben der riesigen Verantwortung, die auf einem lastet«. Hundert Menschen beschäftigt die queere Nachtleben-Institution normalerweise. Das Personal zu halten, ist auch für den Club in Neukölln eine große Herausforderung. »Leider müssen wir zudem weiterhin die Füße still halten«, so Florian. Sein Club verfügt über keine Außenfläche, keinen Garten. Kleinere Planungen laufen allerdings auch beim »Schwuz«. Am 22. August soll es andernorts eine Open-Air-Party geben, im Club »Sage«, und ebenfalls für den August planen die Macher eine Impfparty. »Dazu laufen gerade die letzten Vorbereitungen«, berichtet Florian. »Insgesamt zieht so langsam wieder etwas mehr Optimismus bei uns ein.« In den letzten Wochen und Monaten wurde zumindest schon viel gehämmert und geschraubt, Toiletten erneuert, wurden neue Tresen gebaut und der Fußboden neu verlegt.

Auch im »Schwuz« hofft man auf den Herbst. »Im September wollen wir soweit sein, jederzeit öffnen zu können. Wir haben einfach wahnsinnig Sehnsucht nach unseren Gästen«. sagt Florian. Und andererseits: »Ohne die Community hätten wir das bis hierhin gar nicht überlebt.«

Hoffen auf den Herbst

Auf die Empathie ihrer Gäste hofft auch das Kollektiv des »About Blank«. »Ich denke, dass es uns gelingen wird, unseren Ansatz der ›Feiermündigen‹ und aufeinander achtenden Gäste gut auf die aktuelle Situation zu übertragen«, sagt Eli. »Und dass wir vorsichtig und respektvoll miteinander umgehen, und das, was möglich ist unter den Bedingungen, möglichst gut gemeinsam wuppen.«

Musiker und DJ Dani Wang hat während der Pandemie weiter Musik im Studio gemacht. »Eigentlich wollte ich viel mehr in der Zeit schaffen«, sagt er. »Wenn du 20 bist, dann ist man als Musiker auf der Suche und versucht, seine Vorbilder zu finden oder Helden.« Es hänge wohl eher auch mit seinem Alter zusammen, dass er in der Pandemie für sich klassische Musik entdeckt habe. Mit Blick auf das künftige Berliner Nachtleben sagt Dani Wang: »Ich finde es ein bisschen traurig, aber in Zeiten von Instagram und Co. geht es für viele Leute mittlerweile um Selbstdarstellung und Narzissmus. Ich hoffe, dass sich unsere Vorstellung vom gemeinschaftlichen Feiererlebnis durchsetzt und wir das weiter leben.«

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