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Hass und Hetze folgte der Massenmord

Dariusz Libionka über das Wüten der Nazis im besetzten Polen

  • Von Ernst Reuß
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die in der Weimarer Republik gezählten knapp 600 000 jüdischen Deutschen machten noch nicht einmal ein Prozent der Gesamtbevölkerung aus«, schreibt eingangs der renommierte Professor an der Polnischen Akademie der Wissenschaft Dariusz Libionka, Autor zahlreicher historischer Studien, in seinem neuen Buch über die Ermordung der Juden im sogenannten Generalgouvernement Polen unter deutscher Besatzung. Darin schlägt er einen großen Bogen, geht auch auf die Vorgeschichte ein, erinnert an die Situation deutscher Juden vor Hitlers Machtantritt: »Die meisten von ihnen wohnten in Städten und waren zum großen Teil assimiliert. Sie engagierten sich in zahlreichen, völlig unterschiedlich agierenden religiösen und kulturellen Institutionen. Tausende Juden hatten während des Ersten Weltkriegs in den deutschen Armeen gedient. In nur wenigen Jahren zerstörte die Politik des NS-Staates die Existenzgrundlage der jüdischen Gemeinschaft.«

Auch den Antisemitismus im russischen Zarenreich sowie im Polen der Zwischenkriegszeit nimmt der Autor in den Blick. Als nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1933 die Verfolgung und Ausgrenzung der deutschen Juden Fahrt aufnahm, versuchten immer mehr bedrängte Menschen Deutschland den Rücken zu kehren. Und sahen sich mit schier unüberwindbaren Hürden konfrontiert: »Aus Angst vor der jüdischen Flüchtlingswelle aus Deutschland und Österreich, von wo aus sich Tausende auf den Weg machten, verschärften viele Länder ihre Einwanderungsbestimmungen. Auch Polen gehörte zu diesen Ländern«, merkt Libionka an. Derweil nahm die Judenverfolgung im »Dritten Reich« militante Ausmaße an. Der Autor berichtet über die »Polenaktion«, die Ausweisung vor allem polnischer Juden, die in Deutschland lebten und arbeiteten.

Nach dem Attentat auf den deutschen Botschaftssekretär in Paris durch einen Sohn derart ausgewiesener Polen, Herschel Grynszpan, am 7. November 1938, folgte das Novemberpogrom, von den Nazis euphemistisch als Kristallnacht bezeichnet: die Inbrandsetzung jüdischer Gotteshäuser über all in Deutschland sowie die Verhaftung von Tausenden Juden. Mit dem Überfall und der Okkupation Polens ab dem 1. September 1939 begann die systematische Jagd auf Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft auch dort. Es fanden lokale Pogrome statt, nicht nur von SS-Einsatzgruppen, sondern auch von oder unter Mithilfe der einheimischen Bevölkerung initiiert und durchgeführt, wie Libionka schonungslos berichtet. Er erinnert beispielhaft an Lemberg und Jedwabne. Die NS-Besatzer errichteten in Polen die ersten Ghettos und Lager. Mit dem »Unternehmen Barbarossa«, dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, nahm der Judenmord sodann gigantische, bis heute unfassbare Ausmaße an.

Waren bis Ende 1941 die Häftlinge in Auschwitz mehrheitlich Polen auch nichtjüdischer Herkunft, so wurden mit Beginn der »Aktion Reinhardt« vornehmlich Juden, alsbald auch aus verschiedenen annektierten europäischen Ländern, dorthin deportiert. Für die damit eröffnete »Endlösung der Judenfrage«, wie der industrielle Massenmord im NS-Jargon hieß, stehen die auf polnischem Territorium errichteten Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka.

Das schreckliche Geschehen wird in diesem Buch mit weniger bekannten Fotos aus jener Zeit illustriert. Zum Schluss berichtet Libionka von Polen, die ihre jüdischen Mitbürger zu schützen und zu retten versuchten - in Israel als »Gerechte unter den Völkern« geehrt -, aber auch noch einmal von willfährigen einheimischen Mördern. Er schildert zudem den nach dem Krieg meist ungebrochen weiterverlaufenden Lebens- und Karriereweg einiger deutscher Täter. Von traumatischen Erlebnissen mancher polnischer Juden, die Antisemitismus auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit erlebten, berichtet Dariusz Libionka nicht.

Dariusz Libionka: Die Ermordung der Juden im Generalgouvernement. A. d. Poln. v. Steffen Hänschen. Metropol, 371 S. br., 24 €.

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