Deutsch-sowjetische Begegnungen

Frieden zwischen den Völkern: Leserin Johanna Jawinsky erinnert sich

  • Lesedauer: 4 Min.

Anlässlich des 80. Jahrestags des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion schrieb unsere Leserin Johanna Jawinsky von ihren Begegnungen mit Soldaten der Roten Armee nach Kriegsende und von ihrer Teilnahme an einer Studienreise in die UdSSR 1950. Es sind Geschichten, die von Mitmenschlichkeit zeugen - trotz der Zerstörungen und Opfer, die der Zweite Weltkrieg für die Völker der Sowjetunion bedeutete.

Tür an Tür mit dem sowjetischen Kommandanten

In meine deutsche Kleinstadt waren nach Artilleriebeschuss die Amerikaner mit ihren Panzern gekommen. Wir hatten Angst vor ihnen, aber dann waren wir froh, dass der Krieg zu Ende ist, und gewöhnten uns mehr oder weniger an ihre Anwesenheit.

Da hieß es im Juni plötzlich: Die Amis ziehen ab, die Russen kommen. Wir wollten es nicht glauben. Auf dem Marktplatz hatte zu Hitlers Zeiten ein Plakat gehangen, auf dem ein Mann mit einem Spitzhelm und einem bluttriefenden Messer im breiten Mund zu sehen war. Darauf stand der Satz: »Das ist der Bolschewismus.«

Wir Mädchen hatten nun fürchterliche Angst vor den Russen, wollten uns verstecken und gingen nicht auf die Straße. Bald erfuhren wir, dass der russische Kommandant als erste Maßnahme einen Lkw nach Salzwedel geschickt hatte, um für die Bevölkerung Lebensmittel heranzuholen. Als ich mich dann doch hinauswagte, sah ich quer über die Straße - durch die einst Hitler, von Hof kommend, gefahren war - ein Transparent gespannt mit der Aufschrift: »Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt. J. W. Stalin«.

Wir bekamen Einquartierung; der stellvertretende Kommandant zog mit seiner Frau in unser Haus ein. Wir sollten es räumen. Meine Mutter aber fragte, ob wir nicht ein paar Zimmer behalten dürfen, denn die Familie mit drei Kindern lebe von den Einnahmen des Cafés im Haus. Wir durften bleiben. So lebten wir Tür an Tür mit der russischen Familie. Kontakt hatten wir kaum, denn niemand konnte Russisch.

Dann kam mein Vater. Er war Kriegsgefangener bei den Engländern gewesen, die keine Gefangenen in die sowjetische Besatzungszone entließen. Er war heimlich über die Grenze gekommen und war sozusagen illegal zu Hause. Der stellvertretende Kommandant bestellte ihn zu sich in die Wohnung. Wir hatten Angst: Was geschieht nun? Muss er jetzt in russische Gefangenschaft? Er kam und kam nicht wieder.

Als er nach Stunden doch kam, hatte er einen hochroten Kopf und war betrunken. So hatte ich meinen Vater noch nie gesehen, denn er trank höchstens zum Feierabend manchmal etwas Alkohol. Mein Vater durfte zu Hause bleiben.

Schulen inmitten einer riesigen Trümmerlandschaft

1950 gehörte ich zur ersten deutschen Studentendelegation, die in die UdSSR fuhr. Wir besuchten Moskau und Stalingrad. In Stalingrad waren nur ein Häuserblock und das Traktorenwerk wieder aufgebaut.

Wir fuhren eine halbe Stunde an einer riesigen Trümmerlandschaft vorbei. Nur hie und da waren Häuser zu sehen. Das waren Schulen! Es hieß, wenn schon die Menschen zum Teil noch in Unterständen leben müssen, sollen die Kinder wenigstens gute Schulen haben. Im Traktorenwerk wurde gearbeitet, und von dort erhielten wir ein Jahr später Traktoren geliefert. Das Traktorenwerk besaß auch schon ein Kulturhaus.

Wir fuhren dann zum Mamajew Kurgan, einem strategisch wichtigen Hügel in der Schlacht um Stalingrad. Es war Frühjahr, und aus der Erde waren Körperteile von Mensch und Tier hervorgebrochen, die aus den harten Kämpfen stammten. Wir hielten den Atem an.

Jahrzehnte später kamen wir auf einer Wolga-Don-Ferienreise wieder dorthin. Die Stadt hieß jetzt Wolgograd und war vollständig wiederaufgebaut. Auf dem Mamajew-Hügel hatte man eine große Gedenkstätte errichtet. In einer Halle waren Tausende von Namen der während der Schlacht um Stalingrad Gefallenen zu lesen, und es erklang Robert Schumanns »Träumerei«. Eine riesige Skulptur »Mutter Erde« hielt ein hoch erhobenes Schwert in der Hand und rief zum Kampf um die Befreiung der Heimat auf.

Man sagte uns, dass in Berlin das Gegenstück zu sehen ist: Ein Sowjetsoldat hält ein gesenktes Schwert und ein Kind auf dem Arm - das symbolisiert, dass der Kampf beendet ist und Frieden zwischen den Völkern herrscht. Die Skulptur geht auch auf eine wahre Geschichte zurück: Ein Sowjetsoldat hat ein deutsches Kind gerettet, das zwischen die Kampflinien geraten war.

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