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»Corona ist nur vorgeschoben«

Der Betriebsrat von Foot Locker über die Schließung einer Berliner Filiale und Union Busting

  • Von Jörg Meyer
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Berliner Beschäftigten der Einzelhandelskette Foot Locker haben in der vergangenen Woche demonstriert, warum?

Malkoc: Das Unternehmen hatte im April dieses Jahres angekündigt, dass die Filiale in der Tauentzienstraße zum 30. Juni geschlossen werden soll. Faktisch ist die Filiale aber schon seit Mai dicht. Die wurde in zwei Tagen komplett ausgeräumt. Normalerweise dauert es zwei Wochen, bis du so einen Laden geräumt, die Ware gescannt und erfasst hast. Seit Mai sind wir mit Bezahlung freigestellt. 40 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Hat der Arbeitgeber Sie gemäß Betriebsverfassungsgesetz rechtzeitig über seine Pläne informiert?

Malkoc: Eben nicht. Nach der Schließungsankündigung haben wir einen Fragenkatalog vorgelegt. Unter anderem haben wir so erfahren, dass die Geschäftsführung 2019 einen Nachtrag in den Mietvertrag hat schreiben lassen, dass sie mit Jahresfrist kündigen kann. Schon letztes Jahr haben sie den Mietvertrag zum 30. Juni gekündigt und uns dieses Jahr im April darüber informiert.

Atas: Wir sind gleich in Gespräche über Interessenausgleich und Sozialplan eingestiegen, aber noch in der Informationsphase hat der Arbeitgeber die Verhandlungen für gescheitert erklärt - bevor wir wirklich verhandelt haben. Jetzt sehen wir uns ab 13. Juli vor der Einigungsstelle wieder. Das war nicht in unserem Sinne, wir waren und sind verhandlungsbereit. Aber der Arbeitgeber wollte Tatsachen schaffen und hat einmal mehr gegen seine Informationspflichten verstoßen.

Was sind Ihre Ziele für den Sozialplan?

Atas: Wir wollen, dass der Sozialplan sich auf alle Berliner Filialen erstreckt. Wir sind ein Berliner Betriebsrat und ein Unternehmen. Über ein Freiwilligenmodell könnten wir auch erreichen, dass nicht alle vom Tauentzien gekündigt werden. Außerdem wollen wir einen Faktor 1,0 für Abfindungen. Derzeit bieten sie uns Faktor 0,25 an, also: Betriebsjahre mal 0,25 Monatsgehälter. Damit werden wir uns natürlich nicht zufriedengeben.

Warum schließt denn genau diese Filiale? Am Ku’damm ist der prominenteste Laden, der Flagshipstore.

Atas: In der Tauentzienstraße haben wir den größten Rückhalt. Allein drei Mitglieder des siebenköpfigen Berliner Betriebsrates kommen aus dieser Filiale. Der erste Betriebsrat einer Berliner Foot-Locker-Filiale wurde hier gegründet. Offiziell heißt es selbstverständlich, dass sich der Laden nicht rentiert. Aber wir haben die Zahlen gesehen. Wenn es danach geht, hätten sie drei andere Berliner Stores vorher schließen können.

Riecht nach einer gezielten Aktion gegen den Betriebsrat. Das scheint in der Berliner Einzelhandelsbranche gerade sehr angesagt zu sein. Ich denke an die jüngsten Auseinandersetzungen um den Buchhändler Thalia.

Atas: Den Eindruck haben wir auch. Wir sprechen ja auch untereinander, und Geschichten darüber, dass die Betriebsräte richtig unter Druck stehen, hören wir beispielsweise auch von Nike oder JD Sports.

Sie sagen, dass den Betriebsräten seit 2015 ein rauerer Wind entgegenschlägt. Woran liegt das?

Atas: Bis 2015 waren wir an den Lohn im Einzelhandelstarifvertrag angelehnt, obwohl Foot Locker nicht tarifgebunden ist. Mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes war es damit vorbei. Ich habe seit 2008 keine Lohnerhöhung mehr bekommen.

Malkoc: Beachten muss man dabei auch, dass Foot Locker 2015 den Konkurrenten Runner’s Point übernommen hat. Damals stieg die Aktie kräftig an, und darum geht es letztlich.

Man hört derzeit von vielen großen Handelsunternehmen, dass sie Filialen schließen. Begründung: Ausbleibende Umsätze wegen Corona. Stimmt das aus Ihrer Sicht?

Atas: Die Foot-Locker-Aktie ist seit Jahresanfang von 40 auf 60 US-Dollar hochgeschossen. An der Stelle ist Corona vorgeschoben. Es geht hier eher um eine langfristige Profitstrategie und lange geplante Vorhaben.

Derzeit läuft die Tarifrunde für den Einzelhandel. Was hat das mit Ihnen zu tun?

Atas: Leider wenig, wir haben keinen Tarifvertrag. Aber wir haben schon mehrmals neue Gehaltsstrukturen angemahnt. Da passiert aber nichts. Es gibt die alten Verträge und die nach 2015.

Malkoc: Das führt dazu, dass die Kolleg*innen unterschiedlich verdienen. Zwischen den alten und neuen Verträgen kann ein Nettounterschied von bis zu 400 Euro liegen.

Gibt es noch viele mit einem alten Vertrag oder ist die Fluktuation hoch?

Malkoc: Da möchten die gern hin. Der Plan ist wohl, dass es noch Filialmanager gibt - und die Belegschaft wird nach zwei Jahren ausgetauscht.

Atas: Von den 145 Berliner Kolleg*innen haben vielleicht noch 40 einen alten Vertrag.

Warum ist Ihr Kampf so wichtig?

Atas: Was bei uns seit einigen Jahren passiert, zeigt, wie wichtig es ist, dass wir zusammenstehen. Ich wünsche mir an der Stelle auch manchmal mehr rechtzeitige Einsicht bei den Kolleg*innen aus den anderen Filialen. Es kann ja nicht sein, dass die Leute erst merken, wie wichtig der Betriebsrat ist, wenn es ihren eigenen Store betrifft. Ohne funktionierende Betriebsräte können Arbeitgeber jede Verschlechterung der Arbeitsbedingungen einfach anordnen.

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Malkoc: Wir haben gemerkt, dass es so lange eine gute Zusammenarbeit gab, wie wir keine Kritik geäußert haben. Wir stören den Arbeitgeber, wenn wir handeln, aber das ist unser gesetzlicher Auftrag. Die stiften mit ihren Aktionen derzeit Unruhe unter den Kolleg*innen. Und da müssen wir tätig werden.

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