Die Null vor der Nase

JEJA NERVT: über die immergleichen Fehler

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.
Könnten wir uns einrahmen und beibehalten: Die Null. Will aber irgendwie niemand.
Könnten wir uns einrahmen und beibehalten: Die Null. Will aber irgendwie niemand.

Corona-Inzidenzen nahe der »unmöglichen« Null, Lernfähigkeit noch weit darunter: Im Coronasommer 2 wiederholen wir dieselben Fehler wie in der ersten Auflage. Die Feministin Antje Schrupp, die sich für eine Zero-Covid-Strategie starkmacht, witzelte jüngst in spürbarer Verzweiflung über die gegenwärtige Lage: Womöglich sei Corona ein Lernprogramm von Außerirdischen, mit dem wir erforschen, wie lange die Menschen brauchen, »bis wir das Prinzip kapiert haben«. Ihre pessimistische Aussicht: Wahrscheinlich würden die Außerirdischen die Erde demnächst als »hat kein intelligentes Leben« einstufen.

Ich jedenfalls würde es ihnen nicht verübeln, wenn sie in ihren UFOs wieder davonbrausten und uns, anders als im Star-Trek-Universum die Vulkanier, keinen Einblick in ihre Errungenschaften gewähren. Mit unserer eigenen Technologie, den hochkomplexen, hochwirksamen mRNA-Impfstoffen, gehen wir ja schon so unwahrscheinlich bräsig-bescheuert um, dass sich mutmaßlich alle Mediziner*innen von Hippokrates bis Hildegard von Bingen im Grabe umdrehen würden. Wieso auch eine weltweite, koordinierte Impfkampagne unabhängig von privaten Profitinteressen organisieren, wenn wir uns auch mit unseren Impfspritzen hier verschanzen können, bis sich da draußen die nächsten Escape-Mutanten gebildet haben? Entschuldigung, wir verschanzen uns ja gar nicht. Anscheinend können wir die Nähe zu »Zero Covid« (noch im Januar: »utopisch«, »halbtotalitär«, »Wunschdenken«) so wenig ertragen, dass wir einfach noch eine Herrenfußball-EM ausrufen.

Überhaupt: Was haben wir uns im vergangenen Herbst, als die Zahlen anlässlich der modellgemäßen zweiten Welle modellgemäß wieder anstiegen, noch selbst gescholten. Für die Untätigkeit und Gedankenlosigkeit im ruhigen Corona-Sommer, für die extrem späte Reaktion der Bundesregierung, für Klassenzimmer ohne Luftfilteranlagen. Es ist, als hätte man aus Versehen eine Zeitung von 2020 aufgeschlagen. Die Maßnahmen sind auch diesen Sommer beinahe wieder verschwunden. Die »Clubkultur« demonstriert auf Berliner Wasserstraßen, auf Mallotze infizieren sich Hunderte Tourist*innen und die Luftfilteranlagen für ungeimpfte Schüler*innen. Das einzige der gegenwärtigen Tendenz noch entgegenstehende Zeichen am Himmel personifiziert Dr. Hendrik »Corona-Orakel« Streeck mit seiner »überraschenden« Voraussage einer vierten Welle im Herbst dieses Jahres. Und wenn der es sagt, so das verschlagene Argument mancher Zeitgenossin bereits Mitte Mai, besteht ja irgendwie doch noch Hoffnung auf einen ruhigen Herbst.

Am Mittwoch schlagzeilte der »Spiegel« gehässig über den »Ausbruch« der Delta-Variante in Australien: »Jetzt rächt sich die Corona-Bequemlichkeit«. Am Freitag hieß es auf der Website der Tagesschau über das Land: »Covid-freies Paradies ist eine Illusion«. Bitte was? In Australien sind gerade mal 900 Menschen am Virus verstorben. Zehntausende, Hunderttausende gerettete Menschen - nicht, weil Australien »bequemlich« gewesen wäre, sondern weil sich das Land durch wenige strikte Lockdown-Anordnungen konsequent zur Null gearbeitet hat und damit auch weiter macht. In Deutschland, mit etwa 3,3 Mal so vielen Einwohner*innen, gibt es gegenwärtig über 91 000 Todesopfer zu beklagen. Inzidenz des Delta-»Ausbruchs« in Australien (Stand 1. Juli): 0,9.

Schon klar: Wer auf einem Berg von 91 000 Leichen sitzt, ist auf eine gewisse Fantasie angewiesen. Aber mit dem hyperideologischen Gehalt einer dermaßen abstrusen Verfallsstufe demokratischer Öffentlichkeit sollte man sich vielleicht zügeln, in diesen Tagen zum Beispiel die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Kommunistischen Partei Chinas allzu kritisch zu kommentieren. Nicht, weil es so wenig Kritisches zu 100 Jahren KPCh zu sagen gäbe. Sondern weil die Angebundenheit der hiesigen, staatstragenden Öffentlichkeit an die Realität beziehungsweise an moralischen Maßstäben, mit denen sich diese Realität ausmessen ließe, sagen wir es vorsichtig, auch schon mal einen besseren Eindruck gemacht hat.

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