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Wahre Heldinnen

Meine Sicht: Claudia Krieg über die Missachtung von Verkäufer*innen in der Pandemie

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 2 Min.

Meine Großmutter arbeitete als Verkäuferin in einem Konsum. Ich mochte sie nicht besonders, also war mir auch ihre Arbeit eher egal. Die Verkaufsstellen-Romantik aus Kinderbüchern, in der die Protagonist*innen in ihrem lebensgroßen »Kaufmannsladen« auf Wolken schwebten, während ihnen die Konsum-Mitarbeiter*innen erlaubten, nach dem Flaschensortieren noch eine Brause zu trinken, ließ mich eher kalt. Apropos kalt: Die andere, umso mehr gemochte Oma, begleitete ich sehr gern zum Einkaufen, denn im Konsum in ihrem Dorf war es immer schön kühl im Sommer. Aber auch da interessierte ich mich nicht für die Verkäuferinnen - es waren ausnahmslos Frauen.

Nicht erst seit ich Menschen kenne, die in Warenlagern schuften, in kollektiv betriebenen Bioläden jede Woche Überstunden schieben, weil manche ihrer Kund*innen an jedem Freitag aufs Neue meinen, am Wochenende könnten Welt und Himmel untergehen und sie dann nicht genug Hirse-Würstchen und Erbsen-Nudeln im Regal stehen haben: Ich denke, die Beschäftigung im Einzelhandel ist eine der am meisten unterschätzten beruflichen Tätigkeiten überhaupt. Dafür ist es wirklich egal, ob sie in einem riesigen Vollsortimenter im Brandenburgischen oder in einem kleinen Gemüseladen in einer Neuköllner Seitenstraße ausgeführt wird. Sie ist anstrengend, jeden Tag aufs Neue, geht mit stundenlangem Stehen, Schleppen, Sitzen und immer wieder Angemotzt-Werden einher - das vermaledeite »Der Kunde ist König« steckt noch immer in den Köpfen vieler.

Nein, das ist er nicht. Hier arbeiten Menschen dafür, dass wir ganz selbstverständlich und jederzeit Milch, Butter, Erbsen-Nudeln und natürlich Klopapier in unsere Einkaufskörbe legen können. In der Pandemie mussten sie das um ein Vielfaches mehr tun. Wann, wenn nicht jetzt, wäre es an der Zeit, ihnen Wertschätzung und Anerkennung entgegenzubringen und ihnen zumindest einen rentenfesten Mindestlohn zuzubilligen? Nichts ist insofern berechtigter als ein Streik der vielen jahrelang unbeachtet gebliebenen Verkäufer*innen, Fahrer*innen und anderweitig Beschäftigten.

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