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»Beute« - ein Buch wie eine Bombe

Ayaan Hirsi Ali über junge muslimische Migranten und westliche Frauenrechte

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

An den Beginn hat die Autorin eine Triggerwarnung gestellt. Die steht heute oft vor einem Text oder Film, um verstörende Inhalte anzukündigen. Tatsächlich hält das neue Buch von Ayaan Hirsi Ali, der in Somalia geborenen Aktivistin für Frauenrechte, die 1992 in die Niederlande kam und heute, verheiratet mit dem namhaften schottischen Historiker Niall Ferguson und zwei Söhnen in den USA lebt, für Leserinnen und Leser schwere Brocken mit bedrückenden Fakten bereit.

Hirsi Ali wuchs in Afrika auf, ehe sie Asyl beantragte (»durch die Flucht nach Holland entging ich einer Zwangsheirat«), studierte, ins Parlament gewählt wurde und in die USA ging. Ihre Bücher waren auch deshalb Bestseller, weil sie heiße Eisen anpackt. Dass sie sich damit angreifbar macht, ist unvermeidlich. Sie hat sich nicht einschüchtern lassen, wie ihr jüngstes Buch zeigt. Es widmet sich einem gesellschaftlichen Problem, das in Ländern West-, Nord- und Südeuropas zu besichtigen ist, die mit verstärkter muslimischer Zuwanderung zu tun haben.

Hirsi Alis These, die sie am Ende zu Reformvorschlägen aus der Sicht einer Frau führt, die selbst einmal Asylbewerberin und zweimal Einwanderin war und bekennt: »Ich bin für Immigration«, lautet: Viele muslimische Männer, die mit einem Frauenbild, das vom westlichen Ideal der Gleichberechtigung weit entfernt ist, nach Europa gekommen sind, setzen eine bisher weithin stillschweigende Erosion von Frauenrechten in Gang. »Meine Schwester und ich hüllten uns als heranwachsende Mädchen in Mogadischu und Nairobi in Hidschabs und entzogen uns so den Blicken der Öffentlichkeit. Heute müssen sich Frauen in Europa Gedanken machen, wie sie sich am besten so kleiden, dass sie der Aufmerksamkeit einer zunehmenden Zahl von herumstreunenden Männern, die nach Frauen Ausschau halten, entgehen.«

Hirsi Ali beklagt eine Verdrängung des Problems: »Die Konsequenz eines Lebens in einem Zustand des Nichtwahrhabenwollens ist, dass nahezu alle Beteiligten verlieren. Regierungen, die fürchteten, dass eine offene Diskussion über das Problem populistischen Parteien in die Hände spielen würde, erlebten, wie sie genau das taten, indem sie die Debatte unterdrückten. Populisten profitierten in ganz Europa davon, dass sie die Einzigen waren, die das Tabu brachen. Parteien der linken Mitte, die davon träumten, eine zunehmende Zahl von Muslimen sei das neue Proletariat, büßten das Vertrauen ihrer traditionellen Wählerschichten ein.«

Die Autorin, die ausdrücklich erklärt, männliche Muslime nicht zu dämonisieren, schildert anhand belegter Fälle aus verschiedenen europäischen Ländern, zu welchen Veränderungen es namentlich im Gefolge der starken Zuwanderung aus muslimischen Ländern in den Jahren 2015/16 im öffentlichen Raum kommt, wie - vor Corona - in bestimmten Vierteln von Brüssel, Berlin und London, Paris, Wien und Stockholm immer weniger Frauen unterwegs sind, Cafés, Plätze und Parks aber voller Männer. Wie es zu Belästigungen von Frauen und Mädchen durch junge Muslime beim Einkauf, in Schulen, Schwimmbädern, Toiletten und Parks kommt. Und wie es nicht nur in der Silvesternacht 2015 in Köln, sondern auch anderswo und wiederholt zu sexueller Belästigung, Vergewaltigung und Mord kam. Kurzum: wie Frauen Beute werden. Die Schilderung solcher Vorfälle bildet den Hintergrund für Hirsi Alis Befund, dass es durchaus kausale Verbindungen zwischen gestiegener Migration vor allem junger Männer aus muslimischen Ländern und der Zunahme von Sexualverbrechen in Europa sowie, als Folge, eine Schwächung hiesiger Frauenrechte gibt.

Die Autorin zitiert Frauen, mit denen sie in Europa sprach, darunter die 39-jährige Nicola Frank aus Oldenburg. Eine Frau, die sich lange als »echte Linke« sah und »am Gymnasium in antirassistischen Gruppen« arbeitete. Sie berichtet von Belästigungen, die sie im öffentlichen Raum - im Beisein ihres zweijährigen Sohnes - durch Burschen (»bestimmt unter 25, und eindeutig Einwanderer«) erfuhr, und ergänzt: »Aus meiner Sicht muss ich sagen, dass das eine Konsequenz der Migration ist. Es fällt schwer, das auszusprechen. Es gibt ein Problem mit der Kultur und der Einstellung arabischer Männer gegenüber Frauen.« Und zögernd fügt sie an: »Ich wagte es nicht, das offen auszusprechen und mit meinen linken Freunden über diese Dinge zu reden. Ich wollte nicht als Rassistin beschimpft werden.«

Hirsi Ali fragt, warum trotz erwiesener Fälle sexueller Gewalt muslimischer Männer gegen Frauen und Mädchen in Europa kein vergleichbarer Aufschrei wie im Falle prominenter MeToo-Opfer aus der US-Filmbranche erfolgt. Sie wirft Feministinnen vor, sich so sehr auf hiesige Themen konzentriert zu haben, dass ihnen entging, was Frauen in anderen Gesellschaften ungleich schlimmer widerfährt. Sie beschuldigt westliche Feministinnen der Einäugigkeit, denn sie entschuldigten ihre Untätigkeit gegenüber oft mörderischer Gewalt außerhalb der westlichen Welt damit, »dass die Durchsetzung ihrer Werte in der muslimischen Welt eine Erscheinungsform des Neokolonialismus sei«. MeToo, schreibt Hirsi Ali, habe zwar einen Ozean überquert, doch zur Überwindung einer Kulturbarriere scheine die feministische Bewegung nicht imstande zu sein. »Opfer von Migrantenbanden« würden weitgehend ignoriert, die Aussagen angegriffener Frauen abgewiesen, obwohl »die Zahl der Opfer von Belästigungen - von schweren Straftaten wie Vergewaltigung ganz zu schweigen - in Europa sehr viel größer ist als etwa in Hollywood oder an der Wall Street.«

Die Autorin sieht zwei Antwortoptionen: eine rechtspopulistische, die auf Generalverdammnis von Migration und Migranten setze. Oder - von ihr gefordert - eine radikale Reform des Integrationssystems. Hirsi Ali nennt sechs Punkte, deren Umsetzung rechte Populisten schwächen würde. Sie schlägt vor, die Unterscheidung zwischen politischen Asylbewerbern und Wirtschaftsmigranten aufzuheben und Niederlassung an die Verpflichtung des Immigranten zur unbedingten Einhaltung der Gesetze des Aufnahmelandes zu koppeln. Zweitens fordert sie vom Westen, die Ursachen der Massenmigration zu bekämpfen, drittens »die Attraktivität der großzügigen Sozialleistungen« in Westeuropa zu überdenken, viertens die Herrschaft des Rechts gegenüber Gewalttätern »wiederherzustellen«, fünftens »auf erfolgreiche Einwanderer zu hören« und sechstens Sexualkundeunterricht für alle Schulkinder verpflichtend zu machen.

So prosaisch und strittig die Vorschläge sein mögen, sie krönen ein Buch, das ebenso lesbar wie drängend ist und das zuletzt sogar die Triggerwarnung vergessen lässt.

Ayaan Hirsi Ali: Beute - Warum muslimische Einwanderung westliche Frauenrechte bedroht. A. d. Engl. v. Karsten Petersen u. Werner Roller. Bertelsmann, 428 S., geb., 22 €.

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