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Reisen als Lotteriespiel

Rückkehrern droht die deutsche Quarantänepflicht

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 5 Min.

»Traumhafte Reisen zu günstigen Preisen« - so wirbt das Internetportal Secret Escapes derzeit wieder um Tourismushungrige. Auch andere Vermittler oder Reiseanbieter sind happy, dass immer mehr Urlaubsregionen wieder für deutsche Touristen geöffnet sind. Soeben hat auch die Regierung in Norwegen grünes Licht gegeben: Einreisende aus der Bundesrepublik müssen nicht mehr in Quarantäne. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss aber eine Einreiseanmeldung ausfüllen und sich an der Grenze auf das Coronavirus testen lassen. Das skandinavische Land richtet sich damit nach dem Ampelsystem der EU - die großen Urlaubsregionen in Südeuropa sind längst offen für Reisende aus dem Niedriginzidenzland Deutschland.

Doch Ampeln neigen dazu, plötzlich umzuschalten - hier sogar auf Dunkelrot. Dies bekamen Portugal-Urlauber kürzlich am eigenen Leibe zu spüren. Sie waren davon ausgegangen, dass ihnen wie bei der Rückreise aus anderen maritimen EU-Ferienregionen keine Beschränkungen drohen. Da sich in dem südwesteuropäischen Land aber die infektiösere Delta-Variante von Sars-CoV-2 rasant ausbreitete und für wieder hohe Infektionszahlen jenseits einer 200er Inzidenz sorgte, stufte die Bundesregierung weite Teile des Landes zu Virusvariantengebieten hoch und verfügte, dass Rückreisende 14 Tage in Quarantäne müssen. Um dem zu entgehen, reisten viele Urlauber überstürzt ab und versuchten, noch vor dem Stichtag einen Flieger zu ergattern. Um die Verwirrung komplett zu machen, wurde Portugal am Dienstag wieder zum (hellroten) Hochinzidenzgebiet herabgestuft. Für vollständig Geimpfte und Genesene entfällt damit die Quarantänepflicht, für alle anderen wird sie verkürzt.

Dennoch ist die Verunsicherung groß unter denen, die bereits im Ausland sind oder die einen Sommerurlaub gebucht haben. Reisen wird zum Lotteriespiel. Außenminister Heiko Maas (SPD) versuchte bei einem Besuch in Spanien in dieser Woche zu beruhigen, indem er etwas umständlich erklärte, es gebe »keinerlei Hinweise auf Entwicklungen, die befürchten ließen, dass wir in absehbarer Zeit wieder Entscheidungen treffen müssten, die dazu führen, dass deutsche Touristen in Spanien keinen Urlaub mehr machen können«. Er gehe derzeit nicht davon aus, dass eine Wiedereinführung der Quarantänepflicht für Rückkehrer kurz bevorstehe.

Doch die Zahlen in Spanien steigen wieder deutlich an. 6 von 17 Regionen fallen mit Inzidenzen über 50 bereits in die gelbe Risikokategorie; die Balearen und die Kanaren dürften bald folgen. Dann muss man bei der Rückreise die Impf- oder Genesenenbescheinigung oder einen negativen PCR-Test vorlegen, um der Quarantäne zu entgehen. Portugiesische Verhältnisse sind natürlich nicht auszuschließen, auch Zypern fällt bereits in die dunkelrote Kategorie.

Die deutsche Politik gerät durch die Entwicklung in Erklärungsnot. Über Monate hinweg predigte man den Bürgern: Lasst euch impfen (oder testen) und genießt dann nach Monaten der Lockdown-Entbehrung euren wohlverdienten Urlaub! Doch die Pandemie folgt solch schlichten Parolen nicht. Viele Geimpfte fühlen sich verschaukelt oder sind mit Blick auf den Sommerurlaub zumindest im Ausland verunsichert. Und so suchen Politiker Sündenböcke - die infektiösere Delta-Variante, junge Party-Urlauber, die es krachen lassen, die Fußball-EM, Impfterminschwänzer ... Plötzlich melden sich auch die Mahner wieder zu Wort: CDU-Parteivize Thomas Strobl, Innenminister in Baden-Württemberg, sagte, ihn bedrücke, dass der »Ballermann« auf Mallorca offen sei, Flugzeuge bis zum letzten Platz gefüllt seien. Unter Infektionsgesichtspunkten sei dies gefährlich. Das wäre auch vor einigen Wochen richtig gewesen, als die Fallzahlen europaweit in den Keller gingen, doch damals sollte nichts die Erleichterung trüben.

Zudem spielt in der politischen Debatte nur eine Rolle, was mit der Reisetätigkeit auf Deutschland zukommen könnte. Doch die Probleme gehen auch in die andere Richtung: Britische Touristen schleppten die Delta-Variante in Portugal ein - das Land war zuvor nach wochenlangem harten Lockdown Vorreiter im Kampf gegen Corona in der EU gewesen. Dass auch deutsche Touristen B.1.617.2 bei der Anreise dabeihaben, lässt sich ebenfalls nicht ausschließen.

Eigentlich sollte das am 1. Juli eingeführte digitale Covid-Zertifikat der EU für unbeschwertes Reisen in Europa sorgen. Wer nachweislich doppelt geimpft, genesen oder negativ per PCR getestet ist, kann es erhalten. Doch das Zertifikat ist anders, als es etwa das Europaparlament wollte, kein Freifahrtschein. Einzelne Staaten verbinden es mit zusätzlichen Regelungen oder nutzen die mögliche sechswöchige Übergangsfrist für die Einführung.

In Deutschland ist es die Umsetzung des Ampelsystems. Für Virusvariantengebiete wurde im Juni festgelegt: »Alle - auch Genesene oder Geimpfte - müssen eine strikte 14-tägige Quarantäne auf eigene Kosten einhalten; eine ›Freitestungsmöglichkeit‹ besteht hier vor dem Hintergrund der besonderen Gefährlichkeit der Virusvarianten nicht.« Aus der EU-Kommission kam Kritik daran, und selbst unter Experten ist die Regelung umstritten: Die einen verweisen auf die Möglichkeit, dass auch Geimpfte das Virus weitergeben können, die anderen darauf, dass dies so selten geschieht, dass die Beschränkung nicht nachvollziehbar ist.

In der politischen Debatte spielen zunehmend auch praktische Überlegungen eine Rolle. Einerseits ist eher zweifelhaft, dass sich viele Geimpfte nach der Rückkehr tatsächlich in Quarantäne begeben. Andererseits lassen sich viele nur impfen, um etwa unbegrenzt reisen zu können. Die Reisebeschränkungen könnten der ohnehin sinkenden Impfbereitschaft weiter schaden. Und so fordert selbst SPD-Politiker Karl Lauterbach: »Um die Akzeptanz unserer Corona-Maßnahmen zu erhöhen, plädiere ich dafür, die Quarantänepflicht wieder rückgängig zu machen.«

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