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Die Waffen bleiben gleich

Mit der Delta-Variante ändert sich wenig am Kampf gegen das Coronavirus. Nur etwas schneller muss es gehen

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.

Dass die Merkel-Raute gleich zweimal den griechischen Buchstaben Delta enthält, einmal richtig herum und einmal auf den Kopf gestellt, ist natürlich ein Zufall. Aber die Delta-Variante des Coronavirus könnte, wenn Warnungen einiger Virologen zutreffen, Angela Merkel womöglich noch die Abschiedstour als Kanzlerin und die unspektakuläre Amtsübergabe an Wunschnachfolger Armin Laschet vermiesen. Zumindest in Deutschland schien die Pandemie abgehakt zu sein, und die Normalität kehrt scheibchenweise zurück - wird nun alles anders kommen, vielleicht sogar die Schlussphase des Wahlkampfs überschatten?

Die Mutante B.1.617.2, gemäß der neuen Nomenklatur der Weltgesundheitsorganisation Delta-Variante genannt und von ihr als »besorgniserregend« eingestuft, wurde zuerst in Indien nachgewiesen. Über Reisende fand sie Ende März den Weg nach Großbritannien, wo sie im Mai die bis dato dominierende Alpha-Variante B.1.1.7 verdrängte. Ein völlig normaler Vorgang in der Welt der Viren: Hier setzen sich die Mutanten durch, die infektiöser als die Konkurrenten sind. Wie in der Leichtathletik: Der Schnellste gewinnt.

Untersuchungen zu B.1.617.2 gibt es vor allem aus Großbritannien. Die Auswertung umfangreicher Daten des staatlichen Gesundheitsdienstes Public Health England ergaben, dass die »Secondary Attack Rate«, also die Ansteckungsrate enger Kontaktpersonen ohne Gegenmaßnahmen, bei 12,4 Prozent liegt. Bei der »britischen« Mutante B.1.1.7 waren es noch 8,2 Prozent. Praktisch dürfte das heißen, dass sich in Familien wohl jeder anstecken wird, während zuvor einzelne Mitglieder davonkamen, oder dass ein infizierter Schüler drei bis vier Klassenkollegen ansteckt statt bisher zwei. Aerosolforscher des Max-Planck-Instituts gehen davon aus, dass ungeschützter Kontakt in geschlossenen Räumen schon nach wenigen Minuten zur Ansteckung führen kann.

In Großbritannien entwickelte sich folgendes Problem: Mit der Machtübernahme von Delta haben die Fallzahlen, auch wenn sie noch weit vom Höhepunkt der dritten Welle entfernt sind, wieder stark zugenommen, obwohl bereits die Hälfte der Bevölkerung komplett geimpft ist. Mit Blick auf Deutschland stellen sich daher mehrere Fragen: Wann übernimmt Delta das Ruder? Kommt die vierte Welle? Durchbricht die neue Variante den Impfschutz? Und ist sie gefährlicher als frühere Mutanten?

Die erste Frage ist bereits beantwortet: Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass die Delta-Variante aktuell »mindestens die Hälfte aller Neuinfektionen ausmacht«, wie es in einem Bericht vom Mittwochabend heißt. Vergangene Woche waren es noch 37 Prozent, in der Woche davor 15 Prozent.

Allerdings bleiben die Fallzahlen trotz des Staffelwechsels auf sehr niedrigem Niveau und sinken sogar weiter. Eine vierte Welle ist nicht in Sicht, erwartet wird sie von den meisten Experten weiterhin erst für den Herbst, wenn die sommerliche Unterstützung wegfällt. Bisher sind lediglich kleinere lokale Delta-Ausbrüche, etwa in Frankfurt am Main, zu beobachten. Dann braucht es rasche Reaktionen, denn: »Wenn man die Ausbreitung in die Fläche bekommt, kann es auch wieder zu einem Anstieg der Inzidenz in Deutschland kommen«, warnt Sandra Ciesek, Chefvirologin am Universitätsklinikum Frankfurt. Aber: »Wir sind auf jeden Fall im Vergleich zum letzten Jahr besser mit Waffen gegen das Virus ausgerüstet und wissen, dass man Delta genauso bekämpfen kann wie andere Varianten.«

Auch wenn es viele nicht mehr hören wollen: Schnelles Testen, Masken in Innenräumen, Kontaktnachverfolgung auch mithilfe der Corona-Warn- oder der Luca-App, Abstand und Lüften bleiben notwendig. Zudem muss das Reisegeschehen wohl strenger reguliert werden. Ob es darüber hinaus im Einzelfall lokal weitere Maßnahmen braucht, bleibt abzuwarten. Da das Virus schneller geworden ist, muss das auch für die Reaktion gelten. Leichtsinn wird Delta noch weniger verzeihen als die Vorgänger. Virologin Ciesek appelliert daher an die Eigenverantwortung der Leute: »dass man sich einfach fragt: Muss ich diese Veranstaltungen besuchen?«

Die Hoffnung der Experten ist, Delta im Griff zu halten, bis zumindest alle Risikogruppen den Impfschutz haben. Doch ist der im Fall dieser Variante überhaupt gegeben? Untersuchungen zu den Impfstoffen von Biontech, Astra-Zeneca und Moderna zeigen, dass der Schutz nach vollständiger Impfung nur geringfügig geschwächt ist. Bei nur einer Dosis kann es aber Probleme geben. Daher wird in der Ständigen Impfkommission diskutiert, den Abstand zwischen den Impfungen zu verringern. Allerdings sinkt dadurch die Wirksamkeit - bei der derzeit niedrigen Inzidenz wäre das kontraproduktiv.

Dass in Großbritannien der Anteil doppelt Geimpfter an den Corona-Toten stark steigt, führt der Chemiker Lars Fischer nicht auf Delta, sondern auf einen statistischen Effekt zurück: Da Impfstoffe keine hundertprozentige Wirksamkeit haben, ist das Sterberisiko geimpfter Risikopersonen immer noch höher als das von ungeimpften jungen Leuten, wie er im »Spektrum« schreibt. »Das führt zu dem scheinbar paradoxen Resultat: Je weiter die Impfkampagne voranschreitet, desto höher wird potenziell der Anteil der vollständig Geimpften an den Coronatoten.«

Bleibt die Frage, ob Delta gefährlicher ist als Alpha. Auch wenn die Fachwelt anders als bei den vorherigen Punkten hier uneins ist, zumal keine Studien zu schweren Verläufen vorliegen, deutet der Blick nach Großbritannien auf ein klares Nein hin: Die Covid-Todeszahlen sind seit Monaten nicht gestiegen. Aktuell liegt der Sieben-Tage-Mittelwert bei 16. Ende Januar war er 80-mal so hoch.

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