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Ausnahmezustand in der Olympiastadt

In Tokio sinkt die Stimmung vor dem Start der Sommerspiele auf den Nullpunkt. Jetzt wurden auch die Zuschauer ausgeschlossen

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.
Proteste gegen die Olympischen Spiele.
Proteste gegen die Olympischen Spiele.

Die Sonne scheint über Tokio schon seit Tagen nicht mehr. Ununterbrochen ist der Himmel grau, Nieselregen hüllt Japans Hauptstadt ein. Es passt zur Stimmung: Am vergangenen Wochenende erschütterte ein Erdrutsch in der westlich von Tokio gelegenen Präfektur Shizuoka das Land. In der Küstenstadt Atami werden nach einer Schlammlawine noch immer mehr als 20 Personen vermisst, neun sind tot. Und dann greift noch die Deltavariante des Coronavirus um sich.

Gute Nachrichten könnte Japan dieser Tage gut gebrauchen. Doch das, was am Donnerstagabend japanischer Zeit verkündet wurde, verdeutlicht nur, wie ernst die Lage ist. Zum vierten Mal seit Beginn der Pandemie hat Japans Regierung einen Ausnahmezustand über die Hauptstadtregion verhängt. Damit beginnt der softe Lockdown, der von April und bis Juni galt, von Neuem: Menschen sollen möglichst daheimbleiben, Treffen in Gruppen vermieden, Alkohol nicht ausgeschenkt werden. Das gilt zunächst bis zum 22. August - und damit bis nach den Olympischen Spielen, die am 23. Juli für zweieinhalb Wochen stattfinden sollen. Auch für die größte Sportveranstaltung der Welt gibt es nun strengere Regeln: Die Ende Juni verkündete Marschroute, in jeder Spielstätte dürften bis zu 10 000 oder die Hälfte der Plätze besetzt werden, haben die Organisatoren wieder verworfen. Die Spiele in Tokio sollen jetzt doch ohne Zuschauer in den Stadien laufen.

An der Kapazitätsgrenze

Hintergrund für den Entschluss sind die erneut steigenden Infektionszahlen. Japan ist mit bisher 815 000 Infektionen und 15 000 Todesfällen - bei einer Bevölkerung von 126,5 Millionen - weiterhin relativ milde vom Virus betroffen. Doch angesichts der alternden Bevölkerung und eines Mangels an Intensivbetten arbeiten viele Krankenhäuser schon länger an der Kapazitätsgrenze. Hinzu kommt, dass bisher nur 15 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft ist. Die Impfkampagne begann erst im Februar, zudem ist Skepsis vor Impfstoffen weit verbreitet. So ist das Land auch anfälliger für die Deltavariante des Coronavirus, die in Tokio schon einen Großteil der Neuinfektionen ausmacht.

»Herzzerreißend« sei dieser Beschluss zu leeren Stadien, findet Tokios Gouverneurin Yuriko Koike. Noch letzte Woche hat sie sich im Rahmen der Wahlen für das Tokioter Metropolparlament für den Veranstaltungsplan mit Zuschauern eingesetzt. Auch Premierminister Yoshihide Suga hatte immer wieder beteuert, er wolle keine Spiele vor leeren Rängen. Mittlerweile überrascht es in Japan aber kaum noch jemanden, dass im Rahmen der Olympischen Spiele auch deutlichste Ankündigung verworfen wird. Diverse Versprechen haben die Organisatoren gebrochen: Dazu gehört jenes, die Spiele würden die Steuerzahler kein Geld kosten. Was schon vor der coronabedingten Verschiebung um ein Jahr eine höchst kreative Auslegung der Fakten war, galt danach schon gar nicht mehr.

Gebrochene Versprechen

Auch der wirtschaftliche Aufschwung, der zu Zeiten der Tokioter Bewerbung das Hauptargument gegenüber einer eher skeptischen Bevölkerung war, bleibt aus. Dass die Spiele ein internationales Fest werden würden, ist seit März hinfällig, als zuerst Zuschauer aus dem Ausland ausgeschlossen wurden. Und eine vom IOC und den Organisatoren häufig erwähnte Ankündigung klingt nun besonders ironisch: Die Spiele würden den Sieg der Menschheit über die Pandemie verkünden. Statt an einen Triumph erinnert die noch bevorstehende Veranstaltung schon jetzt eher an die Devise: »Augen zu und durch.«

Den Veranstaltern verlangt der Entschluss zu weitgehend leeren Spielstätten nun erneut Zusatzarbeit ab. Nachdem schon vor der Pandemie ein Großteil der Tickets verkauft gewesen war, wurde zuletzt ein neues Lotterieverfahren aufgesetzt, um die geringere Zahl verfügbarer Eintrittskarten neu zu verteilen. Nun wird dies ausgesetzt, ursprüngliche Ticketinhaber werden entschädigt. Allein durch den Wegfall der dieser Einnahmen entgehen den Veranstaltern rund 90 Milliarden Yen (690 Millionen Euro). Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag versuchten die Veranstalter, die Probleme herunterzuspielen. »Was auch immer geschieht, wir werden Sport betreiben«, sagt IOC-Präsident Thomas Bach. Premierminister Suga betont unterdessen, dass der Entschluss zum erneuten Ausnahmezustand und dem weitgehenden Zuschauerverbot für Olympia der Sicherheit aller diene. Der Premier wirkte nervös, als er das sagte. Fast so, als glaubte er selbst nicht dran.

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