Afghanistans vergessener Nachbar

Die Taliban stoßen an die Südgrenze von Turkmenistan vor. Zentralasiens autoritärster Staat zeigt sich überraschend unvorbereitet

  • Von Birger Schütz
  • Lesedauer: 4 Min.

Kaum läuft der Abzug der Nato-Truppen , erobern die Taliban den Norden Afghanistans und versetzen die zentralasiatischen Nachbarn in Nervosität. Tadschikistan mobilisiere Zehntausende Reservisten, Usbekistan bereite sich auf einen Flüchtlingsansturm vor, berichten russische und internationale Medien. Auch in Moskau wächst die Sorge über den Einfluss der Radikalen in der Region, die Russland als Interessensphäre betrachtet.

Doch was ist eigentlich mit Turkmenistan? Auch der Sechs-Millionen-Einwohner-Staat, früher die südlichste Republik der Sowjetunion, hat eine Grenze zu Afghanistan. Die gemeinsame Trennlinie ist rund 750 Kilometer lang und gilt als ziemlich brüchig.

Dass über die Lage in Turkmenistan nur wenig bekannt ist, hat einen einfachen Grund: Der Wüstenstaat gilt als eine der repressivsten und abgeschottetsten Diktaturen der Welt. Meinungsfreiheit und freie Presse gibt es praktisch nicht: Im Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen landet Turkmenistan nur knapp vor Nordkorea und Eritrea auf dem drittletzten Platz.

Im Verhältnis zur Außenwelt setzt das isolierte Land traditionell auf strikte Neutralität: Turkmenistan beschränkt seine Mitgliedschaft in internationalen Organisation auf das absolut Notwendige, beteiligt sich nicht an regionalen Bündnissen oder Militärallianzen und hält gleichermaßen Distanz zu Russland, China und den USA, welche in Zentralasien um Einfluss ringen.

Der neutrale Status des Landes - 1995 offiziell von der Uno anerkannt - bestimmte lange auch das Verhältnis zu den Taliban. Turkmenistans erster Präsident Saparmurat Nijasow, der sich selbst Turkmenbaschi (Herrscher aller Turkmenen) nannte, vermied nach der Unabhängigkeit 1991 jegliche Verurteilungen oder Lobpreisungen der radikalen Islamisten und hielt sich aus den inneren Konflikten Afghanistans weitgehend heraus. Damit stand sein Land in starkem Gegensatz zu den zentralasiatischen Nachbarn, welche damals usbekische und tadschikische Warlords in Afghanistan unterstützten. Als Teil der turkmenischen Neutralität galt auch die strikte Weigerung, afghanische Flüchtlinge aufzunehmen. Beispielsweise schob Nijasow im Juni 1997 umgehend 8000 afghanische Frauen, Kinder und Männer ab, die sich vor den Kämpfen nach Turkmenistan gerettet hatten. Als die Taliban in Nordafghanistan zur bestimmenden Kraft wurden, richtete Nijasow pragmatisch Gesprächskanäle zu den Islamisten ein und ließ sie eine Repräsentanz in der Hauptstadt Aschgabad eröffnen.

Diesem Kurs bleib nach Nijasows Tod im Dezember 2006 auch sein Nachfolger und früherer Zahnarzt Gurbanguly Berdymuchamedow treu. Allerdings verschlechterten sich die Beziehungen zu den Islamisten trotzdem, schreibt der US-amerikanische Zentralasienspezialist Bruce Pannier in einer Analyse. Konkret: Im Februar und Mai 2014 seien mutmaßliche Taliban auf turkmenisches Territorium vorgestoßen, hätten sechs Soldaten getötet und deren Waffen geraubt.

Auch danach gab es immer wieder inoffizielle Berichte über von den Radikalen getötete Grenzschützer. Turkmenische Behörden bestätigten die Vorfälle allerdings nie. Stattdessen ordnete die Führung 2014 eine Modernisierung der Streitkräfte an, kaufte moderne Waffensysteme im Ausland und ließ mehrere Grenzabschnitte befestigen. Während der vergangenen Jahre blieb die Lage an der Trennlinie dann verhältnismäßig ruhig.

Dies ändert sich nun mit dem Vorrücken der Taliban. Die Islamisten beherrschen mittlerweile die meisten afghanischen Provinzen an der turkmenischen Grenze, die Gefechte sind so nah heran gerückt, dass Explosionen und Maschinengewehrrattern auch in turkmenischen Grenzdörfern zu hören sind.

Am vergangenen Freitag eroberten die Taliban den zwei Kilometer von der turkmenischen Grenze entfernten Knotenpunkt Thorgundi, über den Afghanistan einen Großteil seines Öls und Treibstoffs aus dem Nachbarland bezieht. Zwei Tage zuvor blockierten die Islamisten die Zufahrt zur rund 30 Kilometer von Turkmenistan gelegenen Stadt Akina. Beide Siedlungen gelten als wichtigste Grenzübergänge zwischen den Ländern.

Aschgabad war trotz der Geländegewinne der vergangenen Wochen vom Auftauchen der Taliban überrascht. Hastig ließ die Führung am vergangenen Sonnabend eine Taliban-Delegation unter der Leitung von Sher Mohammad Abbas Stanikzai, dem Chef des politischen Büros der Taliban in Katar, einfliegen. Es waren bereits die zweiten Geheimverhandlungen in diesem Jahr. Erst im Februar hatte Turkmenistan bei den Taliban auf Sicherheitsgarantien für die geplante Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Indien-Pipeline (Tapi) gedrungen, die 700 Kilometer über afghanisches Territorium verlaufen soll. Diesmal bestand Vizeaußenminister Wepa Hajyyewin auf Sicherheitsgarantien und konkrete Schritte zur Verhinderung von Flüchtlingsströmen. Trotz Aschgabads Bitte, die Gespräche mit Rücksicht auf Turkmenistans Beziehungen zu Kabul geheim zu halten, bestätigte ein Talibansprecher das Treffen am nächsten Tag offiziell auf Twitter.

Da Präsident Berdymuchamedow sich nicht auf die Zusicherungen der Taliban verlassen will, verlegte er am vergangenen Wochenende schwere Artillerie, Panzer, Jagdflugzeuge und Hubschrauber an die Grenze. Auch wurden Reservisten mobilisiert und Truppen aus mehreren Provinzen und dem südturkmenischen Militärstützpunkt Mary an die Grenze entsandt. In Mary ist Turkmenistans beste Fallschirmjägereinheit stationiert.

In Turkmenistans Medien ist von alldem nichts zu lesen, die Grenzverstärkungen werden abgestritten. Beide Länder teilten eine »Grenze der Freundschaft und Kooperation«, heißt es in einer offiziellen Erklärung des Außenministeriums. Meldungen über mehr Militär an der Grenze seien ungeprüft, schlicht unwahr und auf der Suche nach »billigen Sensationen« entstanden.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal