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  • Wilde Streiks bei Gorillas

Rollender Arbeitskampf

Gorillas-Lieferdienstfahrer bestreiken in Berlin erneut Lagerhäuser des Online-Supermarkts

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor dem Lager des Lieferdienstes Gorillas am Platz der Luftbrücke stehen am Samstag gegen 12 Uhr zehn Fahrer des Unternehmens Gorillas im Kreis. Als einer von ihnen fragt, ob sie in den Streik treten wollen, gehen alle Hände nach oben. In Berlin-Tempelhof wird die Arbeit niedergelegt. »Das Management hat unsere Forderungen nicht erfüllt«, teilt ein Fahrer den etwa 30 anwesenden Unterstützern per Megafon mit. Die Rider, wie die Fahrer branchentypisch genannt werden, entscheiden, zu den anderen Lagerhäusern des Lieferdienstes zu fahren, um auch dort zum Streik aufzurufen.
»Wir greifen die Idee von Sümer auf unsere Art auf«, freut sich Zeynep Karlıdağ, eine Sprecherin des »Gorillas Workers Collective«.

Kağan Sümer, der Chef des Lieferdienstes, hatte nach Protesten im Juni angekündigt, bei einer Radtour alle Lagerhäuser des Unternehmens in Deutschland besuchen und sich ein Bild von der Situation vor Ort machen zu wollen. Passiert sei das nicht, doch auch ohne Besuchstour müsste dem Gorillas-Chef klar sein, wo die Missstände im Unternehmen liegen, meint Karlıdağ. Als Nachhilfe hatten die Rider bei einer Demonstration vor dem Büro des Unternehmens Ende Juni eine 19 Forderungen umfassende Liste erstellt. Eine der wichtigsten Punkte ist, dass ausstehende Gehälter innerhalb von 48 Stunden gezahlt werden.

Doch auch am Samstag wird von fünf Ridern berichtet, die immer noch nicht ihren vollen Lohn erhalten hätten. »Außerdem fordern wir mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen«, sagt Karlıdağ. Zu Letzterem gehört beispielsweise eine Gepäckhalterung an den Rädern, damit die Rider die Waren nicht mehr auf dem Rücken transportieren müssen. Weil das Unternehmen bisher keine Forderung umgesetzt habe, soll der Streik mit einer Fahrraddemo auf das nächste Lagerhaus in der Kreuzberger Urbanstraße unweit des Hermannplatzes ausgedehnt werden.

Doch ohne vorherige Demonstrationsanmeldung braucht es fast zwei Stunden, bis die Polizei Einsatzwagen organisiert hat, um die Strecke für den Tross zu sichern. Zu Verzögerungen kommt es auch, weil den Ridern untersagt werden soll, ihre Diensträder für die Demonstration zu nutzen. Der Kompromiss: Wer den Schlüssel für das Rad bereits hat, darf fahren. Alle anderen müssen auf anderen Wegen zum Lager in Neukölln kommen. Die Raddemo ist klein, doch immer mal wieder macht sie mit Sprechchören auf sich aufmerksam. »Wir sind keine Familie, wir sind die Belegschaft«, lautet übersetzt einer der Slogans, mit dem die Rider auf die besänftigenden Worte in einer Rede des Geschäftsführers anspielen, in der Sümer das Unternehmen mit einer Familie verglich.
Gorillas ist – im Frühjahr 2020 gegründet – ein noch junges Unternehmen, das verspricht, Lebensmittel innerhalb von zehn Minuten zum Supermarktpreis an die Wohnungstür zu liefern. In Berlin konkurriert es mit zahlreichen Anbietern. Um sich als Nummer eins bei den Kunden durchzusetzen, muss Gorillas vor allem in das Liefernetz und das Angebot investieren. Geld für die Rider bleibt da offenbar wenig übrig. Große Aufmerksamkeit erhielt der Arbeitskampf der Gorillas-Beschäftigten, als im Juni einem Fahrer gekündigt wurde und es zu Protesten unter anderem gegen die sechsmonatige Probezeit kam.

Als die kleine Raddemo in der Urbanstraße ankommt, hat Gorillas das dortige Lager bereits vorsorglich geschlossen. Zeynep Karlıdağ ruft die Angestellten am Standort dazu auf, sich dem Streik anzuschließen. Ein leitender Mitarbeiter von Gorillas soll den Beschäftigten vor Ort indes untersagt haben, sich zu beteiligen. Doch klar ist auch, die Gorillas-Angestellten riskieren mit den Streiks mehr als andere Arbeitnehmer. Ein Betriebsrat befindet sich noch in der Gründung. Gegenüber Gewerkschaften – die unter anderem Streikgeld zahlen könnten – gibt es in der basisdemokratisch organisierten Fahrerschaft Vorbehalte.

Cansel Kiziltepe, SPD-Bundestagsabgeordnete, die den Streik am Samstag unterstützt, sagt: »Wilde Streiks sind in Deutschland auf Dauer nicht vorgesehen.« Um einen Tarifvertrag zu erkämpfen, bräuchte es die Gewerkschaft. Die Rider könnten trotzdem basisorientiert bleiben. »Aber ohne Struktur geht es nicht.«

An diesem Dienstag will sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit Fahrern und Unternehmensleitung treffen. Im Fokus steht Gorillas derweil auch bei Datenschützern. Das Portal »Mobilsicher.de« riet am Donnerstag von der Verwendung der App ab, da diese zahlreiche empfindliche Daten an Dritte weiterleite.

Die Rider am vergangenen Samstag steuern nach der Urbanstraße noch ein Lagerhaus in Kreuzberg sowie eins in Friedrichshain an. Die Unternehmensleitung schließt den einen Standort vorsorglich, den anderen im Laufe des Abends. Die dort beschäftigten Fahrer sollen zu einem nicht bestreikten Lagerhaus umgelenkt werden. Nicht jeder Rider schließt sich dem Streik an, das hat der Samstag auch gezeigt.

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