Vom Sicherheitsrisiko zum Handelspartner

Nach dem Nato-Abzug soll eine Konferenz in Usbekistan die Kooperation mit Kabul stärken

  • Von Hubert Thielicke, Taschkent
  • Lesedauer: 3 Min.

In Termez ist Afghanistan ganz nah: In Usbekistans südlichster Stadt, direkt an der rund 140 Kilometer langen Grenze zu dem unruhigen Nachbarland gelegen, wird derzeit der einzige Grenzübergang zwischen beiden Staaten modernisiert. Daneben entsteht eine Wirtschaftszone, in welcher Afghanen Waren aus dem Nachbarland kaufen können und so auch die Wirtschaft in der Grenzstadt ankurbeln sollen. Zudem werden in einem Ausbildungszentrum fast 200 afghanische Jugendliche, davon etwa ein Viertel Mädchen, auf einen Beruf vorbereitet. Die Kapazität der Bildungsstätte kann bis auf 500 Plätze gesteigert werden.

All das sind Beispiele für Usbekistans pragmatische Politik gegenüber Afghanistan. Aus usbekischer Sicht muss der Umgang mit dem zerrütteten Nachbarn kein Problem sein, sondern kann auch Chancen eröffnen. Damit unterscheidet sich das Vorgehen des zentralasiatischen Landes wesentlich von dem der USA und ihrer Partner, die in Afghanistan 20 Jahre auf militärische Mittel setzten, nun ihre Niederlage einräumen und schleunigst das Land verlassen. Doch Usbekistan und die zentralasiatischen Anrainer müssen auf Dauer mit dem Nachbarn auskommen.

Dies erklärt auch Taschkents beharrliches Engagement für eine Lösung des Afghanistankonflikts, welches allerdings kaum Erwähnung in den deutschen Mainstreammedien findet. Bereits im März 2018 tagte auf Initiative von Präsident Schawkat Mirsijojew eine internationale Friedenskonferenz in der usbekischen Hauptstadt, welche unter anderem zur Aufnahme von Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban im Juli 2018 beitrug. Seit dem vergangenen Jahr warben usbekische Diplomaten für eine hochkarätig besetzte Zentralasienkonferenz mit dem Themenschwerpunkt Afghanistan. Das von Präsident Mirsijojew angesetzte Treffen fand Ende vergangener Woche in Taschkent statt. Etwa 250 Vertreter aus mehr als 40 Staaten, darunter auch die Außenminister Chinas, Indiens und Russlands, diskutierten über die Lage in der Region nach dem Nato-Abzug.

Afghanistan komme als Brücke zwischen Zentral- und Südasien eine besondere Bedeutung zu, unterstrich Schawkat Mirsijojew. Das Land müsse daher stärker in die regionale Kooperation einbezogen werden. Zu diesem Zweck schlug er ein jährlich stattfindendes ökonomisches Regionalforum, den Ausbau der Transportkorridore sowie regionale Treffen zu Landwirtschafts- und Umweltfragen vor. Auch die Bekämpfung von Terrorismus und Extremismus solle verstärkt werden.

Die Bedeutung des Treffens unterstrich auch die Teilnahme des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani und des pakistanischen Premierministers Imran Khan. Präsident Ghani sprach sich für ein geeintes, demokratisches und neutrales Afghanistan aus. Zugleich kritisierte er Pakistans Unterstützung der Taliban und forderte das Land zu einer konstruktiven Beteiligung am afghanischen Friedensprozess auf. Pakistans Premier Khan wies die Vorwürfe als »unfair« zurück. Sein Land habe alles dafür getan, um die Taliban an den Verhandlungstisch zu bringen. Wie aus Konferenzkreisen zu erfahren war, fanden sich beide Länder trotz ihrer Differenzen am Rande des Treffens zu gemeinsamen Beratungen mit Usbekistan und einigen anderen Staaten zusammen. Dies könnte zur Entwicklung neuer Gesprächsformate führen.

»Afghanistans Probleme lassen sich nur durch Gewaltverzicht, Verhandlungen und Kompromisse lösen«, betont Akramjon Nematow, erster Vizedirektor des Instituts für strategische und regionale Studien beim Präsidenten Usbekistans, im Gespräch mit »nd«. Sein Land führe den Dialog mit allen Kräften Afghanistans. Angesichts der derzeitigen Eskalation der Kämpfe sei dies nicht einfach. Letzten Endes müssten die Taliban aber verstehen, dass Handel besser sei als Krieg. »Sie werden die Macht nicht durch Bajonette erlangen. Das würde zu einem erbitterten Bürgerkrieg führen.«

Die Taschkenter Afghanistan-Konferenz spiegelt auch Usbekistans gewachsenes außenpolitisches Selbstbewusstsein wider. Als eine der beiden Führungsmächte Zentralasiens strebt Taschkent neben dem wirtschaftlich stärkeren Kasachstan offensichtlich eine Rolle an, welche auch über die Region hinausgeht. Usbekistan wolle zunehmend als »regionaler Spieler« und »Führer aller zentralasiatischen Staaten« auftreten, analysierte Mitte Juli die pakistanische Zeitung »The Spokesman« den aktiven Ansatz der usbekischen Außenpolitik.

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