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Mehr als Pommes und Sand

Am Tegeler See öffnete ein 90 Jahre altes Bad mit einem neuen Konzept

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Strandbad Tegeler See: Mehr als Pommes und Sand

»Momo, schau mal!«, ruft das Mädchen im schwarzen Badeanzug. Sie kneift die Nase mit den Fingern zu und taucht ab. Kurz darauf zappeln zwei Füße aus dem Wasser. »Super, fast ein Handstand!«, lobt Momo und lacht. Er kenne die Kleine noch von früher, erzählt er. Als Momo aus Damaskus nach Berlin flüchtete und in dem Verein Neue Nachbarschaft Moabit Menschen fand, die ihm halfen, in Deutschland anzukommen, war ihre Familie auch oft da.

Inzwischen macht Momo eine Ausbildung zum Erzieher und betreut in den Ferien Kinder im Strandbad Tegelsee, das der Nachbarschaftsverein seit diesem Sommer betreibt. »Natürlich waren sich viele unsicher, ob wir als Verein das mit dem Strandbad schaffen«, erinnert sich Udo Bockemühl, der die Neue Nachbarschaft 2013 mitgründete. Fast 400 freiwillige Mitglieder engagierten sich im Verein, als 2019 die Idee aufkam: Im 15 Kilometer entfernten Tegel, am Stadtrand, suchte der Senat für das weitläufige Gelände eines Strandbades einen neuen Pächter - oder besser gesagt: einen Retter.

Die Berliner Bäderbetriebe hatten das fast 90 Jahre alte Bad 2017 aufgegeben, nachdem die Umweltverwaltung klarstellte, dass die Abwasserrohre saniert werden müssten. Die hohen Kosten für die neuen doppelwandigen Rohre wollte der Senat nicht übernehmen. »Das Strandbad Tegel wird wohl nie mehr öffnen«, titelte der »Tagesspiegel« damals.

Sommer um Sommer wucherte das Gestrüpp über den Sand, verrottete das Holz der Imbissbuden. Also schrieben Udo Bockemühl und ein paar Verbündete ein Konzept: Mit Hilfe von Freiwilligen und finanzieller Unterstützung eines Mäzens sollte das Strandbad wiederauferstehen.

»Wir wollten das Bad aber nicht einfach nur retten, sondern einen sozialen und kulturellen Ort schaffen, der die Menschen zueinanderbringt«, betont Bockemühl. Wie in den Räumen des Vereins in Moabit sollte dieser Ort alle willkommen heißen, wenig kosten und vielfältige Aktivitäten bieten. Aber er sollte auch geflüchteten oder benachteiligten Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben, einen fair bezahlten Job ermöglichen.

Das Konzept überzeugte den Senat. Der Verein bekam das Erbbaurecht für die nächsten 40 Jahre. Am 1. Januar 2021 standen die ersten Freiwilligen aus Moabit mit Maske und Spitzhacke auf dem Strand und begannen, Meter für Meter vom Gestrüpp zu befreien. Jedes Wochenende kamen neugierige Anwohner vorbei, halfen mit, das marode Strandbad für den Sommer fit zu machen. So entstand hier schon vor der offiziellen Eröffnung eine ganz neue Neue Nachbarschaft.

Seit Juni 2021 kann jeder sie besuchen: Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre dürfen umsonst ins Strandbad, alle anderen können für zwei bis drei Euro den ganzen Tag am klaren Wasser verweilen. Gegen die Langeweile gibt es kostenfreie Yogakurse, offene Workshops und sogar ein eigenes Theater - gegen den Hunger formt Mazen Alsawaf in der frisch gestrichenen Imbissbude Falafelbällchen und kippt Pommes ins Fett. In Syrien bekochte der Familienvater im berühmten »Sheraton«-Hotel betuchte Urlauber, in Deutschland war es für ihn schwierig, überhaupt einen Job zu finden. Jetzt aber arbeitet Mazen »für die Familie«, wie er sagt.

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Familie, das ist für ihn nicht nur Udo Bockemühl. Das ist auch Hosni, der im Bad den Sicherheitsdienst übernimmt und erstaunlich wenig zu tun hat. »Ich zeige allen Leuten Respekt, und dann zeigen sie das auch«, erklärt Hosni seine Strategie. Wenn Jugendliche doch mal für Ärger sorgen, könne er ihnen in mehreren Sprachen eine Ansage machen, sagt Hosni grinsend.

Noch dieses Jahr will Koch Mazen Alsawaf endlich sein ganzes Können beweisen und im Restaurant auf dem Gelände vegetarische Köstlichkeiten aus Syrien auftischen. Die Töpfe stapeln sich schon in dem Saal, in dem seit Jahren keine Gäste mehr saßen.

»Momentan sieht es so aus, als könnten wir mit dem Erlös aus der Gastronomie die laufenden Kosten decken«, sagt Bockemühl zufrieden. Unten am Wasser steht immer noch Momo und beaufsichtigt die Kinder, die im Wasser tollen und jauchzen. »Turkmenisch, Arabisch, Englisch, Tschechisch«, hört Momo heraus. »Ich lerne mehr von denen als sie von mir«, sagt er.

Strandbad Tegelsee, täglich 9-19 Uhr , Gastronomie bis 23 Uhr.

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