Weibliche Wesen ohne Baugenehmigung

Lesbeninitiative hofft darauf, 2022 mit eigenem altersgerechtem Wohnprojekt loslegen zu können

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine Regenbogenflagge wird künftig bestimmt auch an dem neuen Wohnprojekt der Offene Initiative lesbischer Frauen hängen
Eine Regenbogenflagge wird künftig bestimmt auch an dem neuen Wohnprojekt der Offene Initiative lesbischer Frauen hängen

Jutta Brambach vom Verein Rad und Tat - Offene Initiative lesbischer Frauen (RuT) ist sichtlich froh. »Das Wohnprojekt nimmt jetzt langsam Fahrt auf, das ist ganz sicher«, sagt die Projektleiterin von RuT am Mittwochabend bei einer Informationsveranstaltung zu Berlins erstem großem Wohnbauvorhaben für ältere lesbische Frauen. Brambach sagt, dass sie fest davon ausgehe, dass die Bauarbeiten auf dem Grundstück an der Berolinastraße in Mitte im kommenden Jahr endlich beginnen können.

Geplant ist ein achtstöckiger Neubauriegel mit 72 barrierefreien, zum Teil rollstuhlgerechten Mietwohnungen, dazu eine Pflege-WG mit acht Plätzen, Veranstaltungs- und Beratungsräumen und ein Kiezcafé. Das Haus, das RuT in Kooperation mit der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) realisiert, soll 2024 bezugsfertig sein. »Wir sind da im Moment optimistisch, dass wir das alles hinbekommen«, sagt Brambach.

Aktuell heißt es für die Lesbeninitiative aber trotzdem erst einmal: Abwarten. Brambach hofft, dass »die entscheidenden Herrschaften« im Bauamt spätestens im September »endlich ihren Stempel« auf die Baugenehmigung drücken. Erst dann wisse man auch, ob die Wohnungszuschnitte so umgesetzt werden dürfen, wie in den Plänen vorgesehen. »Da werden wir uns noch gedulden müssen«, sagt die Projektleiterin.

Nun ist das mit der Geduld bei dem Bauvorhaben von RuT so eine Sache. Seit mehr als zehn Jahren kämpfen die Frauen bereits um »ihr« altersgerechtes Wohnprojekt. Mehrfach scheiterten sie, mal an einem Investor, mal wurden sie ausgerechnet von der Berliner Schwulenberatung ausgebootet. Und auch das jetzt offenkundig in erfolgreiche Bahnen gelenkte Bauvorhaben unmittelbar neben dem Rathaus Mitte hätte eigentlich schon Ende 2021 beginnen sollen.

Diesmal machte das Stadtplanungsamt der Lesbeninitiative einen Strich durch die Rechnung. Die an der Seite zum Rathaus hin vorgesehenen Balkone wurden ebenso abgelehnt wie die große Dachterrasse. »Da das Grundstück im Erhaltungsgebiet Karl-Marx-Allee II liegt, darf man das Stadtbild nicht verändern«, erklärt Brambach. Dass auch die Plattenbauten drum herum Balkone auf der Straßenseite haben - geschenkt. »Wir mussten eben noch einmal komplett umplanen und den Bauantrag neu einreichen.«

Die Infoveranstaltung richtet sich dabei nicht nur an die Wohnungsinteressentinnen, sondern auch an die - in der Runde zugegebenermaßen deutlich unterrepräsentierten - Anwohnerinnen und Anwohner. Und tatsächlich brennt Claudia Nier vom Nachbarschaftsrat Karl-Marx-Allee II eine Frage auf den Nägeln. Kürzlich, berichtet Nier, habe jemand aus der Nachbarschaft erzählt, dass das geplante Kiezcafé im Erdgeschoss des Neubaus ausschließlich von »weiblichen Wesen« besucht werden dürfe. Dabei sei doch zuvor stets betont worden, dass das Café für alle zugänglich sein werde. Und nun quasi Männerverbot?

Natürlich nicht, winkt Projektleiterin Jutta Brambach ab: Der Wohnbereich in den Obergeschossen bleibe selbstredend den Frauen vorbehalten, aber das Café werde »für alle offen sein«, und damit auch für Männer. Das beruhigt Claudia Nier. Sie sagt: »Die Nachbarschaft ist offen für neue Erfahrungen, neue Nachbarn. Wir wünschen uns aber auch, dass diese sich etwas integrieren.«

»Es gibt leider immer wieder falsche Gerüchte«, bedauert Jutta Brambach. Auch deshalb sei es RuT wichtig, schon vor Beginn der Bauarbeiten auf die künftige Nachbarschaft zuzugehen. Und zwar, so Brambach, nicht irgendwann erst in drei Jahren unter lauten Schlachtrufen: »Hallo, da sind wir jetzt! Hier ziehen nun lauter Lesben her.« So will die Initiative zum 1. Oktober beispielsweise ein Nachbarschaftsfest vor dem Bezirksamt Mitte auf die Beine stellen, mit Kaffee, Kuchen, Flohmarkständen, vielleicht Musik. Brambach sagt: »Ich glaube, das wird eine schöne Sache.«

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