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Vom Mythos bis zur Realität

Die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele spiegelt Geschichte, Kultur und Gegenwart wider. Ein Rückblick auf vergangene Feiern zum Auftakt der Spiele von Tokio

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 7 Min.
Szene aus der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Athen 2004
Szene aus der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Athen 2004

Das aus den griechischen Sagen stammende Olympia, ein antikes Ritual, das Herakles zu Ehren seines Vaters Zeus begründete, wurde allmählich von den griechischen Göttern verlassen und geriet in Vergessenheit. Mit den Olympischen Spielen der Neuzeit seit 1896 wurde die Tradition wieder aufgenomen. Seitdem repräsentieren die Spiele neben den sportlichen auch die sozialen und kulturellen Aspekte jeder Stadt, in der sie stattfinden. Das ist vor allem bei den Eröffnungsfeiern zu beobachten. Eine Rückschau auf die vergangenen zwei Jahrzehnte.

Das Athener Rätsel

2004, als Olympia an seinen Ursprung Athen zurückkam, kehrte auch der mythische Geist zurück. Zur Eröffnungszeremonie tauchten die olympischen Götter wieder auf und erzählten die Olympiageschichte von Neuem. Da die griechische Existenz ohne Meer nicht vorstellbar ist, brachten die Griechen ihr Meer ins Stadion, transportierten die olympische Fahne mit einem gigantischen Papierboot dorthin und entzündeten die olympischen Ringe auf dem Wasser. Nach dem Wasser als wichtigstem Element der Athener Zeremonie waren Plastiken dran, die die griechische Denkweise symbolisieren sollten. Die verschiedenen Epochen des Landes wurden von Skulpturen verkörpernden Menschen dargestellt, über denen der blaue Eros - der griechische Gott der Liebe - schwebte, der das Ereignis dominierte. Die Athener Zeremonie war so symbolisch und geheimnisvoll, dass sie für das Publikum ein Rätsel blieb und es auf der Suche nach der Symboldeutung zurückließ. Und gerade über die Aura dieses Mysteriums staunte jeder.

Der Traum der Harmonie

Vier Jahre später versetzten die Chinesen das Publikum auf andere Art in Staunen. Da die Acht die chinesische Glückzahl ist, begannen 2008 Fou-Schlagzeuger am 8.8.2008 um 20.08 Uhr die Pekinger Eröffnungsfeier. Was diese Trommler derart großartig machte, dass man kaum eine Olympia-Eröffnungszeremonie anschauen kann, ohne sich an diese zu erinnern, war auch das Motto dieser Feier: Harmonie und Ordnung. Nach genau diesem Motto präsentierten dann Tausende Darsteller und Darstellerinnen in unzähligen traditionellen chinesischen Kostümen die wichtigsten Aspekte chinesischer Geschichte und Kunst, vom Bau der Großen Mauer bis zum Handel auf der Seidenstraße. Voller Sensation, voller Pracht. Sie wollten alles harmonisieren und perfektionieren. Sogar die Naturgesetze wurden ausgehebelt: Chinas Gastgeber vertrieben den Regen am Eröffnungstag, tanzten gegen die Gravitation auf einer beleuchteten Kugel, flogen in die Luft, um die olympische Flamme zu entzünden. Alles in allem war Pekings Eröffnungszeremonie, eine der teuersten und spektakulärsten aller Zeiten, die Darstellung von Großartigkeit.

Von Pop-Art bis Popkultur

Anlässlich Olympias stellten im Jahr 2012 auch die Briten ihr Land vor. Bei ihnen ging es mehr um die Individualität. Die britische Geschichte begann auf einem Modell des historischen Hügels Glastonbury Tor in einem Dorf und entwickelte sich nach und nach bis zur industriellen Revolution, wobei die Arbeiter die olympischen Ringe schmiedeten, die schließlich gleichzeitig brannten. Das viktorianische Zeitalter, die sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die Frauenrechtsbewegungen, eine Schweigeminute in Erinnerung an die unbekannten Soldaten des Ersten Weltkriegs - alles wurde nacheinander abgedeckt.

Der chronologische Verlauf britischer Geschichte wurde allerdings an jenem Punkt unterbrochen, an dem es endlich um die Kolonialzeit gehen musste. Plötzlich tauchte der National Health Service mitsamt Personal auf. Es kamen die guten Krankenschwestern und brachten die Kinder zu Bett - welch unschuldige Szene! Dann las ein Mädchen heimlich unter der Bettdecke ein magisches Buch, das sich auf eine Passage der Harry-Potter-Geschichte bezog. Dabei betraten einige böse Figuren der britischen Kinderliteratur das Stadion, darunter auch Lord Voldemort, der das Publikum verzaubert und sein historisches Gedächtnis gelöscht haben sollte. Alle waren so von den Biestern und Zauberern abgelenkt, dass kaum jemand auf die Idee kam, dass mit diesem Trick gerade die unangenehme Episode britischer Geschichte umgangen wurde.

Danach wurden allmählich die zeitgenössischen Aspekte des englischen Lebens dargeboten: Das viktorianische England war nun zum Zuhause der lässigen Jugendlichen geworden, die durch die Londoner Straßen wanderten, mit den Handys einander Herzchen und Küsschen sandten und zu den bekannten britischen Popsongs tanzten.

Die Choreografie war nicht sonderlich spektakulär, die Kostüme nicht besonders extravagant. Alles war genauso einfach und leger wie die Jugendlichen selbst, die simsten und sich ihre Seifenopern anschauten, ohne darauf zu bestehen, ordentlich oder identisch auszusehen. Exakt das sind die Attribute der Popkultur: salopp, vielfältig und satirisch; sie hat keine Lust mehr auf Perfektion, Makellosigkeit und Erhabenheit. Wie die Pop-Art in London erstmals Teil der Kunstgeschichte wurde, erreichte die Popkutur in London auch Olympia.

So begnügten sich die Engländer in ihrer Eröffnungszeremonie mit einem minimalistischen London, bestehend aus einem Riesenrad und einer Wolke, und machten Späße über alles, was zu ernst war: Mr. Bean wurde zum Mitglied des London Symphony Orchestra, und James Bond ließ die Königin mit einem Gleitschirm über dem Stadion abspringen. So wurde die Londoner Zeremonie oft als populär, locker und lustig bezeichnet, statt als unglaublich oder grandios. Und schon allein deswegen war sie vielen Menschen näher.

Die grüne Realität

Im Sommer 2016 erreichten die Olympischen Spiele zum ersten Mal Südamerika - genauer gesagt Brasilien. In den Ozeanwellen des Atlantiks, symbolisiert durch silberblaue Luftkissen, spiegelte sich der Countdown der Eröffnungszeremonie im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro. Die Brasilianer erzählten alles realitätsgetreu, ohne auch nur eine Lücke in der Geschichte zu lassen. Zu Beginn liefen riesige metallische Tausendfüßler und Krebse durch das Stadion, danach wurde zu indigener Musik der Bau der ersten Hütten dargestellt. Zunächst ging es überaus grün und friedlich zu - bis schließlich ein Gewitter aufkam, das die Ankunft der Portugiesen symbolisierte. Die Musik änderte sich schlagartig und wurde zur Sinfonie der dramatischen Begegnung der Indigenen mit den Kolonialisten. Die Realität schlug dem Publikum im Maracanã mit voller Wucht entgegen.

Auch das moderne Brasilien wurde im Anschluss präsentiert, aber wie viele andere Aspekte dieser Zeremonie halb kritisch, halb feierlich: Begleitet von einer alarmierenden Musik tauchten aus dem früheren bunten Feld moderne Hochhäuser auf, über die Parcourläufer zum stressigen Rhythmus des urbanen Lebens sprangen. Es folgte die Partyszene, die unbedingt zum brasilianischen Leben dazugehört. Das Stadion wurde zur Diskothek, vor allem mit elektronischer Musik, aber auch mit Rap - im Rio-Stil.

Und wie beim Aufwachen aus einem süßen Traum nach der Party von gestern Nacht, wenn man erkennt, dass die Welt noch immer genauso problematisch ist wie gestern, wurde es danach im Maracanã wieder ernst. In einem Dialog hörte man zuerst Informationen über den Klimawandel und die Erderwärmung - dann wurde die schönste Idee dieser Veranstaltung mitgeteilt: Jedes Team, das das Stadion betritt, wird von einem jungen Menschen mit einem Pflanzensetzling begleitet, und jeder Sportler und jede Sportlerin aus allen Teilen der Welt bekommt zusätzlich einen Samen, den man in dafür vorgesehene Töpfchen pflanzen kann. Daraus sollte im Deodoro Olympic Park ein Wald entstehen.

So war das Symbol des Rio-Olympias ein grünes Peace-Zeichen. Die Brasilianer waren die einzige Nation bisher, die einen sehr realistischen olympischen Geist lebte und die bei den unangenehmen Aspekten menschlicher Geschichte - von der Kolonisierung und Sklaverei bis zu den heutigen Umweltschäden - kein Auge zudrückte. Auch sonst war die Rio-Eröffnungszeremonie einmalig: Da wurde erstmals gerappt, Parcour absolviert, sogar das Thema Sex war abgedeckt. Und zwar, als sich der Chef des Olympia-Organisationskomitees Carlos Nuzman versprach, als er das Wort an Thomas Bach übergab und sagte: »Bach hat immer an den Sex (statt «Success») geglaubt.« Auch nicht schlimm, wenn der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees immer an den Sex glaubte! Wichtig dabei ist, dass so ein Patzer auch so real klingt!

Und ja, es gab auch Samba. Zum Schluss tanzten Tausende Brasilianer und Brasilianerinnen mit farbenfrohen Kostümen und ließen die Idee der Rio-Eröffnungsfeier in die Geschichte eingehen: Wenn es nicht wahnsinnig viel Budget gibt, kann man zumindest glücklich Samba tanzen, Samen pflanzen und sich eine schöne umweltverträgliche Olympiafackel ausdenken, die von der Wärme eines kleinen Feuers angefacht wird.

Olympia in der Pandemie

An diesem Freitag beginnt nun die Eröffnungsfeier in Tokio (um 20 Uhr Ortszeit, 13 Uhr MEZ) - zum ersten Mal in der Geschichte vor fast leeren Rängen. Es ist das erste Olympia in einer Pandemie. Wird es eine freudlose Veranstaltung? Was bleibt von der Tokio-Zeremonie in Erinnerung? Hoffentlich nicht die Masken.

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