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Wo Bäume kurze Hosen tragen

Die Gallura, Sardiniens mal schroffe, mal liebliche Granitlandschaft im Norden, hat idealen Boden für Korkeichen. Deren Rinde wird auf spektakuläre Weise geerntet und nicht nur zu Flaschenkorken verarbeitet

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 5 Min.

Ob sich hier mal ein Riese herumgetrieben hat? So einer mit Dino-Maßen oder noch viel, viel größer? Wenn ja, dann war Sardiniens ganzer Norden sein Spielplatz. Wie Kinder mit Sandförmchen, so tollte der Riese mit Granitbrocken herum, türmte sie am Capo Testa zu monumentalen Küstenklumpen, filetierte sie mit Karateschlägen, formte landeinwärts lieblich gewellte Hochebenen und drapierte überall steinerne Rätsel: Ist das wirklich ein XXL-Bär bei Palau? Und bei Castelsardo ein Elefant? Die Sarden nennen diese tierähnlich geformten Felsen schon lange so. Andere, namenlose sind über und über durchlöchert, sie könnten Schwämme sein - vielleicht hat sich der Riese damit gewaschen?

Ja, nach ein paar Tagen »Kreuzfahrt« im Auto durch die Gallura beginnt man zu fantasieren. Weil diese Landschaft so viele überwältigende Bilder bietet und es kaum vorstellbar ist, dass unterirdisches Landmassengeruckel, Wind und Wellen all diese Gesteinsformationen in Millionen Jahren zusammengeschoben und zerklüftet, ausgewaschen, durchbohrt und in Form geschmirgelt haben.

In Gallura werden Korkeichen geschält ...

Wo Menschen in der Gallura bisher keine Felder arrondiert oder Straßen durchgezogen haben, da ist diese mal schroffe, mal mittelgebirgig hügelige Granitwelt zu mehr als zwei Dritteln überwuchert von dichter Macchia - der Sammelbegriff für das undurchdringliche Gestrüpp, in dem etwa Heidekraut, Lavendel, jede Menge Wildblumen, Stechginster, Rosmarin und Myrte blühen. Im Sommer, bei Temperaturen von 40 Grad und mehr, trocknen viele Macchiagewächse nicht aus, weil sie zum eigenen Schutz ätherische Öle verströmen. Sie steigen Wanderern, Rad- und Cabriofahrern in die Nasen als aufregend prickelnder Duftmix eines Open-Air-Blumenladens mit angegliederter Gewürzabteilung.

Je weiter der Gallura-Trip von der smaragdfarbenen Küste tief hinein ins Landesinnere führt - in Richtung kleiner, überwiegend aus Granit erbauter Städte wie Tempo Pausania und Aggius -, desto öfter stehen auf Feldern und in kleinen Schonungen seltsame Bäume und lösen den nächsten Fantasieflash aus: Tragen diese Bäume kurze Hosen? Sieht so aus, jedenfalls dort, wo sie dicht an dicht stehen: Ihre rostroten, rindenlosen Stämme könnten sonnengebräunte Riesenbeine sein. Etwa in zwei Metern Höhe erst beginnt die grün-graue Baumrinde und mutet an wie eine Tarnfarben-Shorts, aus der sich das Geäst erhebt. Die langbeinigen Kurze-Hosen-Bäume sind Korkeichen, frisch geschält.

Dafür ist Sandro Amadori früh aufgestanden. Kurz nach Sonnenaufgang hackt der »Bucadoro« (Schäler) seine langstielige Axt heute zum ersten Mal in eine Korkrinde. Bis mittags muss er sein Tagespensum geschafft haben - danach wird es zu heiß zum Weiterarbeiten. Es ist Hochsommer - die beste Jahreszeit für die Korkernte, denn jetzt führt der Eichenstamm wenig Wasser. Deshalb kann Sandro die Rinde leicht von der Wachstumsschicht darunter ablösen. Er treibt dafür den angespitzten Axtstiel wie einen Keil zwischen Rinde und Baumstamm.

Ein paar urlaubende Frühaufsteher verweilen am Weidezaun und schauen weiteren Männern dabei zu, wie sie gut zwei Meter lange, etwa fünf Zentimeter dicke, halbrunde Rindenteile abbrechen und rostrote Stämme freilegen. Diese »Carriadori« (Transporteure) schultern die Rinden und stapeln sie auf Lkw. Die zuckeln den Sommer über in Zeitlupe (nicht selten vor Urlaubermietwagen ...) über Gallura-Landstraßen und laden die Baumhäute auf Wiesen ab - zum Trocknen. Erst Monate später werden sie weiterverarbeitet - bei weitem nicht immer zu Flaschenkorken, das lernt man im Korkmuseum der Kleinstadt Calangianus.

Etwa im 20. bis 25. Lebensjahr geht es einer Korkeiche überhaupt zum ersten Mal an ihre Rinde. Diese erste Haut ist jedoch allenfalls für Schuheinlagen gut und als Dämmmaterial. Zehn Jahre wächst die Rinde nach, dann folgt der zweite Schnitt - immer noch keiner für Korken. Erst der dritte taugt dafür, von einem etwa 45-jährigen Baum. Pietro Asara zeigt im Museum Schritt für Schritt, mit welchen einfachen Gerätschaften seine Vorfahren früher Korken in Heimarbeit stanzten und schnitzten. Immer griffbereit - das farru tirabandi, ein extrem scharfes Messer mit Holzgriff.

... und zu Korken, Handtaschen und Designerkleidung verarbeitet

Und mechanische Stanzmaschinen sowie eine Trommel mit Handkurbel. Darin wurden die Korken früher gedreht und dabei mit Paraffin eingecremt - damit sie leichter in die Flaschen flutschen und wieder heraus. Heute entstehen etwa drei Millionen Korken am Tag - mit riesigen, weitgehend automatischen Maschinen bei Italiens größtem Produzenten in der Fabrik schräg gegenüber.

Anna Grindi hingegen lässt nur kleine Stückzahlen fertigen, in einer anderen Fabrik. Nicht für Flaschen. Sondern für Körper. Und für Köpfe. Und Füße. Die Designerin schreitet wie eine Diva durch ihre »Boutique Suberis«, präsentiert modische Kleider, Schuhe und Handtaschen, Fliegen, Gürtel und Hüte für Herren, Vorhänge und Tischläufer, Schmuck und Portemonnaies. Alles aus Kork. Aber nichts davon sieht auf den ersten Blick so aus. Nur die riesige, an die Wand geschraubte Korkeichenrinde erinnert beim Stöbern immer wieder daran. Fein verarbeitet - entweder im ganzen Stück oder als eingelassene Korkfaser - fühlt sich die Baumhaut an wie geschmeidiges, helles Edel-Leder. Und ist bei Anna ähnlich teuer. Taschen, Kleider und Vorhänge kosten schon mal um die 500 Euro. Nichts in ihrer nach dem lateinischen Namen für Korkeiche (Quercus Suber) benannten Boutique hat den Mitnahmepreis billiger Korkuntersetzer aus dem Souvenirshop. Aber Gucken und Stöbern kostet ja nichts …

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