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»Ich habe es vielen erzählt«

80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion: Leserinnen und Leser erinnern sich

  • Lesedauer: 5 Min.

Täglich eine warme Malzeit

Jedes Jahr im Sommer fuhren meine Schwester und ich zu unseren Großeltern nach Görlitz, wo diese ein kleines Häuschen mit Garten besaßen. In einem Sommer, ich war circa sieben Jahre alt, wurden sowjetische Kriegsgefangene »abgeladen«, die bei irgendwelchen Arbeiten eingesetzt wurden. Anwohner wie meine Großeltern konnten sich ein, zwei Gefangene »ausleihen«, um sie auf ihrem Grundstück arbeiten zu lassen.

Meine Großeltern machten davon Gebrauch, vor allem um wenigstens zwei der halb verhungerten Gestalten unter Vorspiegelung einer Tätigkeit etwas aufzupäppeln. Sie wurden täglich - was streng verboten war - im Schuppen hinter dem Haus, wo Hühner, Kaninchen und eine Ziege lebten, mit warmem Essen versorgt. Meine Großeltern dachten dabei wohl auch an ihre eigenen Söhne. Der jüngste, Fritz, war gleich in den ersten Kriegstagen gefallen, der zweite, Kurt, wohl schon vermisst.

Der Abschied von den Kriegsgefangenen fiel schwer. Die beiden nahmen einen kleinen Zettel mit der Adresse meiner Großeltern und einen winzigen Taschenspiegel mit und gingen mit dem Versprechen, sich gleich nach Kriegsende zu melden. Meine Großeltern haben nie mehr von ihnen gehört; vielleicht war das Zettelchen verloren gegangen oder beide haben Krieg und Lager nicht überlebt.
Gisela Leiste, Berlin

Die schützende Hand des Offiziers

Mit meiner Mutter floh ich (Jahrgang 1930) Ende Januar 1945 von Küstrin nach Berlin zu meiner Schwester. Sie wohnte mit ihrem zweijährigen Sohn zur Miete in einem Sommerhäuschen in der Johannisthaler Chaussee. Bei Fliegeralarm und auch beim Einmarsch der Roten Armee suchten wir den Keller der Nachbarvilla auf.

Später kam abends, wenn wir uns bei den Nachbarn aufhielten, oft ein freundlicher Offizier, der in den oberen Räumen einquartiert war, zu uns, um Deutsch zu lernen. Sowie ein russischer Soldat die Treppe runterkam, scheuchte er ihn zurück, und wir hatten Ruhe. Leider hat das nicht immer geklappt - meine Mutter, meine Schwester und ich wurden vergewaltigt.

Meine Schwester hatte einen schönen hellen Lederkoffer, in dem sich Sachen von ihrem kleinen Sohn befanden. Dieser Koffer wurde von einem russischen Soldaten gestohlen. Ein Offizier sorgte dafür, dass meine Schwester den Koffer zurückbekam. Einige Tage später wurde dafür gesorgt, dass Mütter mit kleinen Kindern nachts in einer Sammelstelle unbehelligt schlafen konnten.

Leider sollten meine Mutter und ich im Juni 1945 zurück nach Küstrin - eine Stadt, die wochenlang umkämpft war. Da wir mit meiner Schwester zusammenbleiben wollten, verließ sie das Häuschen und wir zogen gemeinsam nach Altlandsberg.

Die Vergewaltigungen waren nicht in Ordnung. Aber ich sage mir: Wer hat den Krieg angefangen, und wie haben sich die deutschen Soldaten in Russland verhalten?
Dorothea Beling, Berlin

Stolze und trauernde Sieger

Acht Tourneen führten mich als Sänger durch die Sowjetunion der 60er, 70er und 80er Jahre. In (heute) Russland, Estland, Litauen, Belarus, der Ukraine und auf der Krim besuchte unsere Bühnentruppe 14 oder 15 riesige Denkmalfelder für die sowjetischen Opfer.

Einmal, es muss an einem 9. Mai in einem Hotel in Poltawa gewesen sein, wachte ich spät auf und hörte unentwegt: »Tsch-tsch, tsch-tsch, tsch-tsch …« Ich schaute aus dem Fenster. Da kamen Hunderte, ja Tausende, von weit her; schwarz gekleidet und im Gleichschritt zogen sie ins Zentrum. Das Geräusch war das gleichzeitige Wippen all der Auszeichnungen am Anzug der stolzen und dennoch auch trauernden Sieger und Siegerinnen der Sowjetunion nach dem barbarischen Zweiten Weltkrieg. Das hat mich immer wieder bewegt - und ich habe es vielen erzählt!
Hartwig Runge alias Ingo Graf, Leipzig

Unterwegs auf historischen Spuren

Im Sommer 2010 waren meine Frau und ich im Urlaub mit dem eigenen Wagen in Litauen und Polen unterwegs. Auf dem Rückweg von Vilnius nach Berlin wollten wir nachsehen, ob die Grenze zwischen Litauen und Polen entsprechend dem Schengener Abkommen auch auf entlegenen Wegen passierbar geworden wäre.

Kurz vor Erreichen des Grenzbaches war der Weg plötzlich frisch asphaltiert, war ein Schild mit dem Hinweis auf ein EU-Projekt zur Erleichterung des Grenzverkehrs am Wegesrand aufgestellt. Zu beiden Seiten des Baches standen neue Grenzpfähle, diesseits mit dem Wappen des Heiligen Georgs, des »litauischen Reiters«, jenseits mit dem weißen polnischen Adler auf rotem Grund. Wir konnten uns erfreut davon überzeugen, dass auch in dieser entlegenen Ecke Europas freies Reisen endlich möglich geworden war.

Kurz zuvor, noch in Litauen, hatten wir die Reste eines Holzzauns, dicht bespannt mit rostigem Stacheldraht, passiert: die ehemalige sowjetisch-polnische Grenze. Rechts des Weges ein rötlicher Gedenkstein. Die kyrillische Aufschrift erinnerte an Soldaten, die am 22. Juni 1941 bei der Verteidigung ihrer Heimat gefallen waren. Hier, an diesem Bach, war für ein kurzes Jahr, bis eben zum Juni 1941, die deutsch-sowjetische Grenze verlaufen: nach der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht im September 1939 und nach der Okkupation Litauens durch die Rote Armee sowie dessen Anschluss an die Sowjetunion im Sommer 1940. Mir ging durch den Kopf, dass es vielleicht litauische junge Männer waren, die hier in sowjetischen Uniformen ein Land gegen die deutschen Angreifer verteidigen mussten, das sie nicht als das ihre verstanden. Sie waren nicht gefragt worden, sie mussten kämpfen.

Und kann ich eigentlich ausschließen, dass nicht irgendwo an der langen sowjetischen Grenze mein Vater als Feldwebel unter den Hunderttausenden deutscher Soldaten war, die an jenem 22. Juni, einem Sonntag, das friedliche Leben jenseits der Grenze brutal beendeten? Er hat mir nie von der Kriegszeit erzählt - ich weiß nur, dass er in Nordafrika »im Einsatz« war und dass er 1945 an der »Ostfront« in Königsberg in »russische« Kriegsgefangenschaft geriet.
Stefan Steinmetz, Berlin

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