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Suboptimal vorbereitet

Im Norden sind die Ferien zu Ende. Der Schutz der Schüler vor Corona ist unzureichend gewährleistet

  • Von Guido Sprügel
  • Lesedauer: 5 Min.

Es gab wahrscheinlich selten Phasen in der Geschichte, in denen sich Schüler nach normalem Unterricht zurücksehnten. Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie ist der Ruf unüberhörbar: Fast alle Kinder und Jugendlichen wollen nach den Sommerferien endlich wieder ein normales Schulleben haben.

Doch während die Schülerschaft in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein am Montag bereits wieder in ihren Klassenzimmern eingetroffen ist, wurde von Seiten der Politik wenig unternommen, um den Unterricht dauerhaft in Präsenz zu ermöglichen. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Kultusminister, kaum dass die Infektionszahlen zu Beginn des Sommers sanken, diese Aufgabe wieder aus dem Blick verloren.

Die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Katja Suding forderte angesichts dessen vergangenen Freitag medienwirksam eine »staatliche Garantie für Präsenzunterricht an allen Schulen«. Dazu verlangt sie die Ausstattung aller Klassenräume mit mobilen Luftfiltern. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert die Anschaffung von Luftfiltern. Anja Bensinger-Stolze, Leiterin des Organisationsbereichs Schule der GEW, sagte gegenüber »nd«: »Die Filter sind gerade jetzt vor dem beginnenden Herbst in den Klassenräumen nötig. Bislang hat man die Anschaffung vermieden und dabei kostbare Zeit verloren.«

In Hamburg beginnt die Schule am Donnerstag, und Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat vorgelegt. Die Schulen der Hansestadt sollen nun doch bis zu den Herbstferien flächendeckend mit Luftfiltern versorgt werden. »Wir sind das schnellste aller Bundesländer (...). Es gibt kein anderes Bundesland, das zur Zeit Lüftungsgeräte in so hoher Zahl bis zu den Herbstferien aufstellen will«, so Rabe im Gespräch mit der »Hamburger Morgenpost«. Noch ist allerdings unklar, ob in so schneller Zeit alle Klassen mit den Filtern versorgt werden können. Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg, ist bei so viel Aktionismus skeptisch. »Die Initiative zur Anschaffung ist zwar begrüßenswert, kam aber sehr spät. Lange hat der Senator sich kategorisch gegen die Filter ausgesprochen. Und nun wird das wie immer den Schulen von oben übergestülpt. Ohne mit den Beschäftigten oder den Personalräten zu sprechen und ohne offene Fragen vorab zu klären sind«, sagte Heimbüchel im Gespräch mit »nd«. So sei zum Beispiel nicht klar, wer die Filter warten soll.

Maximilian Henningsen, stellvertretender Landesschüler*innensprecher der Gemeinschaftsschulen Schleswig-Holstein, sieht in den Luftfiltern hingegen kein Allheilmittel. Im nördlichsten Bundesland ist ihre Anschaffung ohnehin nur für Räume vorgesehen, in denen das Lüften schwierig ist. »Die Luftfilter allein sind nicht der Ausweg aus der Pandemie«, sagte Henningsen gegenüber »nd« und fügte hinzu: »Den sehen wir eher in der Impfung und einer konsequenten Teststrategie. Bislang wurden Schüler*innen zweimal pro Woche getestet, und das muss auch so bleiben.«

In den ersten drei Wochen nach den Ferien gilt in Schleswig-Holstein die Maskenpflicht an Schulen. Dies begrüßt der Landesschüler*innenrat als Mittel gegen Ansteckungen infolge von Urlaubsreisen. Eine Rückkehr in einen Distanzunterricht lehnen die Schüler jedoch kategorisch ab. »Ein erneutes Homeschooling wäre die Höchststrafe«, sagt Maximilian Henningsen. Die Schülervertretung fordert stattdessen einen klaren Fahrplan von Seiten der Landespolitik. Der fehle bislang. Es gebe kein Szenario für eine Rückkehr zur Normalität, sollten die Infektionszahlen doch niedrig bleiben oder wieder sinken. Es sei zum Beispiel überhaupt nicht klar, nach welchen Kriterien die Maskenpflicht im Unterricht vielleicht wieder aufgehoben werde. »Uns wurde ein Licht am Ende des Tunnels versprochen, und dieses Licht wollen wir jetzt sehen«, fordert Henningsen.

Die mangelnde Planung von Seiten der Bildungspolitiker bemängelt auch der Landesschülerrat in Mecklenburg-Vorpommern. Hier gilt in den ersten beiden Schulwochen nach den Sommerferien die Maskenpflicht. Die ersten vier Wochen sollen dafür genutzt werden, Stoff zu wiederholen oder zu vertiefen, ohne sofort in die Benotung einzusteigen. Darüber hinaus ist jedoch wenig geschehen. »Man plant immer nur Szenario A, ohne B oder C mitzudenken. Aber man muss sich doch auf verschiedene Möglichkeiten gut vorbereiten, um den Präsenzunterricht möglichst dauerhaft anbieten zu können«, sagte Anton Fischer, Vorsitzender des Landesschülerrats, gegenüber »nd«. In der letzten Corona-Welle Anfang des Jahres hatte die Schülerschaft einen Plan entwickelt, um jedem Schüler mindestens sechs Unterrichtseinheiten in Präsenz anbieten zu können. Es kam keine Reaktion.

Auch auf den Vorschlag, in den Ferien Impfangebote für Schüler ab 16 Jahren zu machen, erhielt der Landesschülerrat keine Antwort. »Dabei hätten wir uns gewünscht, dass man sich auch während der Ferien impfen lassen kann. Dazu brauchen wir in Mecklenburg-Vorpommern auch mobile Impfteams. Nun starten die Impfungen erst nach den Ferien, und wir haben sechs Wochen verloren«, sagt Fischer. Der Rat sieht in der Nichtreaktion auf den Vorschlag eine vertane Chance.

Dabei hatte auch der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gemahnt: »Für mich ist klar: Jeder Schüler ab zwölf Jahren muss in den Sommerferien ein Impfangebot bekommen.«

Immerhin ist die Digitalisierung der Schulen ein Stück vorangekommen. »Da gab es von einem niedrigen Niveau ausgehend eine große Steigerung. Unsere Umfrage hat ergeben, dass sich die Anzahl der Endgeräte teilweise verdreifacht hat. Und immerhin die Hälfte der Schulen hat einen stabilen WLAN-Zugang für alle Schüler«, erklärte Martina Schmerr, Mitarbeiterin im Organisationsbereich Schule der GEW gegenüber »nd«.

Und noch etwas ist positiv zu erwähnen: Von einer »verlorenen Corona-Generation« möchte kein Schülervertreter etwas hören. »Lernen unter Corona ist eher ein Qualitätssiegel als ein Malus. Wir haben eigentlich wie Studierende gelernt«, betont Maximilian Henningsen. Es sei jedoch wichtig, psychische Erkrankungen stärker in den Blick zu nehmen und rechtzeitig zu reagieren. Da habe der Distanzunterricht doch einigen Schaden angerichtet.

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