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Stehen nicht alle Mädchen auf Mädchen?

Früher hat sie mit Eminem-Lyrics angegeben. Jetzt rappt Gazal Köpf in Wien übers Queersein, Rassismus und das Bilden von Banden

  • Von Eva Rottensteiner
  • Lesedauer: 8 Min.

Ich habe mir gerade in der Straßenbahn deinen neuen Song »Oyna« angehört - klang nach Party.

Ja, »Oyna« heißt auch so viel wie Tanz auf Türkisch.

Tanz hört sich erst mal unpolitisch an.

Ich glaube, besonders während der Pandemie ist Tanzen und Fortgehen ein hochpolitisches Thema. Bis vor Kurzem waren die Clubs noch zu, und es wurde viel geschimpft über die jungen Menschen, die es gewagt haben, im öffentlichen Raum zusammenzutreffen und zu feiern. Und davon abgesehen ist auch Musik immer etwas Politisches. Oyna ist für alle, die ohne schlechtes Gewissen zu einem Partysong abgehen wollen.

Ohne schlechtes Gewissen?

Als ich klein war, gab es wenig queerfeministischen Hip-Hop. Der war männerdominiert. Frauen wurden abgewertet oder Rassismus reproduziert. Mangels Optionen hat man es trotzdem gehört und ist dazu abgegangen. Ich sag nur 50 Cent und wie die alle hießen. Das war die Musik meiner Jugend.

Hörst du das heute noch manchmal?

Ja, manches. Einiges muss man vielleicht auch als Kind seiner Zeit betrachten, aber es fällt mir schon schwer Musik zu hören, die Vergewaltigung, Mord oder Totschlag abfeiert. Das will ich ja eigentlich bekämpfen. Und inzwischen gibt es auch mehr Hip-Hop, den man feiern kann. Zum Beispiel Sookee, die es geschafft hat, relevante Themen auch »street« rüberzubringen. Und das mit einer Härte, die man sonst eher im männerdominierten Hip-Hop kannte. Durch sie habe ich den Zugang zu Musik gefunden, die politisch korrekt ist, aber auch Spaß macht, ohne erhobenen Zeigefinger und anderen auch mal verbal in die Fresse gibt.

»Street«?

Eben kein elitäres Gedöns, das man bei Studi-Partys in der Küche hört. Etwas, mit dem sich Kinder identifizieren können, die vielleicht nicht so viel Bildung genossen haben. Man kann eh Musik für die machen, die man schon erreicht, und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen. Mein Zugang ist es, Leute zu sensibilisieren, auf eine Weise, die jede*r versteht. Ich will nicht komplex daherschwafeln.

Mit Sookee schreibst du ja gerade ein Buch.

Genau, es soll ein Nachschlagewerk aller Menschen im queerfeministischen Hip-Hop sein. Ich werde oft in Interviews gefragt, wie es denn ist als lesbische Frau im Hip-Hop, dabei sind wir doch viele. Also sammeln wir sie auf rund 400 Seiten, auch damit Künstler*innenagenturen, keine Ausreden mehr haben.

Das Buch hat ein besonderes Format.

Ja, es ist eine Sammlung aus Interviews, Lyrics und sogar Whatsapp-Konversationen von unterschiedlichen Leuten. Sookee hatte damals die Idee, als sie mich auf Twitter entdeckt hat. Ich habe damals einen Rap von Eminem umgedichtet und in queer gemacht. Aus »Cleaning Up My Closet« habe ich »Coming Out My Closet« gemacht und Sookee getaggt. Dann meinte sie, wir könnten mal skypen - und dabei ist die Idee geboren.

Sookee hat mittlerweile aufgehört zu rappen. Mit der Begründung, die kapitalistische Musikindustrie vereinnahme sie als feministische Musikerin zu sehr. Wie siehst du das?

Das ist ein mutiger Schritt, den ich nachvollziehen kann. Bei ihr ging es irgendwann nur um noch größere Bühnen, noch mehr CDs verkaufen, noch mehr Klicks generieren. Karl Marx würde sagen, dass das zu einem Entfremdungsprozess führt. Doch mit Musik will man genau das nicht machen, sondern etwas abseits der Verwertbarkeit schaffen und musikalisch ausbrechen. Als ich angefangen habe Musik zu machen, war das eine Zeit, in der ich zu mir gefunden habe, ohne damit meinen Kühlschrank vollkriegen zu müssen. Es war mein Sprachrohr in einer Zeit, in der man keine Möglichkeit hatte, sich auszutauschen.

Also ein Corona-Projekt?

Nicht ganz, eine Woche vor dem Lockdown hatte mich Sookee für ihr Abschiedskonzert in Wien zu sich auf die Bühne geholt. Zum ersten Mal hatte mich jemand aktiv gefragt, ob ich Bock auf die Bühne hätte. Ich habe noch nie zuvor vor Publikum gerappt, aber habe natürlich zugesagt. Kid Pex war dann im Publikum, und danach haben wir gemeinsam den Song »Wien Oida« gemacht. Eigentlich war Sookee der Push, und Corona hat mir die Zeit dafür gegeben.

Aber privat gerappt hast du schon früher?

Ich rappe, seit ich zehn bin. Da habe ich Eminems Booklets studiert und dadurch Englisch gelernt. Ich konnte alle Texte mitrappen und mit den schnellen Passagen ziemlich posen.

Haha, posen.

Ja, als Kind bin ich immer an Sträuchern entlanggelaufen, als wären es Hände von Fans, die man abklatscht. Ich war schon immer hart am Flexen (Angeben, d. Red.) mit meinen Skills, aber eher im Privaten. Weil mir auch nie jemand sein Tonstudio angeboten hat oder mich eingeladen hat, was zusammen zu machen. Das zeigt auch, dass Menschen oft nur die Möglichkeit brauchen, um sich zu trauen. Die sollten wir uns gegenseitig mehr geben, anstatt uns die Ellbogen in die Rippen zu stoßen.

Denkst du an jemand Bestimmten?

Nicht unbedingt. Aber ich kannte auch in Linz viele Typen, die gerappt haben und die wussten, dass ich auch rappen kann. Ob wir mal gemeinsam rappen wollen, hat mich aber niemand gefragt.

Warum nicht?

Vielleicht hätten sie sich angegriffen gefühlt, dass plötzlich eine Frau mitmischt oder Angst, dass eine Frau es besser könnte. Das ist ja nicht nur im Hip-Hop so. Aus allen Männerdomänen werden Frauen aktiv rausgedrängt. In der Politik, der Wirtschaft und bei der Skaterampe. Die Typen nehmen sich den Raum und verteidigen jedes Stück.

Gibt es Gegenwind, wenn queerfeministische Stimmen den Platz einnehmen?

Naja, allgemein gibt es im Hip-Hop noch viel Sexismus und Chauvinismus. Da fühlt man sich als junge Frau nicht sehr willkommen, wenn man ständig nur gedisst wird. Und das Ganze zu reclaimen braucht Mut und Zeit. Deswegen ist es wichtig, dass queerfeministische Rapper*innen sich gegenseitig pushen und Raum geben. Man kann nicht darauf warten, dass Männer einem den Platz geben. Den muss man sich als Frau erkämpfen. Jedes Recht der Frau musste hart erkämpft werden, genauso ist das mit dem Recht zum Rappen.

Und dafür muss man Banden bilden, wie du in deinem Song »Irgendwann« rappst. Wer ist deine Bande?

Alle Frauen sind meine Bande, insofern sie sich miteinander solidarisieren. Ich bin aber auch Gazal die Ehefrau, die Freundin, die Wienerin oder Gazal, die Oberösterreicherin. Da gibt es verschiedene Banden. Und darin gibt’s auch ein paar coole Typen. Diese Bande kann nämlich geöffnet werden für alle, die Seite an Seite mit uns kämpfen wollen. Das ist gelebte Solidarität, die grenzt ja nicht aus.

Du hast gerade deine Oberösterreicher Bande angesprochen.

Jetzt ist es raus, meine Wurzeln. Ich kann sie nicht verleugnen, dort habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht.

Man hört es auch am Dialekt.

(lacht)

Ja, das mag ich auch, aber ich bin kaum noch dort. Viele meiner Freund*innen von dort sind nach Wien gezogen, weil Wien einfach cooler ist. Wien ist schnell identitätsstiftend und du bist schnell selbst Wienerin. Hier ist es nichts Außergewöhnliches, dass deine Eltern in einem anderen Land geboren sind, du eine andere Religion hast, oder queer bist.

Hast du dich dann erst in Wien geoutet?

Bei mir gab es eigentlich nie ein Outing. Im Kindergarten dachte ich, dass alle Mädchen auf Mädchen stehen. Für mich hat sich das normal angefühlt, bis die Gesellschaft daherkam. Ich dachte lange, dass mein Queersein die Norm ist. Als ich mit 17 meine erste Freundin hatte, störte das auch in meinem Freundeskreis niemanden. Nur auf der Straße wurden wir oft blöd angefeindet.

Hast du deswegen Oberösterreich verlassen?

Nein, ich wollte mich in einer Studienorganisation in Wien engagieren und meine damalige Freundin wollte auch nach Wien. Mittlerweile bin ich aber mit einer anderen Frau glücklich verheiratet.

Mit der hast du auch dein Instagram-Profil gestartet, damals als Pärchenprofil.

Genau, das erste Bild war unser Hochzeitsfoto. Wir dachten uns: Wir haben so lange für die Ehe für alle gekämpft, und jetzt müssen wir den Scheiß auch durchziehen. (lacht) Als Kind hätte ich mir mehr Repräsentation abseits der heteronormativen Rollenbilder gewünscht. Meine Ehe schafft diese auch im Alltag, seit ich meine Freundin als meine Frau vorstelle. Privates und Politisches vermischt sich bei mir, das bin einfach ich.

Hast du deswegen auch Türkisch in deinen neuen Song eingebaut?

Ja, ich bin dreisprachig aufgewachsen. Meine Mama kommt aus dem Iran, mein Papa aus der Türkei. Ich bin in Österreich aufgewachsen. Ich habe bewusst Türkisch verwendet, weil die Sprache auch politisch zerfetzt wird. Wenn ich als Kind öffentlich türkisch gesprochen habe, folgten oft schiefe Blicke oder rassistische Sprüche. Als Kind wird einem vermittelt, dass es was Schlechtes ist, im Gegensatz zu Französisch oder Englisch. Das vermittelt, dass es Sprachen gibt, die mehr wert sind als andere. Dagegen wollte ich antreten und meine türkischen Wurzeln abfeiern.

Du engagierst dich auch parteipolitisch, bei der Sozialdemokratischen Partei.

Ja, ich bin SoHo-Frauensprecherin (Arbeitsgemeinschaft für Sozialdemokratie und Homosexualität, d. Red.) und war bei der Wien-Wahl 2019 auf der Kandidat*innenliste, aber eher um die Community zu repräsentieren.

Lässt sich das vereinen, Subkultur Hip-Hop und staatliche Institutionen?

Klar, wir brauchen beides. Darüber reden ist das eine. Würde niemand die Gesetze ändern, gäbe es keine Ehe für alle. Hip-Hop ist die Party, und Politik ist der Demokratieprozess, den wir machen müssen.

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