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Kältehilfe im Sommerbad

Ganzjährige Wechselnutzung von Freibädern stößt auf wenig Gegenliebe

  • Von Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.

Alle lieben die Berliner Sommerbäder. Das sagt auch Marina Sylla. »Es gibt wenige Orte in der Stadt mit so einer sozialen und kulturellen Diversität wie hier«, findet die Architektin, die Teil des Projekts Pool Potentials ist. Zwei Wochen lang stand sie gerade mit ihren Kollegen Benjamin Meurer und Manuel Heck mit einem mobilen Infostand vor dem Sommerbad Neukölln, um mit den Besucher*innen über eine mögliche ganzjährige Nutzung der Bäderanlagen zu sprechen. Denn die zehn Sommerbäder Berlins sind durchschnittlich nur dreieinhalb Monate im Jahr geöffnet. »Was können wir im restlichen Jahr an diesen Orten anbieten, das zur Sommernutzung der Freibäder nicht in Konkurrenz steht?«, fragt Manuel Heck.

Freibäder als Eislaufstadion

Ideen dazu gebe es viele. »Die Schwimmer*innen wünschen sich eine ganzjährige Nutzung der Becken. Andere schlagen vor, die Grünflächen als Parks zugänglich zu machen. Die Kinder denken sofort an Eislaufen auf den Becken im Winter«, erzählt Heck. Die Anlagen für Kulturprogramme oder Weihnachtsmärkte, Konzerte und Ausstellungen zu nutzen, käme ebenfalls vielen in den Sinn, ergänzt Marina Sylla. Und auch für eine soziale Nutzung zeigten die Bäderbesucher*innen große Offenheit.

Pool Potentials schwebt vor, die Anlagen im Winter in Standorte der Berliner Kältehilfe umzuwandeln. »Es gibt hier bereits die entsprechende Infrastruktur mit Duschen, Umkleidekabinen und Schließfächern vor Ort, deshalb würden sich die Anlagen für Notunterkünfte im Winter anbieten«, sagt Manuel Heck. Dazu haben sich die Projektinitiator*innen bereits mit dem Geschäftsführer der Gebewo Soziale Dienste, Robert Veltmann, getroffen. Die Gebewo betreibt als sozialer Träger die Kältehilfe-Einrichtungen der Stadt. Veltmann unterstützt das Vorhaben der Initiative. Das Netzwerk Berliner Kältehilfe sei jedes Jahr auf der Suche nach geeigneten Immobilien, um den Bedarf an über 1000 Aufenthalts- oder Schlafplätzen decken zu können, sagt er zu »nd«.

Sommerbad böte sich als Unterkunft an

Das Sommerbad Neukölln bietet aus seiner Sicht Platz für eine sichere Übernachtung und Versorgung von 60 bis 120 Menschen. »Aufgrund der großen Not, geeignete Gebäude nutzen zu können, sollte diese Möglichkeit auf jeden Fall geprüft werden«, so Veltmann.

Die Berliner Bäder-Betriebe hingegen stehen dem Vorhaben einer ganzjährigen Wechselnutzung der Sommerbäder äußerst skeptisch gegenüber. »Natürlich wäre es sinnvoll, die Anlagen zu nutzen, weil sie aktuell sechs bis acht Monate im Jahr leerstehen. Sie sind aber nicht winterfest, deshalb schließt sich das alles aus«, sagt Pressesprecher Matthias Oloew. Die meisten Gebäude seien reine Sommerbauten, dort seien auch keine Wasserleitungen isoliert. Die Duschen und Toiletten könnten nicht betrieben werden, weil das Wasser aus den Rohren genommen werden muss. »Wenn wir die Anlagen im Winter betreiben wollen, dann brechen uns die Rohre. Dann müssten wir alles wieder schließen und im nächsten Jahr komplett sanieren«, so Oloew.

Auch eine Nutzung der Wasserbecken käme nicht in Frage. Um die Fliesen vor Frost zu schützen, müssen sie auch im Winter mit Wasser gefüllt werden. Zufrieren dürfen sie aber aus demselben Grund auch nicht, deshalb können sie nicht zum Eislaufen freigegeben werden. Selbst die Nutzung der Parkanlagen sei mit einem zu großen Aufwand verbunden, weil man dann die Schwimmbecken absichern müsste, damit dort niemand reinfällt und ertrinkt.

Diese Einschätzung teilt auch die Senatsverwaltung für Inneres und Sport, die für die Schwimmbäder zuständig sind. »Die Ideen von Pool Potentials sind nur schwer mit dem Versorgungsauftrag der Bäder-Betriebe vereinbar«, sagt Sprecher Martin Pallgen. Es sei nicht sichergestellt, dass der eigentliche Zweck der Sommerbäder, als Bäder in der warmen Jahreszeit zur Verfügung zu stehen, mit den Ideen in Einklang zu bringen sei, so Pallgen.

Mangel an Flexibilität beklagt

Marina Sylla und Manuel Heck von Pool Potentials zufolge fehlt es der Verwaltung an Visionen und Flexibilität. »Es ist eine ökonomische Frage, es ist eine organisatorische Frage, aber vor allem ist es eine Frage des politischen Willens, umzudenken«, sagt Sylla. Ihr Projekt, das im Rahmen des Fonds »Urbane Praxis« noch bis Ende des Jahres von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert wird, soll vor allem zum öffentlichen Gespräch über die Nutzung der Anlagen einladen. So werden dann auch weiterhin die Ideen der Stadtgesellschaft aufgenommen und Gespräche mit Akteur*innen in der Stadt über die Umsetzbarkeit geführt. Im Herbst soll dann ein Film zur Projektidee entstehen. »Wir wollen unbedingt an dem Thema dranbleiben. Die Frage ist am Ende nur, mit welcher Unterstützung«, so Marina Sylla.

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