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Solidarität mit der GDL! Was sonst?

Die Lokführergewerkschaft GDL befindet sich seit Mittwochfrüh im Arbeitskampf. Elmar Wigand erklärt, warum sie seine Unterstützung verdient.

  • Von Elmar Wigand
  • Lesedauer: 3 Min.

Es gibt gute Gründe, die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zu unterstützen. Ich würde sogar im aktuellen Fall sagen: zwingende Gründe. Aber für Anhänger, das weiß jeder Fan eines Clubs oder einer Band, geht es auch um emotionale Aspekte, die Verknüpfung mit der eigenen Biografie: Wenn du die Wahl hast zwischen dem Sheriff von Nottingham und Robin Hood, dann fällt dir als altem Hausbesetzer und Punker die Entscheidung nicht schwer. Wenn du im sozialdemokratischen Milieu einer Bergarbeiterstadt groß wurdest, dann ist ziemlich klar, wo du dich verortest, wenn auf der einen Seite ein vor Empörung überschäumender Spießermob frei dreht, der von konzertierter Medienmacht aufgepeitscht wird. Und wenn auf der anderen Seite eine wacker kämpfende Minderheit aus der real hart arbeitenden Bevölkerung dagegen hält und ihre Grundrechte ausübt.

Ich fand bereits Manfred Schell, den Vorgänger von Claus Weselsky, instinktiv gut. Der GDL-Boss trat um 2007 erstmals in der Tagesschau auf und wischte alle berechenbar blöden Fragen eines dieser ARD-Journalisten beiseite - mit Coolness, natürlicher Arroganz und der ledergegerbten Cowboy-Miene im Stile eines John Wayne. Marke cooler alter Sack. Schell und der GDL-Streik 2007 markierten für mich, was 1999 in den USA die Botschaft des »Battle of Seattle« war, als Gewerkschafter und Aktivisten gemeinsam eine WTO-Tagung sprengten: Das »Ende der Geschichte« war möglicherweise zu Ende. Der scheinbar alternativlose und einzig überlebende Neoliberalismus kann den Widerstand der Unterdrückten doch nicht endgültig besiegen. Klassenkampf - nicht nur von oben, auch von unten.

Die Flamme flackert noch. So wie Schell sollten Gewerkschaftsbosse sein. Nicht lasch, bürokratisch und konziliant wie die in zahllosen Aufsichtsräten assimilierte DGB-Garde, die uns gegen Hartz-Gesetze und Agenda 2010 nicht wirklich verteidigt, sondern doch wohl eher verraten und verkauft hat.

Die GDL ist ein Vorbild für konsequente Interessenvertretung. Der Unterschied zwischen der Art, wie die GDL kämpft, zu der Art, wie viele der DGB-Gewerkschafter auftreten, ist wie Schwergewichtsboxen im Vergleich zu American Wrestling: Es geht richtig zur Sache, das Ergebnis steht nicht vorher fest, sondern ist tatsächlich erkämpft. Das geht nur mit einer aktiven, kampfbereiten und mutigen Gewerkschaftsbasis, die auch einstecken kann. Diese Gewerkschaft ist mit etwas Glück und Geschick auch erfolgreich. Davon braucht dieses Land mehr.

Die GDL ist Vorreiterin beim Kampf für das Streikrecht. Das Tarifeinheitsgesetz wurde 2015 von der GroKo unter SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles auf Bestellung der Verkehrsgewerkschaft EVG, IG Bergbau, Chemie, Energie und der IG Metall und der mit ihnen (indirekt) verbundenen Industriekonsortien durchgepaukt. Ver.di, Teile der IG Metall, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union und berufsständische Gewerkschaften waren dagegen. Das Gesetz sollte die Entstehung einer im internationalen Vergleich ernst zu nehmenden Streikkultur in Deutschland verhindern. Die GDL hat an vorderster Front dagegen gekämpft und tut dies auch heute.

Dabei betreibt sie geschicktes Organizing. Sie ist längst keine »Spartengewerkschaft« mehr. Sie hat sich von ihrer Basis unter den Lokführern bereits ab 2007 auf Zugbegleiter ausgedehnt und organisiert heute alle Bereiche, die mit Schiene, Waggons, Maschinen, Instandhaltung, Fahrbetrieb zu tun haben. Das tut sie sehr erfolgreich. Anstatt auf Organizing-Rezepte aus den tristen USA zu schauen, sollten sich deutsche Gewerkschafter vielleicht hier ihre Vorbilder suchen. Und im Gegensatz zu Lufthansa-Piloten waren Lokführer mit 1500 Euro netto Einstiegsgehalt bereits 2007 nicht privilegiert.

Die GDL ist von massivem Union Busting durch Meinungsmache, mediales Trommelfeuer und psychologische Kriegführung betroffen. Dazu gehört die Personalisierung des Konflikts und die Dämonisierung ihres Vorsitzenden. Dagegen müssen wir als Journalisten und Publizisten vorgehen. Denn diese PR-Methoden untergraben die Pressefreiheit und das Berufsethos.

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