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Rückkehr in eine Geisterstadt

Daraya war ein Symbol der Rebellion gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Nun kommen einst Geflüchtete in den Ort zurück

  • Von Karin Leukefeld, Daraya
  • Lesedauer: 9 Min.
Inlandsvertriebene leben am Rand von Daraya.
Inlandsvertriebene leben am Rand von Daraya.

Juli 2021. Es ist heiß, die Luft von Staub erfüllt. Am Kontrollpunkt vor Daraya, der einstigen »Hochburg der Revolution« im Süden von Damaskus, herrscht reger Verkehr. Die einfahrenden Autos werden von den Soldaten zügig abgefertigt. Auf der Gegenspur reihen sich Lastwagen aneinander, die mit Müll und Schrott aus dem Ort herausfahren.

Unser Wagen wird zur Seite gewinkt. Die Überprüfung der Papiere und Genehmigungen dauert. Um als ausländische Journalistin Daraya besuchen zu können, müssen sowohl das Informationsministerium als auch die Pressestelle der Armee ihre Einwilligung geben. Gegenüber dem Kontrollpunkt liegt eine Gärtnerei, die mit allerlei Grün – Farbe und Pflanzen – auf sich aufmerksam macht. Fast alle Fahrzeuge werden ohne weitere Kontrollen von den Soldaten durchgelassen. Kleine und größere Lastwagen transportieren Holz, Eisenstangen und Maschinen. Private Pkw sind mit Paketen und Einrichtungsgegenständen beladen. Service-Busse, die den öffentlichen Nahverkehr zwischen den Vorstädten und Damaskus bewältigen, sind dicht mit Männern, Frauen und Kindern besetzt.

Sprechen die Damaszener darüber, dass der Vorort Daraya wieder von den ehemaligen Bewohnern bezogen wird, frage ich Joseph und Mazen, die als Fahrer und Übersetzer dabei sind. »Niemand interessiert sich dafür, ob die Leute nach Daraya zurückkehren oder nicht«, sagt Joseph. »Wir haben so viele Probleme, dass wir nur noch darüber nachdenken, wie wir selber den Tag überstehen.« Die ausländische Presse interessiere sich für Daraya, weil es vor zehn Jahren die »Hauptstadt der Revolution« gewesen sei, sagt Mazen. »Sie hat unser Land in Schutt und Asche gelegt, diese Revolution«, fährt Joseph fort und fügt bitter hinzu: »Danke Daraya.«

Die Nerven der Syrer liegen blank. Nach zehn Jahren Krieg hofften sie auf eine wirtschaftliche Erholung des Landes. Doch eine Besserung stellt sich nicht ein. Wer kann, arbeitet täglich an zwei oder drei Arbeitsstellen, um seine Familie zu ernähren und sicherzustellen, dass die Kinder alles haben, was sie in der Schule brauchen. Wirtschaftssanktionen und die Isolierung Syriens – politisch und auf dem Weltmarkt – machen Produkte knapp und treiben die Preise in die Höhe. Es fehlt an Öl und Gas. Die Schließung der Grenzen zu den Nachbarländern Irak, Jordanien und vor allem zum Libanon treiben Schmuggel und Korruption an. Politiker scheinen »auf einem anderen Planeten zu leben«, ist immer wieder zu hören.

Der Soldat am Kontrollpunkt hat inzwischen alle Papiere kontrolliert und beschreibt den Weg zum Rathaus, wo wir den Bürgermeister treffen wollen. Dann winkt er den Wagen durch. Die Straße ist holprig, doch trotz der staubigen Luft wirkt der Ort aufgeräumt. Die massiven Schäden von Kämpfen und Bombenangriffen werden dadurch noch sichtbarer. Dichtes Grün rankt sich über, durch und um Ruinen. Vereinzelt haben Geschäfte geöffnet und bieten Dinge des täglichen Bedarfs an: Lebensmittel, Obst und Gemüse, Hygieneartikel, Werkzeug. Eine Apotheke ist zu sehen und eine Bäckerei. Die Leute sind zu Fuß oder mit Rädern unterwegs. Benzin für Mopeds oder Autos ist knapp. Der durchdringende Lärm von Generatoren weist darauf hin, dass es keinen Strom gibt. Woher das Heizöl stammt, das die Generatoren antreibt, ist nicht zu erfahren.

Es gibt weder Strom noch Wasser

Das Rathaus hat gerade erst wieder eröffnet. Hier sitzt die Lokalverwaltung, der es aber noch an vielem fehlt. Auf der Suche nach Bürgermeister Marwan Obeid schütteln die meisten nur den Kopf und weisen zur nächsten Tür. Das Gericht werde heute wieder eröffnet, sagt schließlich eine Dame, die sich als seine Sekretärin vorstellt. Sie werde ihn anrufen, wisse aber nicht, wie lange es dauern werde, bis er kommt. Sie öffnet die Tür zum Arbeits- und Empfangszimmer des Bürgermeisters und bittet, Platz zu nehmen. Kurz darauf serviert sie Tee, der in einer Kanne auf einem kleinen Gaskocher heiß gehalten wird. Schließlich stürzt ein etwa 40-Jähriger durch die Tür, läuft zum Schreibtisch, nimmt ein Telefonat entgegen und lässt sich dann auf einen Stuhl fallen. »Herzlich willkommen«, sagt er atemlos und stellt sich vor: Marwan Obeid, Bürgermeister von Daraya. Mit offenem Hemdkragen und aufgekrempelten Ärmeln wirkt Obeid wie jemand, der sich gerade mitten im Umzug befindet.

»80 000 Menschen leben wieder in Daraya«, beginnt er, noch bevor eine Frage gestellt ist. Vor dem Krieg seien es 300 000 gewesen. Alle Einrichtungen für die Bevölkerung seien geöffnet, fährt er fort: Schulen, Geschäfte, ein Gesundheitszentrum stehe zwölf Stunden täglich für die Versorgung der Einwohner zur Verfügung. Heute werde das Gericht von Daraya wieder eröffnet, daher habe er nur wenig Zeit: »Das Gericht ist sehr wichtig, weil es den Menschen, die sich um- oder anmelden, die Klagen einreichen oder sich beschweren wollen, den umständlichen und teuren Weg nach Damaskus erspart.«

Am meisten treiben den Bürgermeister die Versorgungsprobleme um. Es gebe weder Strom noch Wasser, das müsse dringend gelöst werden. »Hier im Rathaus haben wir einen Generator, aber das Gericht muss zunächst mit Solarpanelen auskommen. Damit haben sie wenigstens Strom, um ein Faxgerät zu bedienen und für das Licht.«

Freilassung von 600 Gefangenen

Marwan Obeid ist Anwalt und weiß, dass die syrische Bürokratie und die Wirren des Krieges den Menschen das Leben sehr schwer machen. Häufig werde er von Rückkehrern kontaktiert, um herauszufinden, ob es für sie Probleme gebe, wenn sie wieder nach Syrien einreisen würden. »Ich stelle Listen mit den Namen zusammen und leite sie an die entsprechenden Behörden weiter, um zu erfahren, ob etwas gegen sie vorliegt. Die meisten haben keine aktuellen Papiere mehr, andere wissen nicht, ob Verfahren gegen sie eröffnet wurden. Bisher wurden alle Anträge auf Rückkehr bewilligt.« Oft würde von Angehörigen oder auch aus dem Ausland die Freilassung von Oppositionellen gefordert. Die Regierung habe kürzlich die Freilassung von 600 Personen bewilligt, darunter auch Personen, die er vertreten habe.

Viele der ursprünglichen Leute von Daraya seien in ihre Wohnungen zurückgekehrt, doch hätten sich auch Inlandsvertriebene in den Außenbezirken einquartiert. »Die reichen Leute von Daraya denken nicht daran, zurückzukehren. Dort wo sie jetzt leben, haben sie Strom und Wasser, alles, was sie sich kaufen können. Ich hoffe, sie kommen eines Tages doch wieder zurück, wenn auch hier in Daraya die Strom- und Wasserversorgung wieder funktioniert.« 2018 sei er in den Stadtrat gewählt worden, erzählt Obeid. Er stamme aus Daraya und habe vor dem Krieg neben seiner Anwaltskanzlei auch eine Textilfabrik und zwei Farmen gehabt: »Wir haben in goldenen Zeiten gelebt.«

Angesprochen darauf, dass die syrische Regierung angeblich den Besitz und die Häuser von Regierungsgegnern konfisziere, die im Ausland lebten, schüttelt Obeid mit dem Kopf: »Das ist unwahr und ich stehe als Mensch und Anwalt für das ein, was ich Ihnen hier sage. Jedes Eigentum wird geachtet und nicht angetastet. Sie sollen den Namen einer Person nennen, die enteignet wurde, und ich werde der Sache nachgehen.«

Ärgerlich reagiert Obeid auch auf die Frage, ob es stimme, dass Iraner Grund und Boden kauften, wie die syrische Opposition im Ausland behaupte. Auch das sei unwahr, sagt er und zeigt mir ein Video auf seinem Handy von einer Diskussion, die zuvor im katarischen Nachrichtensender Al Jazeera ausgestrahlt worden sei. Dort sei er von einem Anhänger der Regierungsgegner als »Agent der Iraner« bezeichnet worden. »Die Leute sehen das, glauben das, teilen den Clip und so geht ein Gerücht um die Welt.«

Schließlich kommt Obeid noch auf den Krieg zu sprechen und darauf, wie in Daraya alles anfing. Ein Junge aus der Nachbarschaft, Radwan Ziadeh, sei zu einer der meist gehörten Stimmen der syrischen Opposition im Ausland geworden. Ziadeh habe in Damaskus studiert und sei dann mit einem Stipendium ins Ausland gegangen, erinnert sich der Bürgermeister: »Ich verstehe einfach nicht, warum er unserem Staat gegenüber so feindselig geworden ist.«

Viele Christen haben Daraya verlassen

Daraya ist kein Vorort, sondern eher eine Satellitenstadt von Damaskus. Jenseits des Zentrums um Rathaus und Gericht wirken heute viele Straßen verlassen. Die meisten Menschentrauben sieht man um die roten Wassertanks, die von Hilfsorganisationen aufgestellt und mit Wasser gefüllt werden. Unweit der Sankt Paulus Kirche versorgen sich einige junge Frauen mit Wasser. Sie tragen lange, bunte Kleider und haben ihre Gesichter bis zu den Augen mit Tüchern verhüllt. Die abgestellten Jutesäcke deuten darauf hin, dass sie als Erntehelferinnen oder Papiersammlerinnen arbeiten. Trotz der verhüllten Gesichter sieht man sie kichern und feixen, als sie sehen, dass sie fotografiert werden. Der Versuch, mit ihnen zu sprechen, wird von einem jungen Mann unterbunden.

Hier, im Osten der Stadt, lebten vor dem Krieg viele Christen rund um zwei Kirchen, die verlassen liegen. Starke Zerstörung zeigt die katholische Sankt Paulus Kirche, die von bewaffneten Oppositionellen als Hauptquartier besetzt und damit zum Angriffsziel für Regierungstruppen wurde. Die orthodoxe Kirche Santa Thekla weist nach außen keine Zerstörungen auf. Auch der unmittelbar daneben liegende Rohbau der Ferdos Moschee, der schon vor dem Krieg mit Geldern der Muslime von Daraya errichtet worden war, wirkt intakt.

Vor dem Krieg waren die Christen von Daraya fester Bestandteil der Gesellschaft, hatte Bürgermeister Obeid gesagt. Der einzige verbliebene Juwelier am Ort sei Christ und der Stadtrat habe drei christliche Mitglieder. Werden die Christen zurückkehren, frage ich einen jungen Zimmermann, der gegenüber der Santa Thekla Kirche in seiner Werkstatt arbeitet. »Bestimmt«, zeigt der sich überzeugt. Ein Großteil seiner Aufträge für Möbel, Türen und Fenster komme aus der Kirchengemeinde.

Der 27-jährige Ahmed stammt aus Daraya und hat das Zimmereihandwerk von seinem Vater erlernt, der es von seinem Vater gelernt hatte. Heute habe er Kunden aus Daraya und aus Damaskus und verarbeite vor allem schwedisches Tannenholz. Als der Krieg begonnen habe, sei er in den Libanon gegangen und habe dort fünf Jahre in einer Zimmerei gearbeitet. »Aber das Leben im Libanon ist schlecht, darum bin ich zurückgekommen.« Auch in Daraya sei das Leben natürlich nicht mehr wie vor dem Krieg, räumt er ein. Es fehle an Wasser und Strom und alles sei sehr teuer. Nüchtern beschreibt der Zimmermann seine Lebenssituation. Sein Haus habe er renoviert. Wasser müssten sie aus einem der aufgestellten Tanks holen. Im Haus gäbe es nur ein oder zwei Stunden Strom am Tag. In seiner Werkstatt könne er bei Tageslicht und mit einem Generator arbeiten. Er habe viele Aufträge, Gott sei Dank, murmelt Ahmed. Was seine weiteren Pläne seien? »Vor dem Krieg habe ich in einem Wirtschaftsinstitut studiert und musste es kurz vor dem Abschluss wegen des Krieges verlassen. Ich habe mir vorgenommen, den Abschluss nachzuholen, so Gott will. Inshallah.«

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