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Viel Ruhm, wenig Ehre

POP-RICHTFEST: Anstatt nach einer Trennung Verantwortung zu übernehmen, bedienen sich prominente Männer wie Luke Mockridge oder Jerome Boateng oft an toxischen Narrativen

  • Von Nadia Shehadeh
  • Lesedauer: 4 Min.
Fußballer Jerome Boateng
Fußballer Jerome Boateng

Innerhalb weniger Tage beschäftigten gleich zwei berühmte Männer Deutschlands die Öffentlichkeit mit ihren toxischen Beziehungshistorien. Vor einigen Tagen veröffentlichte der Spiegel eine rechercheaufwändige Reportage zu dem Tod des Models Kasia Lenhardts. Dabei kam besonders der Ex-Freund von Lenhardt, Fußballspielers Jérôme Boateng, nicht gut weg. Detailliert wurde berichtet, was Lenhardt sich anscheinend in der Beziehung zuzog: unter anderem ein eingerissenes Ohrläppchen. Den Recherchen zufolge unterzeichnete sie eine Verschwiegenheitserklärung, mit der sie sich verpflichtete, über sämtliche Beziehungsdetails zu schweigen. Nachdem Boateng die Beziehung öffentlich beendete, behauptete er in einem Bild-Interview, Lenhardt habe ihn erpresst und in die Beziehung gedrängt. Ein paar Tage später ist Lenhardt tot.

Ein weiterer Fall von toxischen Ex-Partnern ist Luke Mockridge. Nach langem Schweigen äußerte sich der Comedian kürzlichst erstmals zu den Vorwürfen sexualisierter Gewalt, die seit Monaten gegen ihn im Raum stehen. Seine Ex-Freundin gab seinerzeit an, dass es innerhalb der Beziehung zu einer versuchten Vergewaltigung gekommen sei. Er beruft sich darauf, dass die Anschuldigungen von der Staatsanwaltschaft geprüft und das Verfahren eingestellt wurde. Feminist*innen brachten daraufhin mit der Hashtag-Aktion #KonsequenzenfürLuke eine Debatte in den sozialen Netzwerken ins Rollen. Dort war zu lesen, dass Mockridge angeblich mit Anwälten gegen Berichte zu dem Thema vorgegangen worden sei. Offenbar hat er sich jedoch am Ende geschlagen gegeben und selbst das Wort ergriffen. Das Resümée des achtminütigen Clips auf Instagram: Mockridge weist Vorwürfe zurück, stellt sich selbst als Opfer einer Kampagne eines anonymen Internetmobs dar, bedankt sich für die Solidarität von »echten Menschen« – und äußert die Vermutung, seine Ex-Freundin sei - wie er auch - nur sehr schlecht mit der Trennung zurechtgekommen. Auch er wisse im Nachhinein, dass die Beziehung toxisch gewesen sei, »echte Liebe« sei wohl auch nicht im Spiel gewesen.

Was genau in diesen Beziehungen passierte, ist das eine. Das andere ist der Versuch des Aufrechterhaltens einer »crazy Ex-Girlfriend«-Legende, wobei natürlich die Wahl der Mittel (aggressives Bild-Interview versus vermeintlich sanftmütige Pose beim Instagram-Bekenntnisvideo) erstmal unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Narrativ, man sei eigentlich nur aus Versehen mit seiner Ex zusammen gewesen, die sich im Nachhinein als irgendwie ausgeflippt, unzurechnungsfähig und rachsüchtig entpuppt habe und die Trennung nicht so recht verkrafte, ist dabei eine sehr bekannte Erzählung vieler heterosexueller Männer. In eine Beziehung durch Druck, Gequatsche oder gar Erpressung (Boateng) gedrängt worden zu sein, oder in einer romantischen Beziehung zu verharren, obwohl es da trotz schöner Momente eigentlich »keine echte Liebe« gegeben haben soll (Mockridge), sind dann die Ausreden von Männern, wenn es – gerade im Nachgang einer Beziehung – um ihre Verantwortlichkeit geht.

Auch prominente Männer, bei denen eigentlich klar ist, dass sie genug eigenen Einfluss hätten, selbstbestimmt ihre Beziehungen zu führen, bedienen sich gern am Narrativ, aus Versehen in romantische Verstrickungen reingeraten zu sein. Im Falle Boatengs konnte der Hohn dabei mit dem bizarren Bild-Interview nicht größer sein – wer, wenn nicht der reiche Fußballspieler selbst, hätte denn alle möglichen Mittel, Gelder und Kontakte gehabt, um sich aus angeblichen erpresserischen Verstrickungen zu lösen? Diese Männer selbst nehmen sich das Recht, im Nachgang die Beziehung als regelrechte Farce zu deuten - und wundern sich aber, wenn sich die Ex-Partnerinnen an Begebenheiten erinnern, die eben nicht nur schön und verliebtheitsgeschwängert waren.

Was genau in diesen anscheinend durchaus toxischen Beziehungen passiert ist, ist das eine. Die Unreife, mit der diese prominenten Männer auf ihre Ex-Partner*innen reagieren und über sie sprechen, ist das andere. Mockridge erweckt den Eindruck, dass er seine Follower*innenschaft bewusst aufs Glatteis führen will, wenn er von anonymen Twitter-Accounts erzählt, die »glauben richten zu können«. Obwohl er genau wissen müsste, dass es Feminist*innen und auch prominente Unterstützer*innen mit Klarnamen waren, die die »Konsequenzen für Luke« forderten.

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