Werbung

Plötzlich angeblich total super

Der Künstler Rummelsnuff inszeniert sich als Kraftprotz und macht Musik zwischen Arbeiterlied und Berghain. Im Interview spricht er über sein neues Album »Äquatortaufe«, die Wende und Schwulenpartys

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 5 Min.

Wie haben Sie die letzten anderthalb Jahre Coronakrise überstanden?

Ich hatte zum Glück immer zu tun ... Beispielsweise wollte die S-Bahn Berlin einen Rummelsnuff haben und dann gab es da einen Werbedreh im Betriebsbahnhof Schöneweide. Außerdem noch einen kleineren Werbespot für einen Sporthandel. Das war beides nicht schlecht bezahlt für die kurze Zeit, und aktuell ist das ja nicht so unwichtig. Im September 2020 haben wir noch ein paar Konzerte hingekriegt, für die wenigen Willigen, die noch was veranstaltet haben.

Den Felsenkeller Leipzig haben wir komplett mit Tischen und Stühlen zu einem riesigen Wirtshaus umgestaltet. Das war eigentlich ganz geil, gleichzeitig war das auch nötig, wegen der Teilnehmerbeschränkungen. Ansonsten habe ich die Zeit jetzt genutzt, um das Album fertigzustellen, und jetzt stehen erst mal wieder ein paar Termine an, die hoffentlich auch so stattfinden können. In Leipzig war’s schon so wild und heiter, da wurde sogar von meiner Badewanne Besitz ergriffen.

Auf Ihrem neuen Album »Äquatortaufe«, gibt es das Lied »Berlinverbot«. Wie sind Sie als Jugendlicher in der DDR zurechtgekommen?

Als die Mauer fiel, war ich 23. Und gegen Ende der DDR gab es ja, wie man dieser Tage sagen würde, »Lockerungen«. Das hat man in den Medien gemerkt, was an Musik gespielt werden durfte, war auf einmal deutlich vielfältiger. Lutz Schramm auf DT64 war unser Ost-John-Peel, unser Held, der uns ganz neue Welten eröffnet hat. Der spielte viel internationales Punkrock- und Independent-Zeugs, aber andererseits auch viel aus dem eigenen Land. Wichtig war auch, dass er die Konzerte angesagt hat, die nicht immer unbedingt legal waren und die sonst gar nicht gelistet waren. Was ihm zugetragen wurde, hatte er vorgelesen und dann wusste man, wo man hinfahren musste. Man ist ja in der DDR nie weit gefahren für ein Konzert, obwohl einem eine Reise von Sachsen nach Berlin durchaus beträchtlich vorkam. Für Bands wie Die Firma sind wir aber überall hingefahren.

Sie sind kleinstädtisch in Großenhain, in Sachsen, aufgewachsen. Fielen Sie da auf?

Meine Stasiakte verriet mir zumindest, dass ich unter »OPK« stand - das heißt »Operative Personenkontrolle«, also Überwachung mit Postöffnung und so weiter. Ich galt als »Aufwiegler« und »Anführer«. 1987 hatte ich meine erste Band, noch in Großenhain, die hieß »Kein Mitleid«, klar fällt man da in der Provinz auf. Übrigens möchte ein junger Filmemacher unbedingt das Musikvideo zu »Berlinverbot« drehen und hat dazu Egon Krenz für einen Auftritt angefragt. Herr Krenz und ich sind schließlich auch Verlagsgenossen bei Eulenspiegel.

Wann entstand bei Ihnen die Idee, Berufsmusiker zu werden?

Bei den Freunden der Italienischen Oper, meiner ersten seriösen Band, hatte es nie ganz gereicht, auch nicht für einen vernünftigen Plattenvertrag. Zudem war mit dem Zusammenbruch der DDR die Aufbruchstimmung auf einmal weg, damit auch unsere Inspiration. Auf einmal standest du da, mit einem kapitalistischen System, in dem alles plötzlich angeblich total »super« war. Mit dem gleichen Schub weitermachen hat irgendwie nicht funktioniert. Wir haben uns schnell darauf geeinigt, uns aufzulösen. Nach einer gewissen Zeit traf ich dann meinen alten Kumpel Jörg Schittkowski wieder, der machte Industrial mit Hackgitarren: Automatic Noir war dann aber genau dieselbe Tour wie mit den FDIO - hier und da war’s mal schön, in Meißen oder Dresden war’s sehr dankbar, aber weiterführend war da nichts. Die gleichen Locations, die gleiche Perspektive. Da hatte sich auch ein gewisser Frust eingestellt.

Deutlich später, erst im Alter von 40 Jahren wurden Sie dann zum Rummelsnuff.

Jahre vergingen und die Zeit war reif, mal wieder was zu tun, und ein paar Bekanntschaften dachten dasselbe. Nicht nur immer Jobs im Sicherheitsdienst oder Einlass beim Sportstudio machen. Ich hatte mein Krafttraining deutlich verschärft und erst mal geguckt, wohin mich das persönlich so bringt, nicht nur auf der Bühne vor Publikum, sondern auch auf der »Bühne« vor mir selbst. Um 2003 habe ich dann begonnen, wieder Töne auf dem Rechner zu produzieren und instrumentale Tracks anzufertigen. Damals machte in Berlin jeder nur noch Musik ohne Gesang und alle meinten, das sei so tolle Musik - mich hat das aber nicht besonders lange interessiert.

Was wollte man damit mitteilen, was sollte das Ganze? Ich empfand das als unfertig. Dann kam der Schauspieler Roman Shamov auf mich zu, der das alles total geil fand und eigene Texte darüber gesprochen hat. »Fett in die Fresse« auf dem ersten Album ist ein Song aus dieser Phase. Das funktionierte erst mal ganz gut, auf Dauer wurden mir seine Ansätze dann aber doch zu zart. Mein aktueller Partner Maat Asbach hat Rummelsnuff dann mit zu dem gemacht, was er heute ist.

Das Virus macht weiter. Gegen Corona, die Normalität und das »Immerhin«: Thomas Ebermann betrachtet die »Störung im Betriebsablauf«

Diese frühen Arbeiten beschäftigen sich doch noch eher mit Fetischthemen. Wie entstand nun der thematische Schritt zur Bratwurstzange?

Ich wollte nicht unbedingt schwules Zeug machen, ich hatte ja auch kein schwules Publikum. Ich habe zwar im Berghain auf der »Smegma«-Party gespielt, das war auch wunderbar, aber das hat sich nicht so erhalten. Wo willst du das anderswo als in Berlin auch machen? In Köln haben wir es versucht, da hat es funktioniert, aber eben nicht bei Schwulenpartys - die wollten eher so was wie Kylie Minogue haben. Ich bin auch nicht der Typ, der diese homosexuelle Feierkultur verkörpert. Selbst das Berghain-Publikum geht ja auch nicht unbedingt zum Henry-Rollins-Konzert, obwohl sie den optisch bestimmt geiler finden als Kylie.

Rummelsnuff & Asbach: »Äquatortaufe« (Out of Line/Rough Trade)

Livekonzerte: 27.8. Berlin; SO 36; 4.9. Jena, Paradiesgarten; 10.9. Bremen, Lagerhaus; 17.9. Köln, EDP; 9.10. Erfurt, Museumskeller

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung