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  • Großbritanniens Außenpolitik

Der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund

Die Niederlage in Afghanistan schlägt hart auf das enge Verhältnis der Briten zur Führungsmacht USA durch

  • Von Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Debakel in Afghanistan hat zu einer außenpolitischen Sinnkrise in London geführt. Die enge Beziehung zu den USA scheint vorbei - und damit muss sich London neu orientieren. Nur wohin? Am Mittwoch gab sich der britische Außenminister dennoch überraschend zuversichtlich: Natürlich spiele die »Special Relationship« zwischen Großbritannien und den USA nach wie vor »eine sehr wichtige Rolle«, sagte Dominic Raab. Sicher zählt es zu seinem Job, die »besondere Beziehung« zu Washington in der Öffentlichkeit zu unterstreichen, aber dass er seine Worte selbst glaubt, ist unwahrscheinlich. Immerhin hatte der Vortag gezeigt, dass das genaue Gegenteil zutrifft, nämlich dass die US-Regierung den Wünschen Großbritanniens überhaupt keine Bedeutung zumisst.

Der virtuelle G7-Sondergipfel zur Krise in Afghanistan, den Premierminister Boris Johnson einberufen hatte, endete mit einer herben Enttäuschung für die Europäer: Vor allem Deutschland, Frankreich und Großbritannien hatten versucht, Joe Biden zu einer Fristverlängerung für die Evakuierung von Ausländern und gefährdeten Helfern der westlichen Streitkräfte aus Kabul über den Stichtag 31. August hinaus zu überreden - aber Biden lehnte dies klar ab.

Für die britische Regierung ist der Rückschlag besonders schmerzhaft. Denn Johnson hatte den Gipfel wohl auch mit dem Hintergedanken auf den Weg gebracht, seinen Anspruch auf eine globale Führungsrolle zu untermalen - und zu zeigen, dass das Land einen gewissen Einfluss auf den großen atlantischen Partner hat; schließlich versteht sich London traditionell als bester Freund Washingtons. »Etliche Länder wollten prüfen, ob wir ein paar Tage mehr bekommen können. Doch nun ist ganz klar, dass wir den Job bis Ende August abschließen«, zog Raab Bilanz.

Das ernüchternde Ergebnis der Unterredungen zwischen den Staats- und Regierungschefs sowie die Afghanistan-Krise insgesamt zwingt die Briten jedoch, ihre internationale Rolle gründlich zu überdenken. Das Bündnis mit den USA, seit Jahrzehnten die dickste Säule der britischen Außenpolitik, scheint plötzlich ausgesprochen brüchig, von einem Verhältnis auf Augenhöhe kann ohnehin keine Rede sein. »Die ›Special Relationship‹ ist sehr, sehr lädiert«, sagte ein Abgeordneter der konservativen Tories im britischen Parlament zum »Guardian«. Er findet sogar, dass das Verhältnis zwischen den beiden Ländern seit über einem halben Jahrhundert nicht mehr so schlecht war.

Die Anbindung an die USA war in der Nachkriegszeit eine Konstante der britischen Außenpolitik. Das britische Nuklearprogramm etwa, dank dem sich Großbritannien noch immer als Großmacht geriert, ist vollständig abhängig von US-amerikanischer Ausrüstung und Expertise. Unter Premierminister Tony Blair (1997-2007) von der Labour-Partei erreichte die Zusammenarbeit mit den USA einen neuen Höhepunkt: Völlig ergeben folgte Blair dem neokonservativen US-Präsidenten George W. Bush in den »Krieg gegen den Terror«, der mit der Invasion in Afghanistan vor zwanzig Jahren begann.

So war es denn auch Blair, der Biden jetzt mit den schärfsten Worten kritisierte: Der Rückzug aus Kabul sei »tragisch, gefährlich und unnötig«, schrieb der ehemalige Premierminister am Wochenende. Die Empörung ist verständlich, denn für Blair und weite Teile des britischen Polit-Establishments, ist mit einem Mal die Illusion geplatzt, dass es die »Special Relationship« tatsächlich gibt - und dass sie eine angemessene Grundlage für die britische Außenpolitik darstellt.

Dabei hatte Brexit-Britannien sich vom EU-Austritt gerade eine erneute Annäherung an den atlantischen Partner erhofft. »Unser Einfluss wird durch stärkere Allianzen und Partnerschaften vergrößert«, sagte Boris Johnson im März. »Keine Beziehung ist für die britischen Bürger wichtiger als jene mit den USA.« Unter anderem soll ein umfassendes Handelsabkommen geschlossen werden, das diese Partnerschaft zementiert. Aber die Gespräche darüber sind versandet. Bei der britischen Regierung sei wohl »die Realität ins Bewusstsein gedrungen«, sagte Harry Broadman, der unter US-Präsident Bill Clinton Handelsverträge aushandelte - sprich: Für die USA hat ein neues Abkommen mit Großbritannien schlichtweg keine Priorität.

So ist das britische Establishment in eine tiefe Sinnkrise geraten. Die kalte Schulter Washingtons kommt gerade zu einer Zeit, als Großbritannien selbst auf Distanz zu den anderen Europäern geht. Der Traum vom »globalen Britannien«, das nicht mehr bloß über den Ärmelkanal blickt, sondern auf die Weltmeere, scheint bereits begraben.

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